Liebe Leserin, lieber Leser,

waren Sie schon mal in Schottland? Ich hatte das Vergnügen, zweimal diesen unglaublichen Landstrich erleben zu dürfen, einmal 1997 und einmal 2007. Beide Male machte ich dieselbe Erfahrung: Vergessen Sie die Ostküste, das Schönste an Schottland ist der Westen. Oban, Ullapool, unglaubliche Landschaften und Single Track Roads mit Schafen, die gar nicht einsehen, warum sie die Straßen räumen müssen. Dabei zeigte sich übrigens, dass mein Flash, den ich bei meinem ersten Schluck Laphroaig bekommen hatte, absolut mit der Wirklichkeit übereinstimmte.

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Eilean Donan Castle in den westlichen Highlands.
Eilean Donan Castle in den westlichen Highlands. © Shutterstock / Henner Damke | Henner Damke

Schottland war für mich bewusstseinsverändernd – auch im nüchternen Zustand – und hat eine tiefe Sehnsucht hinterlassen, immer wieder dorthin zurückzukehren. Bei beiden Aufenthalten stiegen wir in einem kleinen Schloss ab, das ich beim ersten Besuch zufällig entdeckt hatte: der Isle of Eriska, etwas nördlich von Oban gelegen. Es gehört zu den Small Luxury Hotels of the World. Leider waren schon damals die Zimmerpreise alles andere als small, heute sind sie für Otto Normaltouris praktisch unbezahlbar. Aber: Es war jeweils eine unvergessliche Nacht in einem wirklich authentischen schottischen Landsitz. Mit unglaublich herzlichem Service, beim ersten Mal mit einem geliehenen Jackett zum Abendessen (jacket and tie required), einem Mini-Golfplatz vor der Haustür (eine Wiese mit neun Löchern) und überall Schildern, die verkündeten: „All animals on the island are friendly“. Sollten Sie jemals nach Schottland kommen und die Ausgabe nicht scheuen: Die Isle of Eriska ist eine unbedingte Empfehlung.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil ich mich jedes Mal daran erinnert fühle, wenn ich in das Schlosshotel Berlin in Grunewald komme. Schon die Einfahrt strahlt englisches oder schottisches Flair aus und die unglaubliche Lobby entführt den Gast ganz, ganz weit fort aus Berlin. Ich sehe mich dann immer direkt wieder in Schottland, auf der Isle of Eriska.

Leider war mein Verhältnis zum Schlosshotel in den vergangenen Jahren etwas getrübt. Oder ich sollte es vielleicht anders formulieren: Das Schlosshotel hätte allen Grund gehabt, wenn sein Verhältnis zu mir getrübt gewesen wäre. Der Grund: Corona. Mal wieder. Wir hatten dort im November 2020 eigentlich das Morgenpost-Menü geplant, die fünf Gänge waren großartig, der damalige General Manager, Stefan Athmann, der zu der Zeit auch noch gleichzeitig das „Bristol“ am Kudamm leitete, war glücklich, ich war es auch.

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Morgenpost-Tasting November
Chef de Rang Grit Haun, Küchenchef Davide Florio und Resident Managerin Olivia Meisner (von links).© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Sie alle wissen, was passierte: Am 2. November 2020 mussten alle Restaurants schließen, es war der zweite Lockdown in Berlin, das Morgenpost-Menü fand genau einen Tag lang statt. Auch ein folgendes geplantes Tasting in der GQ Bar fiel den Schutzmaßnahmen zum Opfer.

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Danach wurde es ruhig um das Hotel, sehr ruhig. Bis jetzt. Das Schlosshotel wird inzwischen von der GCH Hotelgruppe betrieben, Resident Managerin ist jetzt Olivia Meisner und im Restaurant, das mittlerweile „Catalina“ heißt, sorgt Davide Florio für italienische Genüsse. Nicht geändert hat sich das luxuriöse, schottisch anmutende Ambiente. Grund genug also, hier mal wieder ein Tasting anzubieten. Es gibt vier Weine aus Deutschland und Italien sowie einen französischen Champagner und fünf Spitzengänge, die die Riviera in den Grunewald zaubern: Rindertatar mit Brioche und Rotkohl, dann Jakobsmuscheln mit Paprika, anschließend Steinpilz-Risotto, ein Hokkaido-Soufflé mit Fontina-Käse und ein Pistazien-Beignet lassen den grauen Herbst vergessen. Das Ganze in einem luxuriösen Ambiente für gerade einmal 55,90 Euro. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen.

Weinbars mit dem gewissen Etwas

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Weinbars in Berlin
Wolfgang Baumeister ist Gastgeber in der Weinbar „Liesl“.© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Bleiben wir noch kurz beim Tasting. Wenn ich Bars für diese Eventreihe aussuche, dann muss ich immer das wichtigste Ausschlusskriterium bedenken: das Essen. Jede Bar bietet natürlich Erdnüsse, Chips oder Brot an, beliebt sind inzwischen auch Popcorn-Automaten. Aber richtiges Essen? Gar nicht so einfach, das kann ich Ihnen sagen. Eine Bar in Prenzlauer Berg war mal ganz schlau: Sie kooperierten mit den Restaurants in der Umgebung. Jedes davon steuerte ein Gericht bei, eine sagenhafte Idee, die mich begeisterte. Gerade Hotelbars wiederum servieren häufig zu ihren gehaltvollen Cocktails winzige, ausgefeilte Kleinigkeiten, gerne in Pralinéform. Die Drinks wiederum sind dann so „trinkig“, dass ich mich kaum zurückhalten kann, eigentlich lasse ich mindestens die Hälfte stehen, aber wenn sie einfach zu gut sind, dann... Das Ergebnis von viel Alkohol und wenig Essen können Sie sich denken.

Aber: Es gibt Weinbars in Berlin, die haben eben das gewisse Etwas. Sie changieren ein wenig zwischen Restaurant und Weinbar. Das Konzept habe ich zum ersten Mal in Vollendung im „Bistrot Bourguignon“ in Beaune kennengelernt. Das Ambiente: gemütlich und urfranzösisch, mit einem alten Metall-Tresen von Antoine Berc aus Paris, der aussah, als hätte er beide Weltkriege gerade so überstanden. Neun verschiedene Weine im offenen Ausschank aus einem Weinkühlschrank mit Zapfsystem. Natürlich alles Burgunder. Und bekanntlich schmeckt der Wein ja da am besten, wo er herkommt. Ich bin metaphorisch gestorben vor Glück. Es war das erste und einzige Mal, dass ich einen roten Saint-Romain getrunken habe und es kam mir vor, als hätte ich das Blut der Götter im Glas.

Und dazu servierte das Bistrot ausgesuchte „Schweinereien“. Schinken, der auf einer Berkel-Aufschnittmaschine geschnitten wurde, natürlich vom Iberico de Bellota, aber auch kleine warme Gänge. Es war der Himmel auf Erden und meine Frau und ich haben dieser kleinen Weinbar gleich zweimal einen Besuch abgestattet, wegen der Atmosphäre, wegen des Weins und wegen der kleinen „Schweinereien“. Heute ist die Weinbar nicht nur renoviert, sondern die Karte sogar deutlich umfangreicher aufgestellt, wie ich im Internet gesehen habe. Seitdem habe ich mein Herz unrettbar an die Weine aus der Bourgogne verloren. Leider sind sie dank zahlreicher finanzkräftiger Interessenten vor allem aus den USA, aber auch aus Japan und China preislich fast schon außerhalb meiner Reichweite.

Auch in Berlin gibt es solche Kleinode für Eingeweihte. Gesa Noormann hat sich im kalten und grauen November-Berlin nach diesen Horten der Wärme auf die Suche gemacht und ist, vielleicht auch dank ihrer Italien-Affinität (sie überraschte mich kürzlich damit, dass sie fließend Italienisch spricht), besonders auf italienische Weinbars gestoßen, die nicht nur ausgesucht gute Weine servieren, sondern auch diese köstlichen „Schweinereien“ aus dem sonnenverwöhnten Süden. Salute è buon appetito.

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Eine neue App soll der Gastronomie aus der Krise helfen

Hidden Table
"HiddenTable"-Gründer Laura Hutter und Malte Herbst.© Franz Michael Rohm | Franz Michael Rohm

Vergangene Woche hatte ich ja hier schon einmal über das „Cara“ in Mitte geschrieben, das ich bei meinem Besuch rappelvoll erleben durfte. Gerade im Bereich des Fine Dining ist das aber häufig zu einer Seltenheit geworden. Die Gründe sind inzwischen hinlänglich bekannt: Vielen ist das Angebot zu teuer. Und ich muss gestehen, bei manchen Speisekarten zucke ich ebenfalls zusammen. Wer für Sauerteigbrot mit Butter 10 Euro haben will, für ein Cordon bleu vom Maishuhn 38 Euro, für ein Huhn mit Pommes Frites 42 Euro, für ein 250-Gramm-Rinderfilet aus Irland 56 Euro und für jede Beilage noch einmal 9 Euro extra verlangt, der hat aus meiner Sicht den Bezug zur Lebenssituation der meisten Menschen in dieser Stadt verloren und darf sich meiner Meinung nach nicht wundern, sollte die Gästefrequenz nicht ganz den Erwartungen des Gastronomen entsprechen – auch wenn ich in den obigen Fällen nicht weiß, ob es so ist. Das sind übrigens keine Mond-Preise, die ich erfunden habe, sie stehen so auf manchen Speisekarten dieser Stadt. Und da hört es ganz offen gestanden auch bei mir auf.

Es gibt aber auch noch andere Gründe, warum Gäste fernbleiben, auch bei preiswerter kalkulierenden Restaurants. Da ist zum Beispiel der Wochentag. So berichten Gastronomen mir immer wieder, dass bei den Reservierungen zum Morgenpost-Menü als Erstes immer die Freitage und Sonnabende ausreserviert seien. Ist ja auch kein Wunder: Wer möchte schon am nächsten Morgen früh aufstehen, nachdem er am Abend fünf Weine (und vielleicht einen Aperitif sowie Absacker) getrunken hat. Und so hat das Restaurant-Personal an manchen Tagen eher Zeit, sich um die Abrechnung oder die Inventur im Weinkeller zu kümmern, weil ja doch niemand kommt.

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Als Malte Herbst vor zwei Jahren zum Kennenlerntag mit seiner Freundin an einem Dienstag in ein schickes Hamburger Restaurant ging und auch dort gerade mal zwei Tische besetzt waren, überlegte er, wie man der Gastronomie helfen könne, natürlich nicht ohne daraus ein Geschäftsmodell zu machen, von dem man leben kann. In Gesprächen mit zwei Sterneköchen kam die Idee einer App auf, die Gästen den Besuch an sonst eher unbeliebten Tagen schmackhaft machen könnte.

Zusammen mit Geschäftspartnerin Laura Hutter und einem kleinen Team von Programmieren starteten sie im vergangenen Herbst die App „HiddenTable“ in Hamburg. Es folgten München, Düsseldorf, Köln und nun Berlin. Das Prinzip: Teilnehmende Restaurants können dort besondere Angebote für manche Tage einstellen, zum Beispiel einen Rabatt auf das Menü oder auf spezielle Events. 30 Restaurants machen in Berlin bislang mit, bundesweit gebe es rund 40.000 Nutzer.

Hidden Table
Küchenchef und Betreiber Andre Sawahn vom Restaurant „Jungbluth“ hofft, die Auslastung an schwächeren Tagen unter der Woche mit „HiddenTable“ zu verbessern.© Franz Michael Rohm | Franz Michael Rohm

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Es klingt nach einer sogenannten Win-Win-Win-Situation. Ein „Win“ für den Gastronomen, wenn er dadurch mehr Gäste an unbeliebten Tagen anzieht. Ein „Win“ für den Gast, der Geld spart oder ein besonderes Angebot bekommt. Und natürlich ein „Win“ für Herbst und Hutter, die sieben Prozent des Buchungspreises einnehmen. Unter den 30 Restaurants sind bekannte Namen wie das „Bonvivant“, das „Jungbluth“ oder auch das „Orania“. Ob das Konzept Erfolg hat? Man wird sehen, alle Details erfahren Sie von meinem Kollegen Franz Michael Rohm. Den Restaurants mit den oben aufgeführten Preisen empfehle ich jedenfalls nicht unbedingt die App „Hidden Table“, sondern ganz allgemein mal ihr Angebot und ihre Preisstruktur zu überdenken, Qualitätsanspruch hin oder her. Solche Gerichte können aus meiner Sicht als Leuchttürme auf der Karte fungieren, solange sich auch ein breites Mittelfeld findet, das für mehr Menschen bezahlbar bleibt. Es muss nicht immer Kaviar sein.

Wenn Sie fertig gelesen haben, würde ich die Teller abräumen, ich hoffe, es war alles zu Ihrer Zufriedenheit, und wünsche Ihnen wie immer eine genussvolle Woche, ob im „Schlosshotel Berlin“, in einer gemütlichen Weinbar oder bei einem besonderen (und bezahlbaren) Angebot.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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