Ein Joint beim Feiern, eine Tüte abends mit Freunden oder noch kurz einen rauchen, um besser einzuschlafen: In Berlin wird gekifft, und zwar bei jungen Menschen mehr als im Rest des Landes. Dabei haben sie große Wissenslücken über Risiken des Konsums. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie zum Konsum von Cannabis, deren Ergebnisse Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) und die Geschäftsführerinnen der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin, Kerstin Jüngling und Anke Timm, am Montag vorstellten. Besorgniserregend sind der Anstieg des Cannabiskonsums nach der Corona-Pandemie sowie der Anstieg von potenziellen abhängigen Menschen. Die Erkenntnisse dürften demnach auch die derzeitigen Diskussionen über die Freigabe von Cannabis in Berlin weiter verschärfen.

Montag bis Samstag
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Für die Studie wurden im Zeitraum von Ende September bis Ende Oktober des vergangenen Jahres 2.410 Berliner im Alter von 16 bis 27 Jahren befragt. Sie gilt damit als repräsentativ. Die Fachstelle für Suchtprävention untersuchte dabei gemeinsam mit dem Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) den Konsum von Cannabis sowie die Einstellungen dazu. Finanziert wurde die Umfrage mit 100.000 Euro von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. Lesen Sie dazu auch: Das passiert, wenn Cannabis legalisiert wird
„Signifikanter Teil“ weißt problematischen Cannabiskonsum auf
Der Leiter der Studie vom ISD, Jens Kalke, betonte die Situation, in der man sich zum Zeitpunkt der Befragung befinde. Es handle sich um eine „Übergangsphase zwischen Verbot und kontrollierter Abgabe von Cannabis“. In jener Zeit hätten 15,8 Prozent der Befragten angegeben, Cannabis in den vergangenen 30 Tagen konsumiert zu haben. Weitaus höher lag der Wert bei der Frage nach dem Konsum im vergangenen Jahr. Hier gaben 29 Prozent an, gekifft zu haben. Zum Vergleich: Im Alkoholsurvey 2022, der den bundesweiten Konsum von Cannabis untersucht, lag dieser Wert bei 25 Prozent.
Kerstin Jüngling zeigte sich indes alarmiert. „Ein signifikant hoher Teil der Jugendlichen weist einen problematischen Cannabiskonsum auf“, sagte sie. Darunter wird ein Konsumverhalten verstanden, das potenziell in eine Abhängigkeit führen könnte. Einen Eindruck davon zeigten die Antworten auf den Test zum problematischen Cannabiskonsum, dem sich die Befragten unterzogen. Unter anderen wurden ihnen Fragen zu Motiven und zu Konsumsituationen gestellt.
Anstieg des Cannabis-Konsums während der Pandemie
Laut Studie könnten 45,4 Prozent der Befragten, die vergangenen Jahr Cannabis konsumierten, potenziell von einer Abhängigkeit betroffen sein. Dabei sind laut den Untersuchungen männliche Personen deutlich häufiger in Gefahr (51,6 Prozent) als Frauen (36,9 Prozent). Allerdings wiesen die Wissenschaftler auch daraufhin, dass diese Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren seien. Denn es seien keine klinischen Diagnosen durchgeführt worden. Dennoch könnten die Zahlen „einen Eindruck des Problemausmaßes vermitteln“, heißt es in dem 18-seitigen Papier.
Die Untersuchungen der Studie ergaben zudem, dass bei rund 40 Prozent der Befragten, der Konsum während der Corona-Pandemie gestiegen sei. Sie hatten im Vergleich zu den anderen Befragten auch die höchsten Belastungen in Bezug auf psychische, physische, private und berufliche Belastungen angegeben.
Wissenschaftler stellen „zentrales Informationsdefizit“ fest
Während der Konsum von Cannabis unter jungen Menschen in Berlin weit verbreitet scheint, ist das Wissen darüber nicht immer vorhanden. Nur knapp zwei Drittel der Studienteilnehmer konnten THC als den Wirkstoff benennen, der die berauschende Wirkung auslöst. Zudem lagen knapp 30 Prozent bei Fragen zu Risiken des Konsums falsch oder konnten sie nicht beantworten. „Diese Werte legen nahe, dass es bei mindestens einem Drittel der Befragten ein zentrales Informationsdefizit gibt“, schreiben die Leiter der Studie.
„Die Ergebnisse der Befragung zeigen eindeutig, dass in Berlin riskanter gekifft wird als im Bundesgebiet“, sagte Anke Timm bei der Vorstellung der Ergebnisse. Junge Menschen, die hochbelastet seien, würden teils Cannabis konsumieren, ohne sich mit den Folgen des Konsums auseinanderzusetzen. Auch mit Hinblick auf eine geplante Freigabe von Cannabis sagte sie: „Es darf kein Zufall sein, dass ein Kind mit einer Präventionsveranstaltung in Kontakt gekommen ist.“ Sie forderte daher Ressourcen für Prävention an Schulen auszubauen und gegebenenfalls den Rahmenlehrplan zu erweitern, um die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abzuholen.
Gesundheitssenatorin will Prävention „von Anfang an mitdenken“
Gesundheitssenatorin Czyborra sagte zwar, dass man tätig werde und den problematischen Konsum in den Fokus nehmen müsse. Auch wolle sie bei einer Freigabe von Cannabis, die Prävention von „Anfang an mitdenken“. Allerdings zeigte sich sie sich in Sachen Rahmenlehrplan verhalten. Sie verwies auf bessere Lehrmaterialien, die zur Verfügung stehen müssten. Das könne ein Weg sein, so die Senatorin.
Inwieweit die Erhebung in eine Umsetzung möglicher Cannabis-Modellregionen einfließt, vermochte die SPD-Politikerin am Montag nicht zu sagen. Sie verwies dabei auf den Bund, der zunächst die Eckpunkte der geplanten Freigabe konkretisieren müsse. Nach dem es mehrere Vorstöße in einzelnen Bezirken gab, wollten die Grünen in Mitte den Bezirk zu einer Cannabis-Modellregion machen. Der Antrag wurde allerdings zunächst in einen Ausschuss überwiesen.




