Eine Frau liegt morgens um 3.30 Uhr auf einer Parkbank. Die 40-Jährige ist tot – gestorben durch Gewalt gegen den Oberkörper, wie Polizei und Staatsanwaltschaft später mitteilen werden. Kurz darauf wird ein 46-Jähriger festgenommen. Er kommt später in Untersuchungshaft. Er und die Getötete sollen sich gekannt haben, heißt es. In welchem Verhältnis sie genau standen, ist nicht bekannt. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass am 9. Februar an der Altenhofer Straße in Neu-Hohenschönhausen der erste Femizid in Berlin in diesem Jahr begangen wurde.

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So sahen es die knapp 70 Menschen, die am Mittwochmittag vor dem Bezirksrathaus Lichtenberg an der Möllendorffstraße zusammenkamen. Nur etwa einen Kilometer vom Auffindeort entfernt brachten sie ihre Wut und ihre Trauer über die Tat zum Ausdruck. „Man tötet nicht aus Liebe“ oder „Femizide sind Morde“ stand auf den Transparenten und Plakaten. Unter anderem wurde kritisiert, dass solche Taten oft nur als Totschlag abgeurteilt werden.

Femizide verdeutlichen das gesellschaftliche Problem patriarchaler Gewalt
Eine einheitliche Definition von Femiziden gibt es nicht. Gemeint ist jedoch immer die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Sie resultieren, wie Gewalt gegen Frauen insgesamt, meist aus vermeintlichen Besitzansprüchen von Partnern oder Ex-Partnern, Vätern oder Brüdern. „Femizide und Gewalt gegen Frauen sind ein strukturelles und gesamtgesellschaftliches Problem“, heißt es auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.
„Wir sind hier, weil erneut eine Frau aufgrund patriarchaler Gewalt brutal ermordet wurde“, sagte Lisa, die in einem Frauenhaus arbeitet. Sie und andere Mitarbeitende feministischer Anti-Gewalt-Projekte haben zur Kundgebung aufgerufen, die mit mehreren Forderungen verbunden war.
Frauenhausplätze fehlen in Berlin: Istanbul-Konvention ungenügend umgesetzt
So hat die deutsche Hauptstadt nach Berechnung der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e. V. (BIG) 466 Frauenhausplätze zu wenig. Die Istanbul-Konvention, der Deutschland im Kampf gegen häusliche Gewalt 2018 beitrat, gilt auch in anderen zentralen Punkten als bislang nicht ausreichend umgesetzt. Es fehle an Beratungsangeboten, an Geld und an Zugängen.

Monika Maas aus dem Frauenbeirat des Bezirks Lichtenberg sieht das Problem auch in einer fehlenden Sensibilisierung seitens Polizei und Justiz, insbesondere in den Familiengerichten. Partnerschaftsgewalt setze früher an und habe viele Dimensionen, die nicht unbedingt nach außen sichtbar seien. „Jeder, der in diesen Institutionen arbeitet, muss wissen, was emotionale, sexualisierte, kontrollierende und ökonomische Gewalt ist.“
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Vorwurf: Polizei reagiert oft zu spät auf Gewalt gegen Frauen

Beim Schutz von Frauen vor Gewalt seien staatliche Institutionen teils untätig, so Maas weiter. „Frauen wird nicht geglaubt. Die Polizei wird erst tätig, wenn etwas passiert ist. Drohungen, Morddrohungen, Stalking oder Kontrollverhalten werden heruntergespielt.“ Männern gelinge es, die Polizei davon zu überzeugen, dass die Frau „überemotional“ sei. Die wiederum würde aus Angst nicht widersprechen. „Kann die Frau wenig oder kein Deutsch, hat sie eine noch geringere Chance, in ihrer Not gesehen und ernst genommen zu werden.“
Es ist nicht länger hinnehmbar, dass die Verlustgefühle eines verlassenen Ehemanns strafmildernd wirken und ein Femizid häufig als Totschlag eingeordnet wird.
Monika Maas, Frauenbeirat des Bezirks Lichtenberg
Laut Bundeskriminalamt (BKA) gab es 2024 fast 266.000 Opfer und damit 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 188.000 der Opfer sind weiblich. Die Berliner Staatsanwaltschaft bearbeitete zwischen 2021 und 2025 insgesamt 70.000 entsprechende Verfahren. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Dunkelfeldstudie des Bundesfamilien- und des Bundesinnenministeriums kam zu dem Schluss, dass bei Partnerschaftsgewalt nur eine von 20 Taten angezeigt wird.
Männer sollen bei Gewalt nicht wegsehen und Verantwortung übernehmen

Die Rednerinnen riefen am Mittwoch auch Männer dazu auf, nicht wegzusehen, wenn einer ihrer Geschlechtsgenossen gewalttätig wird. Sie müssten außerdem in der Familie mit ihren Söhnen, Brüdern und anderen Angehörigen darüber reden.
Das bekräftigte auch Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Martin Schaefer, der als einziger Mann bei der Demonstration vor seinem Amtssitz sprach. Für den Verlust eines Menschenlebens dürfe es keine erklärenden Worte, sondern nur Trauer und Wut geben. „Es ist einfach schrecklich, was in unserem Land und weltweit geschieht“, so der CDU-Politiker im Hinblick auf die Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind.
Bei der Umsetzung der Forderungen sind die Möglichkeiten eines Bezirks begrenzt. Lichtenberg will trotzdem mit einem eigenen Frauenberatungszentrum einen Beitrag leisten. Dieses solle in diesem Jahr mit der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirks und einer weiteren Beratungsstelle an den Start gehen, sagte Schaefer. Im kommenden Jahr sollen eine dritte Mitarbeiterin und Räume folgen. „Ich hoffe, dass wir als Bezirk eine Anlaufstelle schaffen für die vielen Frauen, die Beratung brauchen.“





