Ein Meer aus Palästina-Fahnen erstreckte sich am Samstag über Berlins historischer Mitte. Zehntausende Menschen haben in der Hauptstadt gegen die israelische Kriegsführung im Gazastreifen protestiert. Die Veranstalter nannten 100.000 Teilnehmer, die Polizei nannte 60.000. Neben Vertretern der palästinensischen Community waren die verschiedenen Versammlungen wie üblich von einem Mix aus Friedensorganisationen und sozialistischen Institutionen getragen. „Viva Palästina!“-Sprechchöre und „Free, free Palestine“ ertönten, Teilnehmende skandierten „Hoch die internationale Solidarität“. Bis zum Abend verlief die Versammlung weitestgehend friedlich und störungsfrei.

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Die von der Linken organisierte Zubringer-Demonstration zur Groß-Kundgebung „All Eyes on Gaza“ startete am Nachmittag. Das selbstgesteckte Ziel, die größte propalästinensische Demo Deutschlands zu organisieren, ist wohl erreicht.

Damit hatten sich deutlich mehr als angekündigt am Neptunbrunnen versammelt, um von hier zum Großen Stern zur Kundgebung „All Eyes on Gaza“ zu ziehen. Die Veranstalter hatten im Vorfeld davon gesprochen, einen „Rekord brechen zu wollen“. Am Großen Stern sollte eigentlich ab 17 Uhr eine Kundgebung mit Künstlern und Rednern beginnen.
Auf Plakaten in der Demo waren Forderungen wie „Gaza – Stoppt das Massaker“, „Nie wieder für alle“ und „Freiheit für Palästina“ zu sehen. Viele trugen rote Fahnen und palästinensische Flaggen. Von einer Bühne ermahnte ein Organisator die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, keine Zeichen verbotener Organisationen zu zeigen und keine Sprüche zu skandieren, die ein Einschreiten der Polizei zur Folge hätten.

Die Kundgebung an der Siegessäule begann dann mit deutlicher Verspätung gegen 18 Uhr. Der Start hatte sich wohl wegen der großen Teilnehmerzahl beim Zubringer verzögert, sehr langsam war der Zug vom Neptunbrunnen zum Großen Stern gelangt. Nicht nur die Straße des 17. Juni war voller Menschen, Teilnehmer strömten aus allen Richtungen zur Bühne.
Mit den knapp 8000 Menschen, die an der Siegessäule auf die Zubringer-Demo gewartet hatten, war man nach Polizeiangaben fast gegen 18 Uhr bei knapp 60.000 Teilnehmern auf der Straße des 17. Juni – mehr als je von offiziellen Stellen bei einer Gaza-Demo in Deutschland geschätzt wurde. Die Veranstalter bat zu Beginn darum, langsamer zur Kundgebung zu kommen, um die Menschen nicht vor der Bühne zu erdrücken.

Veranstalter sprechen von mehr als 100.000 Teilnehmenden
Die Veranstalter selbst schätzen, dass mehr als 100.000 Menschen auf die Straße gegangen. Dies sagte der Sprecher von Medico International, Timo Dorsch, auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die Zahl überträfe die bisher größte Gaza-Demonstration in Deutschland, zu der im Sommer in Berlin 50.000 gekommen waren. Die Polizei schloss ebenfalls nicht aus, dass am Donnerstag mehr als 60.000 Menschen am Großen Stern waren.
Sie sprach von einem „sehr mehrheitlich friedlichen Verlauf“. Es habe am Rande etwa 30 „Freiheitsbeschränkungen“ gegeben, davon 20 wegen einer Sachbeschädigung vor der Demonstration. Aktivisten hatten Sprüche auf die Straße gemalt.
Die Groß-Kundgebung “All Eyes on Gaza” an der Siegessaeule hat begonnen. #morgenpost pic.twitter.com/yF2Bnkeb30
— Dennis Meischen (@DennisMeischen) 27. September 2025
Wegen Straftaten: Kleinere Demo in Kreuzberg aufgelöst
Zeitgleich zog eine kleinere Gaza-Demo mit etwa 1200 Menschen durch Kreuzberg, die weit weniger friedlich verlief als die in Mitte. Bei dem kleineren Aufzug seien „verbotene Ausrufe und Zeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen festgestellt worden“, teilte die Polizei mit. Wie eine Sprecherin dem „Tagesspiegel“ sagte, sei die Versammlung aufgelöst worden. Es sei fortwährend zu Straftaten wie versuchter Körperverletzung, Widerstand und der Verwendung verbotener Zeichen sowie zu einem Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz gekommen. Auch seien Journalisten behindert worden.

Da die Versammlungsleitung und ihre Ordner keinen Einfluss auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehabt hätten, habe die Polizei die Versammlung aufgelöst und die Menschen aufgefordert, den Ort zu verlassen. Einige seien dem nicht nachgekommen. Es gebe deshalb „freiheitsbeschränkende Maßnahmen“, teilte die Polizei weiter mit.
Die Polizei hat nach eigenen Angaben im ganzen Stadtgebiet etwa 1800 Beamte im Einsatz: „Hierzu unterstützen Einsatzkräfte der Polizeien Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Brandenburg und der Bundespolizei unsere Einsatz- und Alarmhundertschaften“.
Linken-Chefin: Kanzler und Minister „mitschuldig am Völkermord“
Zu der Großdemonstration in der Innenstadt hat ein Bündnis von etwa 50 Gruppen aufgerufen, darunter propalästinensische Gruppen, Medico International, Amnesty International und die Partei Die Linke. Gefordert wird unter anderem ein sofortiger Stopp deutscher Waffenexporte an Israel, Zugang für humanitäre Hilfe nach Gaza sowie EU-Sanktionen gegen Israel.
In Mitte hielt zum Auftakt auch die Linken-Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner eine kurze Rede. Sie sprach von einem „Völkermord“ in Gaza und von einer Mitschuld der Bundesregierung. „Kanzler und Minister reden, aber sie handeln nicht. Sie sprechen von ‚Staatsräson‘, während Krankenhäuser in Schutt und Asche gelegt werden. Sie schweigen zum Völkermord – und machen sich mitschuldig.“

Schwerdtner betonte, die Kritik richte sich gegen die israelische Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. „Aber unsere Solidarität gilt den Menschen – in Palästina wie in Israel, die sich gegen die extrem rechte Regierung stellen“, sagte die Linken-Vorsitzende. Sie forderte „die Freilassung der Geiseln und aller politischen Gefangenen“.
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Langsam, aber stetig zieht die Zubringer-Demo in Richtung Großer Stern. #morgenpost pic.twitter.com/JksMKJa9Oi
— Dennis Meischen (@DennisMeischen) 27. September 2025
Auf der Unterstützerliste findet sich etwa Fridays for Future, auf der Bühne wird unter anderem das Berliner Rap-Trio K.I.Z sowie die Rapper Pashanim, Ali Bumaye und Aya Samra auftreten. Unter den Rednern sticht vor allem der jüdische Musiker Michael Barenboim hervor. Er ist Sohn des bekannten argentinisch-israelischen Dirigenten Daniel Barenboim, bis 2023 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden.

Der Konfliktforscher Jannis Grimm von der Freien Universität Berlin ordnete die Teilnehmenden vorab als ein relativ breit aufgestelltes Bündnis ein. Dem RBB sagte er, dieses reiche „von der Migrantifa über palästinasolidarische Bewegungen bis (hin zu) jüdisch-antizionistischen Gruppen“. Zwar gebe es auch Gruppen, die durchaus Sympathien mit Hamas und Hisbollah zeigten. Diese seien „aber bei weitem nicht der tragende Kern“.
Auch ein Gegenprotest hatte sich am Sonnabend formiert. Am Rande des Demozugs versammelten sich am Lustgarten mehrere Dutzend Menschen, schwenkten israelische Flaggen und Fahnen mit der Aufschrift „Gegen jeden Antisemitismus“.

Israelische Regierung weist Kritik zurück
Die israelische Regierung weist den Vorwurf des Völkermords strikt zurück. Auslöser des Gazakriegs war der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem etwa 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Die israelische Regierung reagierte mit großflächigen Bombardements und einer Bodenoffensive. Tausende Menschen wurden getötet.
Internationale Organisationen und die Vereinten Nationen haben für Teile des Gazastreifens eine Hungersnot erklärt und immer wieder direkt Israels Abriegelung des Gebiets für den Mangel an Nahrung verantwortlich gemacht. Israels Regierung sagt dagegen, es würden ausreichend Lebensmittel in den Gazastreifen gebracht und wirft der Hamas vor, humanitäre Hilfe abzugreifen.
mit dpa





