Kai Wegner kämpfte mit den Tränen. Die Schilderungen der Überlebenden der monströsen Hamas-Attacke auf das Nova-Musikfestival, die Bilder der 411 Ermordeten und 43 entführten Geiseln, die Beileidsbekundungen, die zerfetzten Zelte und verbrannten Autos, all das ging Berlins Regierendem Bürgermeister und seinen Senatsmitgliedern sichtlich an die Nieren. Immer wieder umarmte der Christdemokrat die jungen Überlebenden, die mit dieser Ausstellung und der Nova-Stiftung unter dem Motto „We will dance again“ das schreckliche Geschehen verarbeiten.

Montag bis Samstag

Morgenpost der Chefredaktion

Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Aber auch in einem so hochemotionalen Moment holten Wegner die Niederungen der Berliner Landespolitik ein. Die Affäre um unsauber und gegen den Rat der Fachmitarbeiter vergebene Fördermittel der Kulturverwaltung für besondere Projekte gegen Antisemitismus sorgte auch nach dem Ausstellungsrundgang für Nachfragen. Auch die Nova-Ausstellung gehörte dazu, 1,4 Millionen Euro steuerte Berlin für die Schau in der Haupthalle des Flughafens Tempelhof bei, die noch bis zum 16. November zu sehen ist. Die Unmenschlichkeit und Brutalität, mit der Hamas-Terroristen die überwiegend jungen, feiernden Menschen abschlachteten, sei unvorstellbar, so Wegner. Gerade junge Menschen und Schulklassen sollten die Ausstellung sehen, damit sich dort „die eine oder andere Denkweise“ ändert.

Kai Wegner (CDU, l.), der Regierende Bürgermeister, lässt sich von Omri Sasi, dem Produzenten der Nova Music Festival-Ausstellung, Fotos auf dem Handy zeigen. Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) hört ebenfalls zu.
Kai Wegner (CDU, l.), der Regierende Bürgermeister, lässt sich von Omri Sasi, dem Produzenten der Nova Music Festival-Ausstellung, Fotos auf dem Handy zeigen. Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) hört ebenfalls zu. © Sebastian Christoph Gollnow/dpa | Sebastian Gollnow

„Es war mir wichtig, dass diese Ausstellung in Berlin Halt macht“, sagte Kai Wegner

„Es war mir wichtig, dass diese Ausstellung in Berlin Halt macht“, sagte Wegner. Berlin sei nach Stationen in Israel und Nordamerika die erste in Europa. Es sei notwendig, dass viele Menschen diese Schau sehen, um zu erfahren was wirklich am 7. Oktober 2023 passiert ist, um die Geschichte nicht zu verklären oder zu schönen, so der Regierende Bürgermeister, der an der Seite von Israels Botschafter Ron Prosor sprach. Der Diplomat hatte Wegner den Kontakt zur Nova-Foundation vermittelt. Es sei beeindruckend, wie die Ausstellung mit dem Erlebten umgehe, sagte der Regierende Bürgermeister. Denn der Rundgang endet in hellen Räumen, die Zuversicht versprühen und Botschaften von Harmonie und Liebe vermitteln: „Ich weiß, dass man Dunkelheit nicht mit mehr Dunkelheit besiegt, sondern mit Licht.“ Israels Botschafter setzte einen etwas anderen Akzent: „Wir müssen kämpfen, damit sich so etwas nicht wiederholt“, sagte der Diplomat.

Was der Hamas-Angriff vom Campingplatz des Festivals übrig ließ: Die „Nova Music Festival Exhibition“ im Flughafen Tempelhof zeigt authentische Überbleibsel des Terrors, Überlebende führen durch die Schau.
Was der Hamas-Angriff vom Campingplatz des Festivals übrig ließ: Die „Nova Music Festival Exhibition“ im Flughafen Tempelhof zeigt authentische Überbleibsel des Terrors, Überlebende führen durch die Schau. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Auf die Frage, ob er bedauere, dass die Nova-Ausstellung mit der Vergabe-Affäre der Antisemitismus-Projekte in Verbindung steht, reagierte Wegner: Er bedauere gar nicht, dass die Ausstellung in Berlin zu sehen sei. Es sei notwendig, „dass wir nicht nachlassen im Kampf gegen Antisemitismus“, so der Regierungschef: „Wir werden alles daran setzen, dass jüdisches Leben in Berlin sicher ist.“ Prosor beschrieb die Lage so: „Juden haben Angst, in der U-Bahn zu fahren oder an die Universitäten zu gehen“, sagte der Botschafter.

Auch interessant

Wegner setzt für die Aufklärung der Fördermittel-Affäre auf den Rechnungshof

Zu der laufenden Debatte um die irregulär und unter Einflussnahme der CDU-Fraktion verteilten Fördermittel und dem Streit um als politisch missliebig ausgetauschte Jury-Mitglieder für die Vergabe weiterer Antisemitismus-Mittel äußerte sich Wegner ebenfalls. Er erwarte von jedem Demokraten, dass der Kampf gegen Antisemitismus kein „parteipolitisches Thema“ sein dürfe. Man kann das als verkappte Kritik an den Grünen verstehen, die nach Akteneinsicht die Kritik an der Vergabepraxis der CDU-geführten Senatskulturverwaltung auf die Agenda setzten und gemeinsam mit den Linken nun einen Untersuchungsausschuss einsetzen wollen. Über die Nova-Ausstellung könne jedenfalls niemand sagen, dass hier Mittel zweckentfremdet worden seien, stellte der Regierende Bürgermeister klar. Er sei „froh, dass wir einen Topf haben, um eine solche Ausstellung zu finanzieren“.

Tatsächlich steht eher das inzwischen auch von der amtierenden Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos, für CDU) eingeräumte irreguläre Vergabeverfahren in der Kritik. Und einige andere der als „von besonderer politischer Bedeutung“ ohne Jury-Beteiligung finanzierten Projekte scheinen besonders erklärungsbedürftig. So gingen 390.000 Euro an einen Verein mit dem Namen Zera Institute, den Marc Wohlrabe, ein Mitarbeiter des CDU-Parlamentariers Christian Goiny, mitgegründet hat. Wohlrabe sitzt wie Goiny im Vorstand der CDU Lichterfelde.

Wegner verwies auf die von der Kultursenatorin angekündigte Prüfung. Er erwarte von Sarah Wedl-Wilson Aufklärung. „Der Landesrechnungshof wird sich die Vorgänge genau anschauen“, sagte der Regierungschef. Wenn es ein Ergebnis gebe, werde er sich dazu äußern. „Gegebenenfalls wird es Konsequenzen geben“, kündigte Wegner an.