Ein nerviger Nachbar sorgt zehn Jahre nach der Tat für die späte Aufklärung am Mord des 80-jährigen Heinz N. Der Mörder fror sein Opfer in einer Tiefkühltruhe ein, um sich so 400.000 Euro zu erschwindeln. Die ganze Geschichte hinter diesem bizarren Fall hören oder lesen Sie in der neuen Folge unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Hinweis: Teils verstörende Inhalte
Dieser Artikel behandelt einen realen Kriminalfall. Die Schilderungen enthalten teils verstörende Details zu den Taten und Ermittlungen, die emotional belastend wirken können.
Prenzlauer Berg, Hosemannstraße 18. Am 9. Januar 2017 dringen Polizeibeamte in eine Wohnung im Nordosten des Berliner Stadtteils ein. Zuvor berichtete ein Nachbar über einen unerträglichen Gestank – und einen seit Jahren vermissten Nachbarn. In der Küche stoßen die Beamten auf eine auffällige Tiefkühltruhe. Darin: rosafarbene Plastiktüten, abgedeckt mit Lebensmitteln. Als sie die erste Tüte öffnen, entdecken sie menschliche Überreste. Es ist die zerstückelte und tiefgefrorene Leiche von Heinz N., 80 Jahre alt, als er starb – und seit mehr als zehn Jahren tot.
Der Kühltruhen-Mord: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Mord an 80-jährigem Heinz N. |
| Tatzeit | zwischen 30. Dezember 2006 und 1. Januar 2007 |
| Tatort | Wohnung des Rentners in Prenzlauer Berg |
| Status | Täter gefasst und verurteilt |
| Besonderheit | Mörder kassierte Rente des Toten |
Kühltruhen-Mord in Berlin: Ein Geruch, den nur Dirk B. riecht
Es ist Januar 2017. In der Hosemannstraße nimmt Dirk B. einen eigenartigen Geruch wahr. Er kommt aus der Wohnung des Nachbarn unter ihm. B. ruft die Polizei an – wieder einmal. Seit Jahren versucht er, sich mit seinem Anliegen Gehör zu verschaffen, bedrängt die Nachbarn, schreibt an die Hausverwaltung, die Wohnungsgenossenschaft und das Gesundheitsamt. Sogar den Notruf hat er schon mehrfach gewählt. So oft, dass die Polizei ihm eine Verwarnung ausgesprochen hat. Auch ein Gang ins Rote Rathaus blieb erfolglos. Denn niemand sonst nimmt den flüchtigen Geruch wahr, der B. keine Ruhe lässt. Er gilt als schwieriger Zeitgenosse. Als jemand, der wegen Kleinigkeiten Streit sucht. Ein Unruheherd.
Doch dieses Mal hat B. Glück. Er ruft direkt im Revier an. Für die Beamten ist es zunächst nur eine Beschwerde wegen Geruchsbelästigung. Aber was der Anrufer ihnen weiter berichtet, finden sie merkwürdig: Den Rentner, der dort wohne, habe er seit Jahren nicht gesehen, aber der Stromzähler im Keller zeige stetigen Verbrauch an. Der Beamte am Apparat schickt einen Funkwagen zur Kontrolle. Als die Polizisten sehen, dass im Türschloss ein Nagel steckt und der Spalt zwischen Rahmen und Wohnungstür mit Silikonmasse verschmiert ist, werden sie misstrauisch. Was sie nicht wissen: Es war Dirk B., der die Tür manipuliert hat, um dem Geheimnis des muffigen Geruchs aus der Nachbarwohnung auf die Spur zu kommen.

Grausiger Fund in der Tiefkühltruhe – nach zahlreichen Hinweisen
Die Polizisten stellen eine Vermisstenanfrage auf den Namen des Rentners, die ergebnislos bleibt. Dennoch rufen sie die Feuerwehr, die das gekippte Badezimmerfenster der Hochparterrewohnung aufhebelt. Im Inneren finden die Beamten nichts wirklich Verdächtiges: keine Kampfspuren, keine Unordnung. Im Gegenteil: Es ist aufgeräumt wie in einer Puppenstube. Ein schmaler Flur, an der Garderobe hängt ein einsamer Kleiderbügel mit Schirm und Hut. Auf der Ablage der behindertengerechten Toilette steht eine Flasche 4711. Die Toilettenschüssel ist leicht ausgetrocknet. Ist das die Quelle des Geruchs, den nur Dirk B. wahrnimmt?
Im Küchenschrank hängt ein zehn Jahre alter Kalender. Daneben, in einer Ecke, steht eine Tiefkühltruhe, abgedeckt mit einer Decke, darauf ein Blumentopf. Die Polizisten wollen die Wohnung schon wieder verlassen, als der eine fragt, ob der andere schon die Lebensmittel überprüft habe. Mache er routinemäßig bei älteren Leuten. Der Beamte öffnet die Gefriertruhe. Obenauf: ein paar Becher Obstquark, Packungen von Zaziki und Käse in Scheiben. Darunter: vier große rosafarbene Gefriersäcke. Als er den ersten Sack öffnet, ruft der Beamte dem Kollegen zu „Hier isser!“.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Fahndung nach dem „Rentner-Mörder“ von Prenzlauer Berg
Die Polizisten haben den Mieter der Wohnung gefunden: Heinz K. wurde zersägt, verpackt und eingefroren – das stellen die Behörden und die Gerichtsmedizin zweifelsfrei fest. Auch, dass er kurz nach seinem Tod Ende 2006 seinen Weg in die Tiefkühltruhe fand.
Darin wurde alles in Gefrierbeuteln „aufgeteilt“: In einem befand sich der Torso des Toten, die Arme vor die Brust gefaltet und mit Klebeband fixiert, zusammen mit blutiger Kleidung. In den anderen Kopf und Beine, die von der Leiche mit einer Säge abgetrennt wurden. Das alles spielte sich zehn Jahre vor dem Fund ab, als Heinz N. achtzig Jahre alt war. Die Todesursache: Pistolenschuss in den Kopf mit einer Kleinkaliberwaffe – ein Steckschuss, das Projektil der Patrone findet der Pathologe im Schädel.

Zehn Jahre tot: Trotzdem wurde Geld von Heinz K.s Konto abgehoben
Als wäre der Fall nicht schon verstörend genug, macht ein weiteres Detail die Ermittler stutzig: Bis zuletzt wurde vom Konto des Toten immer wieder Geld abgehoben. Die Polizei sichtet Videomaterial von Geldautomaten und kann schnell einen Verdächtigen ausmachen. Die Wohnung in der Hosemannstraße 18 wird daraufhin observiert. Und dann geht alles ganz schnell.
Keine 24 Stunden nach dem Leichenfund wird der Verdächtige verhaftet. Er war zum Tatort gekommen, um den Briefkasten des Toten zu leeren. Es handelt sich um Josef S., damals 55 Jahre alt, der einen Gebrauchtwarenhandel einige Straßenzüge entfernt führt. Im Kiez ist der Mann bekannt, von vielen wird er „Joschi“ genannt – stets hilfsbereit, immer zur Stelle, wenn es um Nachbarschaftshilfe und kleinere Reparaturdienste geht. Fingerabdrücke von ihm finden sich auf den Gefrierbeuteln.

Nach seiner Festnahme schweigt S. zu den Vorwürfen. Doch in seiner Wohnung machen die Kommissare einen weiteren verdächtigen Fund: Gut versteckt hinter einer Platte der letzten Stufe einer Treppe, die in den Keller führt, liegt eine gelbe Discounter-Plastiktüte. Darin steckten Kontoauszüge und der Personalausweis von Heinz N. sowie der Reisepass und eine abgelaufene EC-Karte seiner verstorbenen Frau.
Josef S. nutzte die Dokumente – so sollte sich später herausstellen –, um vorzutäuschen, dass der Rentner noch am Leben sei. Er fälschte seine Unterschrift, zahlte in seinem Namen Miete, verfasste Steuererklärungen, korrespondierte mit der Hausverwaltung. Regelmäßig betrat er die Wohnung des Ermordeten, ging an der Kühltruhe vorbei, saugte, betätigte die Klospülung, goss Wasser in ausgetrocknete Rohre nach.
Er öffnete die Jalousien und schloss sie wieder, installierte im Schlafzimmer eine Zeitschaltuhr, damit das Licht regelmäßig anging. Zehn Jahre lang. Der Lohn: Rund 2000 Euro, die die Deutsche Rentenversicherung (DRV) jeden Monat pünktlich auf das Konto des Verstorbenen überwies.
Beunruhigender Fund in der Wohnung von Josef S.
Im Versteck unter der Treppe von Josef S. machen die Ermittler noch einen zweiten erstaunlichen Fund: die persönlichen Dokumente einer bis dato nicht vermisst gemeldeten Frau – Irma K. Zu diesem Zeitpunkt wäre sie 92 Jahre alt gewesen. Auch ihre Altersbezüge wanderten über das Konto von Heinz N. in die Taschen von Josef S., noch einmal um knapp 1000 Euro pro Monat. Für beide Senioren hatte „Joschi“ einen Nachsendeantrag bei der Post gestellt und einen Briefkasten neben seinem angebracht.
Beide Rentner kannten sich nicht, waren weder verwandt, noch befreundet. Ihre einzigen Gemeinsamkeiten: Beide hatten zeitweise neben Josef S. gewohnt – und beide waren im Alter sozial isoliert. In dem betulichen Wohnviertel zwischen Weißensee und Prenzlauer Berg lebten sie zurückgezogen, fast unsichtbar für das Umfeld. Das machte sich der Täter zunutze.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Kühltruhen-Mord in Berlin: Polizei geht von Serienmörder aus
Die Spurensuche ergab: Irma K. wurde 1924 in Rostock geboren. Seit 1985 lebte die alleinstehende Frau sehr zurückgezogen in der Naugarder Straße: zwei Zimmer, Küche, Bad. Die Jalousien zur Straßenseite immer verschlossen, zum Hof halb geöffnet. Kontakte zu Familienmitgliedern gab es nicht mehr. Ihre Miete übergab sie persönlich in einem Umschlag mit dem abgezählten Geld – das letzte Mal im Mai 2001. Da war sie 78 Jahre alt.
Danach blieb die Miete aus. Auf Schreiben der Hausverwaltung reagierte sie nicht mehr. Auf das Klingeln des Gerichtsvollziehers ebenso wenig. Im August 2002 wurde die Wohnung der verschollenen Rentnerin zwangsgeräumt, ihr Zuhause neu vermietet. Wo die Vormieterin abgeblieben war, schien niemanden zu interessieren. Seit 2001 wurde Irma Kurowski nicht mehr gesehen. 16 Jahre lang, ohne dass jemand nachgeforscht hatte. Bis ihre Papiere 2017 in der versteckten Tüte eines Mordverdächtigen gefunden wurden, der zeitweise im selben Haus wie Irma K. gelebt hatte.

Kühltruhen-Mord in Berlin: Alleinstehende Rentner im Visier des Mörders
In den 2000ern verschlug es Josef S. dann in die Hosemannstraße. Dort lebte er gegenüber von Heinz N. und dessen Frau Liesel. Die Nachbarn schätzten sich. Es schien so, als hätte das kinderlose Rentnerpaar S. und seine Freundin ins Herz geschlossen. Die beiden übernahmen sogar ein Gartengrundstück, das Heinz N. und seine Frau im Brandenburgischen besaßen. Der Kontakt riss auch nicht ab, als Josef ein paar Straßen weiter in die Langhansstraße zog.
Als im März 2006 die Frau von Heinz N. an einem Tumor starb, wurde Josef S. zur wichtigsten Kontaktperson des Witwers. Ein Dreivierteljahr später wurde der 80-Jährige ermordet. Josef S. – so wurde es im Prozess dargelegt – schaffte es, den älteren Herrn, dessen Vertrauen er sich erschlichen hatte, von der Anschaffung einer neuen Tiefkühltruhe zu überzeugen. Er könne ihm Wildfleisch besorgen. Eine in der Wohnung gefundene Quittung der Zustellung datierte auf den 30. Dezember 2006. Wenig später, zwischen dem 30. Dezember und Neujahr 2007 starb Heinz N. in seiner Wohnung.
Er wurde mit einem einzelnen Schuss aus einer 6,35-Millimeter-Pistole aus 30 Zentimetern Entfernung regelrecht hingerichtet. Vermutlich nutzte Josef S. dafür die Geräuschkulisse der Silvesternacht. Die Gerichtsmedizin konnte auch ein Jahrzehnt nach dem Mord – die gute Konservierung der Leichenteile machte es möglich – noch feststellen, dass der Rentner unmittelbar vor seinem Tod noch ein Glas Sekt getrunken hatte.
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Täter beteuert: „Ich habe Heinz N. nicht ermordet, er war schon tot“
Im Oktober 2017 begann vor der 40. Strafkammer der Berliner Landgerichts in Moabit der Prozess gegen Josef S. Die Anklage lautete auf Mord, heimtückisch ausgeführt, in Tateinheit mit Raub, Urkundenfälschung und unerlaubtem Waffenbesitz. Das Motiv: Habgier. Insgesamt summierten sich die kassierten Rentenbezüge auf knapp 400.000 Euro. Josef S. gesteht vor Gericht, den Tod des Rentners verschleiert zu haben, um an dessen Rentenzahlungen zu gelangen. Ermordet – so der Beschuldigte – habe er ihn nicht. Es sei Selbstmord gewesen. Er habe den Toten gefunden, später zersägt und eingefroren.
„Am 28. Dezember 2006 war ich erstmals in der Wohnung“, so der Beschuldigte vor Gericht. „Ich sah Licht aus dem Wohnzimmer, hörte Radio. Heinz saß im Sessel, stierte an die Decke. Er hatte eine Wunde am Kopf. Er war kalt und tot.“ Neben dem Sessel eine kleine Pistole. Kein Abschiedsbrief. Das Portemonnaie habe auf dem Tisch gelegen. Inhalt: 500 Euro, Bankkarten samt Pin. S. habe die Wohnung zuerst panisch verlassen, sei später mit der Säge und einem Plan zurückgekehrt.
Vor Gericht sprachen allerdings sämtliche Gutachten gegen diese Version. Alleine schon der Schusswinkel und die Entfernung zwischen Waffe und Kopf ließen die Selbsttötung nahezu unmöglich erscheinen. Auch der angegebene, zeitliche Verlauf konnte nicht stimmen. Es gab keine Leichenflecke, bei Einsetzen der Totenstarre wäre der Schnittverlauf der Sägespuren anders verlaufen. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen legten nahe, dass die Leiche schnell eingefroren wurde und der Schuss nicht vom Opfer selbst abgefeuert wurde. Ein Unbekannter? Dafür sah das Gericht keine Anzeichen.
Lebenslange Haft für den Kühltruhen-Mord von Prenzlauer Berg
Im April 2018 erging schließlich das Urteil gegen Josef S. Er wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitstrafe verurteilt. Zudem stellten die Richter die besondere Schwere der Schuld des zu dieser Zeit 56-Jährigen fest, womit die Aussetzung der Reststrafe auf Bewährung nach einer gewissen Haftstrafe erschwert wird. Es sei erwiesen, dass Josef S. den Rentner Heinz N. aus Habgier und zur Ermöglichung weiterer Straftaten getötet und die Leiche zehn Jahre lang in einer Tiefkühltruhe versteckt habe, urteilten die Richter. 2019 wird eine Revision auf Antrag der Verteidigung vom Bundesgerichtshof verworfen.

Der Fall der vermissten Irma Kurowski spielte für das Gericht als „Blaupause“ des Mordes an N. eine Rolle, wurde aber als Tötungsdelikt nicht mitverhandelt. Seit 2001 wird Irma, die heute 101 Jahre alt wäre, vermisst, ihre Leiche aber nie gefunden. Josef S., mutmaßlich der einzige, der etwas über ihren Verbleib sagen könnte, schweigt.
Wohnung war gekündigt – fast wäre S. nie gefasst worden
Und der unruhige Nachbar, der ein halbes Jahr vor dem Mord an Heinz N. in das Haus gezogen war? Ohne ihn wäre Josef S. vermutlich noch auf freiem Fuß und die Strafverfolger wären nie aktiv geworden. Die Ermittlungen erfolgten im „allerletzten Moment“, so der zuständige Staatsanwalt. Das Haus sollte saniert werden. Josef S. hatte die Wohnung von Heinz N. per Schreiben mit gefälschter Unterschrift zum 1. Februar 2017 gekündigt.
Nur drei Wochen vor diesem Termin wurde die zerstückelte Leiche in der Tiefkühltruhe entdeckt. Im Wohnzimmer standen schon zwei große Reisetaschen bereit, die die Polizeibeamten bei der Begehung der Wohnung fanden. Sie hätten ausgereicht, um die Pakete aus der Kühltruhe unauffällig nach draußen zu bringen und für immer verschwinden zu lassen.








