Von , Bezirksreporterin

Mehr als zwei Jahre lang versetzte die Headset-Bande Discounter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in Berlin und Brandenburg in Angst und Schrecken. Bei ihren Überfällen gingen die Männer und Frauen äußerst brutal vor – und erbeuteten eine sechsstellige Summe. Doch am Ende wurde ihnen ausgerechnet die Abkehr von ihren Headsets zum Verhängnis.

Berlin, Spätherbst 2013: Ein Lidl-Markt kurz vor Ladenschluss. Plötzlich reißen maskierte Männer die Tür auf, Elektroschocker blitzen, Kabelbinder werden festgezurrt. Die Angestellten werden zu Boden gedrückt, gefesselt, bedroht. Im Büro kreischt ein Trennschleifer, Funken sprühen, als der Tresor geöffnet wird. Wenige Minuten später ist alles vorbei – die mit Headsets ausgerüsteten Täter verschwinden mit der Beute. Für die Mitarbeiter bleibt der Schrecken, für die Ermittler ein weiterer Überfall nach demselben Muster.

Die Headset-Bande: Die Fakten zum Fall im Überblick

FallÜberfälle auf Discounter und Fast-Food-Filialen in Berlin und Branden
Tat-ZeitpunktAugust 2011 bis November 2014
Statusaufgeklärt, Täter verurteilt
Beuterund 320.000 Euro, nach wie vor verschwunden
BesonderheitTäter trugen bei Überfällen Headsets

Brutale Überfälle auf Discounter: Die Idee kam ihnen bei McDonald’s

Fünf Männer, eine Frau, mehrere Dutzend Raubüberfälle – die Headset-Bande schien der Polizei immer einen Schritt voraus. In wechselnder Besetzung terrorisierten ihre Mitglieder über drei Jahre lang Imbisse und Discounter in Berlin und Brandenburg. Immer kamen sie am Abend, kurz vor Ladenschluss, wenn nur noch wenige Kunden vor Ort waren. Ihr Markenzeichen: Headsets, mit denen sie sich während der Überfälle absprachen – und ein überaus rigides Vorgehen. Mitarbeiter wurden am Boden gefesselt, Tresore mit Trennschleifern aufgeknackt. Alles ging zügig über die Bühne. Die Polizei tappte lange Zeit im Dunkeln, wer hinter den Überfällen steckte. Manche Discounter-Filiale wurde sogar gleich mehrmals von der Bande „beehrt“.

Alles hatte damit begonnen, dass Swen M. und ein paar Freunde 2011 bei McDonald’s saßen. Swen hatte ein paar Jahre gesessen: Wegen Raubes war er 2000 zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Kaum in Freiheit, klotzte er ran, wollte sich eine Firma aufbauen: Sicherheit und Messebau. Doch aller Anfang ist schwer. Die Freunde hatten den Tag über beim Baden in Wandlitz verbracht. Bei allen war die Kasse knapp. Da kam ihnen die Idee. Sie sahen, wie die McDonald’s-Mitarbeiter kurz vor Feierabend gewohnte Routinen erledigten, die Filiale aufräumten, den Müll beseitigten – und dabei die Tür zum Lagerraum offenstehen ließen.

True Crime Das dunkle Berlin Headset-Bande
Als Reaktion auf die Überfälle der Headset-Bande verschärften viele Discounter-Ketten ihre Sicherheitsmaßnahmen.© picture alliance | Sascha Steinach

True Crime Berlin: Headset-Bande schlägt Dutzendfach zu

Die Freunde besorgten sich Masken, falsche Bärte, Sonnenbrillen und Funkgeräte. In der ausgespähten McDonald’s-Filiale in Heinersdorf begingen sie im August 2011 ihren ersten Coup. Der wegen Urkundenfälschung vorbestrafte Stefan G., damals 24, stand mit seinem Hund vor der Filiale Schmiere. Bandenchef Swen M. (34) und sein Freund Roland L. (36) stürmten das Schnellrestaurant. Die Beute, 5000 Euro, teilte sich das Trio zu gleichen Teilen. Gut 1650 Euro für jeden – abzüglich Spesen für falsche Bärte. Es war der Beginn einer beispiellosen Raubserie, die Berlins Strafermittler jahrelang beschäftigte, Angestellte in Angst und Schrecken versetzte, und sie misstrauisch auf Kunden blicken ließ, die in letzter Minute durch die Ladentür eilten.

Nach einem weiteren Überfall auf eine Burger-King-Filiale in Treptow verlegte sich die „Headset-Bande“ auf Discounter am Stadtrand als Ziel der Überfälle – wegen der Aussicht auf größere Beute. Swen M. kannte teilweise die Sicherheitsvorkehrungen: Mit seiner Firma hatte er in einer Supermarktkette als Sicherheitsmann einen Auftrag erledigt. „Dadurch wusste ich, wie die Tresore dort aufgebaut sind“, gab er später zu. Die Bande professionalisierte sich. Aus angeklebten Bärten wurden Sturmmasken, dann Sonnenbrillen und Basecaps; aus den Walkie-Talkies Headsets.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

Die Mitarbeiter wurden mit Elektroschockern und Schreckschusspistolen – von scharfen Waffen kaum zu unterscheiden – in Schach gehalten. Sie mussten sich selbst mit Kabelbindern fesseln. Die Tresore der Discounter wurden mit Trennschleifern aufgeflext. Das war der Job von Swen M. Als der Akku einer Baumarkt-Variante nach dem zweiten Schnitt aufgab, wurde ein Profigerät von einer Baustelle gestohlen. Damit ging es besser.

Gefesselt am Boden – Angestellte in Todesangst

Die Serie von Supermarkt-Raubzügen begann dort, wo sie später auch endete, mit einem Überfall auf eine Lidl-Filiale in der Dietzgenstraße in Blankenfelde im Oktober 2011. Wochenlang hatte sich die Bande davor Zeit genommen, um das Geschäft zu observieren. Danach ging es schneller. Drei Angestellte sahen die Waffen. „Gewalt war nicht geplant“, sagte Swen M. später. Gemeint war physische Gewalt beziehungsweise Körperverletzung – und die guten Vorsätze wurden später mehrmals über Bord geworfen. Für die Fahnder gab es nur wenig Ermittlungsansätze. Immerhin: Die Überfälle konzentrierten sich auf am Stadtrand gelegene Filialen von Lidl, Netto und Aldi.

Auch dafür hatte Swen M. im späteren Prozess eine schlüssige Erklärung: Die Geschäfte in den Außenbezirken Berlins und im Berliner Umland lagen günstig, abseits der Hauptstraße, wenig beleuchtet. Die besondere „Kundentreue“ erklärte er auch: „Penny und Rewe gehen gar nicht, voller Kameras. Für uns kamen nur Netto und Lidl infrage, die haben die gleichen Tresore.“ Montagabends verabredete sich die Bande telefonisch, zum „Sport“ zu gehen. Schließlich kamen die Geldtransporter bei Lidl immer dienstags.

Nachwuchs für die Headset-Bande: „Der erste Überfall ist immer der Schwerste!“

Verübt wurden die Überfälle von drei bis vier Personen. Es begann mit Swen M., Stefan G. und Roland L. Letzterer stand Schmiere, aber auch das war ihm schließlich zu riskant. Ersatz wurde mit Matthias G., alias Matze, gefunden, mit dem Swen M. zufällig auf einem Weihnachtsmarkt zusammengetroffen war. Man kannte sich von gemeinsamen Tagen in der JVA Tegel. Als Matthias G. in einem anderen Verfahren zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, sprang Swen M.s sechs Jahre jüngerer Bruder Kai ein.

True Crime Das dunkle Berlin Headset-Bande
Teile der Headset-Bande lernte sich in der JVA Tegel kennen.© IMAGO | Jürgen Ritter

Später wurde auch noch Kai M.s Lebensgefährtin Nadine J. in die Bande aufgenommen. Sie sicherte die Überfälle per Headset-Kommunikation von außen ab. Nadine war zu dieser Zeit hochschwanger. Als das Kind da war, besorgte sie sich für die Zeit der Überfälle einen Babysitter. „Mein Bruder stieg ein, als Matze von heute auf morgen verschwand“, erklärte der Bandenchef im späteren Prozess.

„Anfangs tat er sich schwer damit, der erste Überfall ist immer der schwerste! Deshalb nahmen wir den Netto von Alt-Kaulsdorf, den kannte ich ja schon.“ Auch die Mitarbeiter kannten die Headset-Bande schon. Sie hatte die Filiale nur sechs Monate zuvor schon einmal überfallen. Ein Fehler. Denn die Ermittler konnten das Netz jetzt enger ziehen. Um ihre Spuren zu verwischen, verteilte die Headset-Bande Bauschaum und das Pulver von Feuerlöschern in den Discountern. Mehrmals sollte auch Schluss mit den Raubüberfällen sein: Der Fluchtwagen wurde einmal, die Ausrüstung mehrmals verbrannt und entsorgt. Doch wenn Geldnot herrschte, besann man sich wieder auf das gemeinschaftliche „Sport treiben“.

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Die Headset-Bande wechselt auf Handys – ein Fehler

Die Ermittler hatten ein Problem. Zwei Jahre waren vergangen, mehr als 20 Überfälle auf Discounter verübt worden und noch immer hatte man so gut wie nichts gegen die Headset-Bande in der Hand. Nach einem weiteren Bruch, dem größten bisher, einem Überfall auf eine Lidl-Filiale in Zossen südlich von Berlin, bei dem die Täter fast 43.000 Euro erbeuteten, übernahm das Dezernat des Landeskriminalamts für schwere Bandenkriminalität die Ermittlungen. Die Strafverfolger entschlossen sich, mit einem Öffentlichkeitsaufruf in die Offensive zu gehen.

Es gab zwar keine Überwachungsaufnahmen und nur vage Täterbeschreibungen; ein markantes Merkmal – so die Hoffnung – könnte aber auffallen: die Headsets der Bande. Aufgrund des Fahndungsdrucks entschlossen sich die Täter, diese zu entsorgen und auf Handys umzusteigen. Ein folgenschwerer Fehler. Zwar wurden anfangs die SIM-Karten und die Handys nach den Raubüberfällen gewechselt, doch bald wurde man nachlässiger. Ein Abgleich von Funkzellendaten zur Tatzeit an den überfallenen Discountern führte die Ermittler auf ihre Spur – ihre Handys wurden jetzt abgehört. Monatelang herrschte Funkstille, doch dann gab es einen elektrisierenden Treffer.

Die Bande plante erneut einen Überfall auf den Lidl in Blankenfelde – vergaß dieses Mal aber die nötigen Kabelbinder. Als diese besorgt waren, war der Markt bereits geschlossen. Man verabredete sich per Telefon, am nächsten Wochenende zuzuschlagen. Die Bande ahnte nicht, dass sich die Schlinge um sie zuzog. Doch auch der Wochenendüberfall scheiterte. Trödelnde Teenager vereitelten den Überfall und damit auch den Zugriff der Ermittler, die in der Nähe bereitstanden. Weitere Monate vergingen, die Täter beobachteten einen Markt in Eberswalde, versuchten dann doch wieder in Blankenfelde zuzuschlagen, wo sie im November 2014 von der bereits bereitstehenden Polizei in Empfang genommen wurde.

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Im Sommer 2015 begann schließlich der Prozess vor einer Moabiter Strafkammer gegen die sechs Beteiligten der Headset-Bande. Es ging um bandenmäßigen räuberischen Diebstahl, Raubüberfall in 23 Fällen, Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung. Um sich ein Fahrzeug für ihre Ausrüstung zu besorgen, hatte die Bande 2012 in Brandenburg einen Transportwagen gestohlen, den Besitzer dabei kurzerhand entführt und später ausgesetzt. Mitarbeiter waren gefesselt und massiv bedroht worden. Zwei Verkäuferinnen traten wegen Körperverletzung als Nebenklägerinnen in dem Prozess auf.

Swen M., der bei allen Taten beteiligt war, legte ein umfassendes Geständnis ab und schilderte dem Gericht detailreich und in einem verblüffend sachlichen Ton alle Einzelheiten. Eine Zuschauerin murmelte: „Wenn ich den so sehe, dem würde ich glatt meine Handtasche anvertrauen.“ Am 2. November 2015 erging schließlich das Urteil. Vier der Täter erhielten Haftstrafen zwischen vier und zehn Jahren, die Schmiere stehenden Roland L. und Nadine J. Bewährungsstrafen. Der Verbleib des größten Teils der Beute der Headset-Bande – insgesamt etwa 320.000 Euro – ist bis heute ungeklärt.