„Ein kleiner Klaps hat noch niemandem geschadet“ – Aussagen wie diese gehören eigentlich der Vergangenheit in der Kindererziehung an. Doch 30 Prozent der Deutschen stimmen dieser Aussage heute noch zu. Das zeigt eine aktuelle Studie – 25 Jahre, nachdem Deutschland am 8. November 2000 Gewalt in der Erziehung per Gesetz geächtet hat.

Warum Gewalt in der Erziehung schadet

Wenn Eltern ihre Kinder körperlich bestrafen, sie ständig herabsetzen oder ihnen das Gefühl geben, an allem schuld zu sein, hinterlässt das tiefe Spuren. Physische wie psychische Gewalt erhöhen das Risiko für langfristige Folgen: geringes Selbstwertgefühl, Angst- und depressive Störungen, Verhaltensauffälligkeiten und Beziehungsprobleme.

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„Der Klaps auf den Hintern – noch immer gesellschaftsfähig“

25 Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes ist gewaltfreie Erziehung noch längst nicht selbstverständlich. Allein Berlins Jugendämter führten 2024 21.273 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls durch. 54 Prozent der Kindeswohlgefährdungen betrafen Vernachlässigung, 16 Prozent körperliche und 26 Prozent psychische Misshandlungen.

Laut einer aktuellen Befragung des Uni-Klinikums Ulm und UNICEF Deutschland lehnen zwar deutschlandweit rund zwei Drittel körperliche Strafen ab, aber: 30,9 Prozent der Befragten halten einen Klaps auf den Hintern für vertretbar, 14,5 Prozent eine leichte Ohrfeige. Der Aussage „Eine Tracht Prügel hat noch keinem Kind geschadet“ stimmten noch fünf Prozent zu.

Jessika Nitzschker vom Kinderschutz-Zentrum in Berlin erklärt gegenüber der Berliner Morgenpost diese Haltung so: „Das könnte daran liegen, dass das Verständnis davon, wann Gewalt anfängt und wann Gewalt Kindern schadet, nicht ausgeprägt ist.“

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Psychische Gewalt: Unsichtbar, aber zerstörerisch

Gewalt gegen Kinder zeigt sich nicht nur in blauen Flecken und Striemen. Weitaus schwerer zu erkennen – und mindestens genauso schädlich – ist psychische Gewalt.

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„In jeder Form von Gewalt ist auch psychische Gewalt enthalten“, erklärt Nitzschker. „Wenn ein Kind einen Klaps auf den Hinterkopf bekommt, eine Ohrfeige oder angeschrien wird, geht das immer mit einer Demütigung oder Entwürdigung einher.“

Die Zahlen zeigen: Fast drei Viertel der Befragten lehnen emotionale Strafen grundsätzlich ab. Einzelne Formen stoßen jedoch auf Zustimmung.

  • 16,1 Prozent halten Anschreien für angemessen
  • 9,2 Prozent das Einsperren ins Zimmer
  • 8,6 Prozent das Nicht-mehr-Sprechen mit dem Kind
  • Rund fünf Prozent befürworten Isolation, Entzug von Zuneigung oder Bloßstellungen

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Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen

Hinter Gewalt gegen Kinder steht oft die Überforderung. „Wenn Eltern Gewalt ausüben, hängt das oft mit Grenzsituationen, Krisensituationen oder systematischer Überforderung zusammen“, erklärt Nitzschker. „Da brauchen Eltern Hilfe und Unterstützung.“

Entscheidend ist, dass das Umfeld aufmerksam ist – Familie, Kita, Schule oder Sportverein. „Wichtig ist, dass jemand wahrnimmt, wenn es dem Kind nicht gut geht“, betont Nitzschker.

Wird Gewalt bekannt, lautet die zentrale Frage: Wie lassen sich die Eltern einbeziehen? „Die meisten Eltern wollen eigentlich, dass es ihren Kindern gut geht,“ sagt Nitzschker. „Trotzdem kommt es noch in zu vielen Familien zu Gewalt.“  Besteht der Wunsch, etwas zu ändern, kann gemeinsam an Lösungen gearbeitet werden. Gelingt dies nicht, sind weitere Schritte über das Jugendamt oder Familiengericht nötig.

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Was getan werden muss: Prävention und Sensibilisierung

Zentral ist die Sensibilisierung von Fachkräften. Sie müssen Warnsignale erkennen: Verändert sich ein Kind stark in seinem Verhalten? Wirkt es plötzlich besonders belastend oder anstrengend – stört im Unterricht, ärgert ständig andere Kinder? „Dann sollte man nicht einfach sagen ‚Das Verhalten muss sich bessern‘, sondern schauen: Ist das Kind vielleicht belastet?“, erklärt Nitzschker.

Es gibt vielfältige Unterstützungsangebote für Eltern, etwa Stadtteilzentren, Elternkurse, spezielle Beratungsstellen und Hilfen über das Jugendamt. Jugendämter und Gerichte haben immer noch Schwierigkeiten, psychische Gewalt gegen Kinder klar zu benennen und entsprechend zu handeln. „Das Allerwichtigste ist, dass die Jugendämter und die freien Träger gut ausgestattet sind, sodass man früh ansetzen kann“, betont Nitzschker.

Experten fordern zudem, den Begriff der gewaltfreien Erziehung gesetzlich weiter zu präzisieren. Neben physischer und psychischer Gewalt müsse auch die Vernachlässigung von Fürsorgepflichten explizit genannt werden.

Die Geschichte der gewaltfreien Erziehung in Deutschland zeigt: Gesetzliche Maßnahmen können zu nachhaltiger gesellschaftlicher Veränderung führen – doch der Weg ist noch nicht zu Ende.