Eine Aktion für den guten Zweck in Berlin nimmt plötzlich ungeahnt dramatische Ausmaße an. In elf von zwölf Bezirken sollten ab nächstem Montag Kaffeepäckchen für die Kältehilfe um die Wette gesammelt werden. Im Rahmen der jährlichen Aktion riefen die Bezirksbürgermeisterinnen und -bürgermeister die Berliner dazu auf, möglichst viele Packungen abzugeben. Je nach Menge spenden dann die Einzelhändler Michael Lind, Hasan Ilter, Mike Baer und Ralf Oelmann eine bestimmte Geldsumme – so gibt es für mindestens 500 Kaffeepäckchen jeweils 2500 Euro für die Kältehilfe im Bezirk. Initiiert hatte die „Kaffeewette“ vor sieben Jahren Michael Lind gemeinsam mit dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD).

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Doch die Aktion ist jetzt gestoppt. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) untersagte in einem Schreiben an die Bezirke die Kaffeewette. So wie sie in dieser Form durchgeführt werde, bestünde der Verdacht auf Käuflichkeit oder Bestechlichkeit. Zuvor hatte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Bedenken geäußert und den Vertrauensanwalt des Landes Berlin eingeschaltet, dieser wiederum die Stelle für Korruptionsbekämpfung bei der Generalstaatsanwaltschaft. Ermittlungen gab es aber nicht, stattdessen zeigte die Behörde die Einholung der Genehmigung der Senatskanzlei als Lösung auf. Doch diese gab es von Wegner nicht. Zuerst berichtete der „Tagesspiegel“.

Plenarsitzung Berliner Abgeordnetenhaus
In der Diskussion um die Kaffeewette hat Berlins Bürgermeister Kai Wegner ein Machtwort gesprochen.© Bernd von Jutrczenka/dpa | Bernd von Jutrczenka

Neuköllns Bezirksbürgermeister Hikel reagierte empört auf Wegners Verbot: „Der Regierende Bürgermeister schlägt seinen Bürgerinnen und Bürgern und den engagierten Unternehmerinnen und Unternehmern seiner Stadt mitten ins Gesicht.“ Die gemeinsame Aktion habe ein Zeichen des Zusammenhalts gesetzt.

Neuköllns Bürgermeister: „Vorwurf einer Vorteilnahme ist schon absurd“

Keine Sekunde habe dabei jemals der Verdacht auf eine Vorteilnahme bestanden. „Alleine der Vorwurf einer Vorteilnahme ist schon absurd“, stellte der Bezirksbürgermeister in einer Pressemitteilung klar. Er berichtete auch, dass die Unternehmer online in Kommentaren beschimpft werden. Die Unternehmer hätten ihre öffentliche Ankündigung für Spenden für die Kältehilfe mittlerweile zurückgezogen. Damit wollten sie Schaden von sich abwenden.

„Als Bezirksbürgermeister muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die Korruptionsbekämpfenden des Landes und der Regierende Bürgermeister Spendenaktionen für die Kältehilfe verhindern und unsere einzigartige Aktion gestoppt haben. Als Bürger dieser Stadt bin ich fassungslos“, so Hikel.

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In der Mitteilung gab der SPD-Politiker Wegner auch noch einen Seitenhieb mit: „Spenden für das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters sind möglich – aber nicht für die Obdachlosen in Berlin.“ Laut „Tagesspiegel“, dem das Schreiben an die Bezirke vorliegt, äußerte die Senatskanzlei nicht nur rechtliche Bedenken, sondern bot auch eine Lösung an. „Denkbar wäre es beispielsweise, dass Ihre Behörden die Kaffeepäckchen der Bürgerinnen und Bürger als Sammelstelle für die Berliner Kältehilfe entgegennehmen, ohne dass eine zusätzliche Spende durch verschiedene Unternehmen erfolgt und ohne dass man gemeinsam mit den Unternehmen zu der Aktion aufruft.“

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Hikel teilte mit, dass Neukölln weiter Kaffeepäckchen sammelt. Die Spenden können vom 19. Januar bis 5. Februar 2026 im Rathaus Neukölln (Pforte) und in drei Neuköllner Bibliotheken (Gertrud-Haß-Bibliothek, Gertrud-Junge-Bibliothek, Margarete-Kubicka-Bibliothek) abgegeben werden.

Initiator Michael Lind außer sich: „Ich bin zutiefst geschockt“

„Ich bin zutiefst geschockt, kann seit gestern Nachmittag kaum noch einen klaren Gedanken fassen“, sagte Michael Lind, Einzelhändler und Initiator der Aktion. Lind ließ seinem Ärger in einer E-Mail, die unter anderem auch an Berlins Regierenden Kai Wegner und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ging, freien Lauf. So hätte er in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte finanziell unterstützt. Seitdem öffentlich wurde, dass die Kaffeewette zwischen den Bezirken in diesem Jahr nicht mehr stattfindet, klingele sein Telefon dauerhaft. „Ich muss mich immer wieder rechtfertigen, erklären und noch schlimmer, verteidigen“, so der Unternehmer.

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Lind betonte, selbst nie aktiv für die Kaffeewette geworben zu haben. „Ich traue mich nicht mal eigene Plakate dazu aufzuhängen. Genau weil ich immer Angst davor hatte, persönlich angegriffen zu werden“, schrieb der Einzelhändler weiter. „Überprüfen Sie meine Umsätze, ich stehe überall bereit, aber das kann ich über meine Person nicht stehen lassen.“