Die Flammen im Heizkessel lodern auf. Es zischt ohrenbetäubend. Und der thermische Druck entlädt sich in einer Explosion, die einer Feuersbrunst gleicht. Der Verursacher der Detonation, eine Lachgasflasche, bleibt verrostet und verformt zurück. Aufgesprungen, als sei ein Flaschengeist aus dem Inneren ausgebrochen. Knapp 150 dieser Behälter- teils zerborsten - präsentierten die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) am Mittwoch auf dem Gelände des Müllheizkraftwerks (MHKW) Ruhleben. Nur ein Bruchteil dessen, was am vergangenen Freitag in den Heizkesseln der riesigen Anlage anfiel.

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„Die Zahl der falsch entsorgten Lachgaskartuschen steigt wieder, sobald es draußen kälter wird“, sagt Martin Rudolf Renner, Leiter der Thermischen Abfallbehandlung der BSR. „Wahrscheinlich, weil sich der Konsum der Trend-Droge von den Parkanlagen zurück in die Wohnungen verlagert.“ Dann landeten auch mehr der Kartuschen und Flaschen unsachgemäß und nur teilentleert in der Wertstofftonne und damit in den Verbrennungsanlagen der Bundesrepublik. Leere Flaschen gehören eigentlich in die gelbe Tonne, Flaschen, die noch Gas enthalten, müssen als Sondermüll abgegeben werden. Daran halten tun sich allerdings die wenigsten.
Lachgaskartuschen-Explosionen sorgen für hohe Kosten bei der BSR
Ein immenses Problem, auch in Berlin. Rund 125 Kartuschen sammelt die BSR täglich im Rahmen der Müllverbrennung unwissentlich ein. Bis Mitte September sind durch Explosionen in den Kesseln rund 760 Betriebsstunden im MHKW ausgefallen, 50 Explosionen sind es in der Woche. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 wurden noch zehn Explosionen wöchentlich gezählt. Die Schäden summierten sich in diesem Jahr auf vier Millionen Euro. Zudem wurden zwei Arbeiter bei Detonationen verletzt. Sie erlitten Rauchgasvergiftungen.
Kurz vor der Bundesratssitzung am Freitag, an der über ein Verbot der Trend-Droge Lachgas für Minderjährige diskutiert werden soll, hat sich ein ungewöhnliches Bündnis aus Suchtexperten und Müllentsorgungsverbänden zusammengetan, um auf die Dringlichkeit des Problems hinzuweisen. Und Reformen im Umgang mit dem beliebten Schnüffelstoff anzumahnen.
Lachgas für Kinder und Jugendliche bisher frei verfügbar
Schon seit einigen Jahren, spätestens aber seit 2023, verbreitet sich Lachgas als Partydroge unter Kindern und Jugendlichen, angefeuert durch die sozialen Netzwerke. Ursprünglich wegen seiner schmerzlindernden und sedierenden Wirkung zur Narkose in der Zahnmedizin und als Treibgas in Sahnespendern genutzt, tauchte das süßlich riechende Distickstoffmonoxid (N2O) schon im 18. Jahrhundert auf Partys auf.
Lachgas kann heute in handlichen Kartuschen gekauft werden und wird über Luftballons eingeatmet. Es wirkt euphorisierend, der Konsum ist jedoch mit hohen Risiken verbunden. Diese reichen von Schwindel und Ohnmacht bis hin zu Halluzinationen und einer dauerhaften Schädigung des Gehirn- und Nervensystems, insbesondere bei Heranwachsenden.
Dabei gibt es kaum Daten, wie verbreitet der Konsum von Lachgas in Deutschland tatsächlich ist. Ein Treibhausgas, das wohgemerkt rund 265-mal so klimaschädlich ist wie Kohlendioxid (CO2). Bisher ist der Erwerb nicht reguliert. Die bunten Kartuschen werden zum Beispiel in Tabakläden und Spätis angeboten. Aber nicht nur. Das geplante Gesetz sieht deshalb vor, neben einem Verbot für Minderjährige auch den Online-Handel und den Kauf an Selbstbedienungsautomaten zu verbieten.
Experten: Gesundheitsprävention auch in Zukunft finanzieren
Ein guter Schritt, sagt Marc Pestotnik von der Suchtprävention Berlin und warnt vor der nahezu flächendeckenden Verfügbarkeit der kostengünstigen Droge. „Momentan gilt: ein Rausch für 30 Cent“, so Pestotnik. „Gerade der Mischkonsum mit anderen Substanzen ist für Kinder und Jugendliche aber hochriskant.“ Präventionsangebote müssten daher auch in Zukunft verlässlich finanziert werden.
Der Bedarf ist da. Nach der MoSyD-Studie 2024 aus Frankfurt am Main haben 2023 rund 14 Prozent der 15- bis 19-jährigen Lachgas schon einmal ausprobiert. Laut des Giftnotrufs der Charité in Berlin hat sich die Zahl der Anfragen wegen Lachgas-Vergiftungen zudem von 35 im Jahr 2023 auf 66 im Jahr 2024 erhöht.
Immer mehr Verkehrsunfälle wegen Lachgas-Konsum
In diesem Sinne beobachten auch die Sicherheitsbehörden den Konsum der Droge mit Sorge – vor allem in Hinblick auf den Straßenverkehr. „Wir warnen bereits seit Längerem vor der steigenden Anzahl an Verkehrsunfällen unter Lachgas-Einfluss“, sagt Benjamin Jendro, Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei GdP. „Der Verkauf von Lachgas sollte endlich stark eingeschränkt werden, um diesem gefährlichen Trend entgegenzuwirken.“
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Kurzfristige Bewusstseinsveränderungen und Rauschzustände sorgten dafür, dass Konsumenten für kurze Zeit komplett die Kontrolle verlieren würden. „Mangels fehlender Methoden ist der Lachgas-Konsum im Blut aber nicht nachweisbar und etwa eine Stunde nach der Inhalation wieder komplett aus dem Körper ausgeschieden“, erinnert Jendro.
Lachgas: Komplettes Verbot macht nur auf EU-Ebene Sinn
Aus Sicht von Experten reicht ein reines Verbot derweil nicht aus. „Wir fordern ein Maßnahmenbündel, bei dem auch die Hersteller und Inverkehrbringer in die Pflicht genommen werden“, sagt Annika Belisle, Sprecherin der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD). Analog zu CO2- oder Propangasflaschen sollten sowohl ein Pfandsystem als auch Kennzeichnungspflichten zur korrekten Entsorgung auf den Produkten eingeführt werden. Das Gesetz im Bundesrat müsse man dementsprechend anpassen, so Belisle.
Als Negativbeispiel dienen hier die Niederlande. Hier kam es im Zuge der Verbots des Verkaufs im Jahr 2023 paralell auch zu einer Abschaffung des Pfandsystems. Das Resultat war ein enormer Anstieg der illegalen Entsorgung der Flaschen und Kartuschen. „Ein Verbot macht auch nur auf EU-Ebene wirklich Sinn“, mahnt Belisle. „Ansonsten fahren die Jugendlichen aus Berlin einfach nach Polen, wo der Konsum noch legal ist.“





