Die vielen Klassenarbeiten, der Notendruck in der zehnten Klasse - irgendwann ist der 16-jährigen Lilly* einfach alles zu viel. Immer häufiger verzieht die Pankower Schülerin sich deshalb in den Hofpausen mit ihren Freunden zum Kiffen. „So ließ sich dann alles irgendwie besser ertragen“, erzählt sie. Doch Lilly gerät schnell in eine Abwärtsspirale. Sie kifft bald jeden Tag, sitzt bedröhnt im Unterricht, schwänzt immer mehr, hat Stress mit ihren Eltern. „Dadurch bin ich in der Schule natürlich noch weniger mitgekommen“, sagt sie. „Aber ich hatte eine richtige Scheiß-Egal-Einstellung.“ Mehr als ein Jahr geht das so, dann bricht Lilly in der elften Klasse kurz vor dem Fachabi die Schule ab. „Das hat sicher nicht nur am Kiffen gelegen“, sagt sie, „aber förderlich war es natürlich auch nicht.“

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Dass Jugendliche und junge Erwachsene in Berlin mehr Cannabis als ihre Altersgenossen im Rest Deutschlands konsumieren, hat vor zwei Jahren eine repräsentative Studie des Hamburger Instituts für interdisziplinäre Suchtforschung (ISD) bestätigt. 44 Prozent der Befragten gaben an, schon mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben. Fast 30 Prozent sagten, sie hätten das in den zurückliegenden 12 Monaten getan, fast 16 Prozent in den vergangenen Tagen. Laut den Studienautoren Jens Kalke und Moritz Rosenkranz zeigten 45,4 Prozent potenziell problematisches Konsumverhalten.

Drogenprobleme in allen Schulformen und Bezirken

„An den Berliner Schulen gibt es auf jeden Fall ein Drogenproblem“, sagt Orcun Ilter, Vorsitzender des Berliner Landesschülerausschusses und Schüler am Reinickendorfer Gabriele-von-Bülow-Gymnasium. „Sei es auf der Schultoilette, dem Schulhof oder vor dem Schultor, es wird nicht nur konsumiert, sondern auch gehandelt, vor allem mit Cannabis, aber auch immer häufiger mit härteren Drogen.“ Das Problem ziehe sich durch alle Schulformen und alle Bezirke. „An einem Zehlendorfer Gymnasium werden genauso Drogen konsumiert wie an einer Neuköllner Sekundarschule“, sagt Ilter. Er selbst habe schon erlebt, wie im Umfeld seiner Schule auch härtere Drogen angeboten wurden oder Schülerinnen und Schüler bedröhnt im Unterricht saßen.

Mittlerweile seien auch immer häufiger Grundschulen betroffen. „Schon Fünft- und Sechstklässler vapen“, sagt Ilter. Vapes seien leicht zu besorgen und schmeckten durch die süßlichen Geschmacksrichtungen wie Wassermelone auch den Kindern, die keine normale Zigaretten anfassen würden. „In den Schultoiletten riecht es oft nach den fruchtigen Vapes“, so Ilter. Die Lehrkräfte seien nach seiner Erfahrung mit der Drogenproblematik oft überfordert. Auf Initiative des Landesschülerausschusses fand deshalb im vergangenen Jahr erstmalig ein Runder Tisch zum Thema Drogen an Schulen in der Bildungsverwaltung statt. Das sei ein Anfang, reiche aber nicht aus, so Ilter. „Das Thema Drogen muss immer wieder fest im Unterricht implementiert werden“, sagt er, „außerdem brauchen die Lehrkräfte Fortbildungen zur Drogenproblematik, damit sie einen bewussteren Umgang damit schaffen.“

„Berlins Kampf gegen Drogen“

Drogentaxis, Konsum in der Öffentlichkeit, Dealer mit Visitenkarten – illegale Drogen sind Teil des Alltags in Berlin. Die Anzahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. In der mehrteiligen Serie „Berlins Kampf gegen Drogen“ zeigen wir, wie tief das Thema in der Stadt verankert ist – und wie es das Leben von Abhängigen, Ärztinnen, Polizisten, Eltern und vielen anderen beeinflusst. Alle Teile der Serie finden Sie hier.

Digitalisierung im Drogenhandel erleichtert den Konsum

An einigen Berliner Schulen klappt das auch ganz gut, an anderen eher weniger. Oft melden sich die Schulen, nachdem es einen Vorfall gegeben hat bei der Fachstelle für Suchtprävention Berlin, die Workshops und Beratungen für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler anbieten. Diese Herangehensweise sei allerdings nicht besonders zielführend, so Anna Freiesleben, Referentin der Fachstelle. „Suchtprävention ist keine Feuerwehr“. „Sie wirkt, wenn sie nachhaltig und langfristig gedacht ist.“ Nach ihrer Erfahrung sind an den Schulen vor allen Dingen Alkohol, Nikotin, Cannabis und die Mediennutzung problematisch. „Jugendliche, die Drogen wie Ecstasy oder Kokain konsumieren, sind nicht die breite Masse“, sagt Freiesleben.

Da die Schulworkshops ohne Lehrkräfte stattfinden, würden die Schülerinnen und Schüler sich auch trauen, sich zu öffnen. „Es gibt große Unterschiede“, sagt sie, „manchmal kiffen Jugendlichen einmal, um es auszuprobieren, andere kiffen hingegen schon vor der Schule, weil sie die Belastungen im Schul- oder Familienumfeld sonst nicht aushalten. Darauf müssen wir individuell eingehen.“

In den letzten Jahren sei es für Schülerinnen und Schüler immer leichter geworden, auch an harte Drogen zu kommen. „Das liegt vor allem an der Digitalisierung im Drogenhandel“, sagt Freiesleben. Die Hürde, einen Dealer anzusprechen, sei weggefallen, die Jugendlichen könnten alle Drogen über Telegramm-Gruppen online bestellen und bekommen sie geliefert. „Das ist schon sehr einfach“, sagt Freiesleben. Umso wichtiger sei es, über diese Themen in der Schule offen zu sprechen. „Doch auch wir sind von Kürzungen betroffen“, sagt Freiesleben. „„Wenn wir in den kommenden Jahren wirklich bis zu 350.000 Euro weniger bekommen, fallen bei uns mehrere Personalstellen weg und wir können weniger Workshops für die Schulen anbieten.“

Suchtprävention ein Thema im Rahmenlehrplan

Aus der Bildungsverwaltung heißt es hingegen, dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie den Kinder- und Jugendschutz sehr ernst nehme. „Unser Anspruch ist es, Schülerinnen und Schüler früh zu stärken, Risiken zu begegnen, bevor sie entstehen, und Schulen in dieser Aufgabe nicht allein zu lassen“, so ein Sprecher. Außerdem sei Suchtprävention eines der zentralen Handlungsfelder im Rahmen der schulischen Gesundheitsförderung, welche als übergreifendes Thema Teil des Rahmenlehrplans ist.

Lilly, die mittlerweile 20 Jahre alt ist, hat mit dem Kiffen von sich aus aufgehört. „Ich habe mich damit irgendwann einfach nicht mehr so wohl gefühlt“, sagt sie. Auch die meisten ihrer Freunde würden mittlerweile die Finger von Cannabis lassen. „Es war mehr so eine Phase für uns“, so Lilly. Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendlichen, die früh angefangen haben, Joints zu rauchen, hat sie die Kurve noch rechtzeitig bekommen. „Mein Verhältnis zu meinen Eltern ist auch wieder gut“, sagt sie. „Ich jobbe im Moment und möchte bald eine Ausbildung im Handwerk anfangen.“

*Name geändert