Liebe Leserin, lieber Leser,
manchmal bin ich verwirrt. Nur für einen kurzen Moment orientierungslos. Das passiert mir meistens bei Widersprüchen zwischen Wahrnehmung und Erinnerung. Beispielsweise wenn ich einen Ort auf eine Art im Gedächtnis habe, die mit dem kollidiert, was meine Augen mir vermitteln. Wahrscheinlich bin ich da kein Einzelfall.

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Dieses Gefühl beschleicht mich jedes Mal, wenn ich das „Heritage“ am Gendarmenmarkt betrete. Obwohl Herbert Beltle das Restaurant schon vor Jahren aufgegeben hat, stehe ich für einen kurzen Moment immer noch im „Aigner“, erwarte Küchenchef Andreas Klitsch auftauchen zu sehen und von Beltle herzlich empfangen zu werden.
Dieses Mal wurde das Erlebnis sogar noch mal gesteigert, denn mich empfing – ebenso herzlich – eine Dame, die mir vom Gesicht her sehr bekannt vorkam, der Name... Naja, Sie wissen ja Bescheid. Aber ich brachte sie nicht mit dem „Heritage“ in Verbindung. Irgendwann klärte sie mich auf. Ihr Name: Sheila Scheidemann. Und bei dem Vornamen erklang dröhnend in meinem Gedächtnis ein Gong. Ich hatte sie einst im benachbarten „Regent“ kennengelernt, das ja schon seit längerem geschlossen hat und still und dunkel an der Ecke Charlotten- und Französische Straße steht. Bei einem Morgenpost-Tasting. Was für eine schöne Koinzidenz, denn ich war ebenfalls zu einem Probetermin für ein Morgenpost-Tasting da.

Zusammen mit Küchenchef Philipp Lentz und Bartender Kivanc Cemaloglu serviert die F&B Outlet Managerin fünf Cocktails und Begleitgänge, die es in sich haben. Die Drinks sind anspruchsvoll, komplex und fordern Aufmerksamkeit, Konzentration und alle Sinne. Ihre Namen: Piña Martini, Cloudy Winter, Cosmic Kiwi, Bloom und Raspberry Ginger Collins. Dazu serviert Lentz wunderbare Gänge: ein kleines Steak Tartare mit Rührei, eine gratinierte Auster, ein himmlisches Bao Bun mit gezupfter Gans und Rotkohl-Kimchi, einen geflämmten Lachs und Bratapfel legère. Es war ein wunderbarer Nachmittag, der den grauen Tag um einiges aufhellte. Wie Cocktails und Gänge schmecken und wie Sie reservieren können, erfahren Sie in meinem Bericht. Sie können auch etwas gewinnen.
Raclette und Fondue: Auf den Käse kommt es an

Meine Frau liebt Raclette. Ich kann das gut verstehen, das gesellige Beisammensein, das Brutzeln und Gratinieren über mehrere Stunden hinweg, die frei Wahl der Beilagen, das hat was, ähnlich wie Käsefondue. Wobei wir in Frankreich den Mont d‘Or entdeckt haben, den es sowohl in Frankreich als auch in der Schweiz gibt. Das ist ein Ofenkäse, der natürlich nichts, aber auch so gar nichts mit dem sogenannten Ofenkäse gemein hat, den es hierzulande im Supermarkt zu kaufen gibt. Man schneidet ein Loch in den Käse, der in einer Holzschachtel geliefert wird, steckt eine Knoblauchzehe hinein, gießt etwas Weißwein darüber und ab in den Ofen. Dann nur noch mit etwas Pfeffer nachwürzen und etwas Baguette hineintauchen, das ebenfalls nichts, aber auch so gar nichts mit dem „Stangenweißbrot“ gemein hat, das es bei uns gibt, und das Leben könnte kaum schöner sein.
Vergangenes Jahr machten wir an Silvester also auf Wunsch meiner Frau Raclette, zusammen mit den Nachbarn. Ich baute das Gerät auf, das aus einer Bratplatte und Vertiefungen für die Pfännchen besteht und briet schon mal etwas Pancetta oben darauf an, um die Fläche vorzufetten. Plötzlich ein infernalisches Gepiepse, von dem ich erst dachte, es käme von draußen, von einer Alarmanlage. Erst nach einer Schrecksekunde bemerkte ich, dass ich das Gerät direkt unter dem Rauchmelder aufgebaut hatte. Der brutzelnde Speck hatte das Gerät natürlich mit seinen Rauchschwaden ausgelöst. Es wurde trotzdem ein schöner Abend – nachdem ich eine Leiter geholt und den Rauchmelder kurzerhand abgebaut und damit außer Funktion gesetzt hatte. Erst später sah ich, dass auch das Smart-Home-System wunderbar funktioniert hatte, mein Handy war voll mit Alarmmeldungen, dass es bei mir brenne.

Solchen kleinen Gefahren zum Trotz steht dieses Jahr Raclette wahrscheinlich sogar am ersten Feiertag auf dem Programm, statt Filet Wellington oder Festtagsrouladen, ein Wunsch meiner Schwiegermutter, dem ich natürlich gerne nachkomme, macht er mir doch deutlich weniger Arbeit. Den Geruch, der tagelang in der Wohnung hängt, nehme ich gerne dafür in Kauf. Immerhin hat meine Schwägerin mir gerade erst wieder in Erinnerung gerufen, wie viel Arbeit es machen kann, für zahlreiche Menschen zu kochen, hatte ich doch zu ihrem Geburtstag Grünkohl mit Bregenwurst und Nudelsalat mitgebracht sowie mehrere Sorten selbst aromatisierter Cashew-Nüsse und Parmesanchips. Ich weiß, Eigenlob stinkt, aber es kam wohl alles sehr gut an – und ja, mir macht es Freude, andere zu bekochen.
Natürlich gibt es bei Raclette und Käsefondue diverse Traditionen. So wird der Käse beim Raclette im Original für sich geschmolzen und über kleine Beilagen geschabt, daher der Name, denn „racler“ heißt schaben. Typische Schweizer Beilagen sind „Gschwellti“ (Pellkartoffeln), ein paar Cornichons oder Silberzwiebeln und Pfeffer aus der Mühle, manche essen auch etwas luftgetrocknetes Bündner Fleisch dazu. „Die deutsche Art, Raclette mit jeder Art von Beilagen sowie Steaks, Fisch und Garnelen zu servieren, ist in der Schweiz absolut unüblich. Bei uns steht der Käse und sonst gar nichts im Vordergrund“, sagte Chris Kaiser vom „Chuchichäschtli“ am Rüdesheimer Platz meiner Kollegin Gesa Noormann.
Genau, der Käse steht im Vordergrund. Als ich den Artikel las, ertappte ich mich schamhaft dabei, dass ich auch immer einfach den Käse aus dem Supermarkt geholt hatte. Da gibt es also noch einiges zu entdecken. Und den Rauchmelder baue ich dieses Mal gleich im Vorfeld ab.
Wohin an Weihnachten und Silvester?

Natürlich gibt es viele, die sich das ganze Drumherum gar nicht antun wollen und an den Feiertagen lieber essen gehen. Verständlich, die Zubereitung und das Verspeisen mag ja noch eine Freude sein, aber das Aufräumen, Abwaschen, Saubermachen, das ist dann schon unschön, vor allem, wenn es am Abend doch ein Glas Wein zu viel war. Zum Glück ist das in Berlin kein Problem, denn es gibt natürlich viele Restaurants, deren Teams das eigene Weihnachten und Silvester hinten anstellen und arbeiten, um ihren Gästen ein Angebot für die Feiertage zu machen. Augen auf bei der Berufswahl, kann ich da nur sagen 😉.
Offenbar sind es sogar sehr viele Menschen, die solche Menüs wahrnehmen, denn Franz Michael Rohm stand bei seiner Aufgabe, Ihnen eine attraktive Auswahl vorzustellen, vor dem Problem, dass viele Restaurants bereits restlos ausgebucht waren. Dennoch hat er es geschafft, Ihnen Restaurants zusammenzustellen, die besondere Weihnachtsmenüs und Silvesterparty anbieten. Reservieren ist allerdings nicht nur empfohlen, sondern Pflicht!
Ich setze dann mal die nächste Portion Grünkohl an, meine Frau möchte unbedingt einen Nachschlag, wünsche Ihnen viele spannende Geschmackserlebnisse beim Tasting im „Heritage“, alarmfreie schöne Stunden mit Raclette oder Käsefondue und viel Erfolg bei der Reservierung Ihres Weihnachtsmenüs – und wie immer eine genussvolle Woche.
Herzlich, Ihr
Alexander Uhl
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