Sehr genau erinnert Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sich noch an eine unangenehme Situation. Es war vor einiger Zeit bei einem Workshop in Spandau, er hatte damals die Rolle eines Schülers in einem Klassenraum. „Der Lehrer sprach Türkisch und redete auf mich ein. Er wollte, dass ich etwas an die Tafel schreibe, aber ich verstand ihn ja nicht. Deshalb wurde er immer lauter.“ In diesem Moment sei ihm klar geworden, wie wichtig Sprache ist. „Hier vor allem natürlich die deutsche Sprache“, sagt Wegner, „aber um die richtig zu lernen, müssen die Kinder auch ihre Muttersprache gut lernen.“

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Ein Ort, an dem das möglich ist, ist die deutsch-arabische Sprachschule Ibn Khaldun an der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Jedes Wochenende lernen hier im vierten Stock rund 700 Kinder zwischen fünf und 16 Jahren. Die Schule ist säkular, also offen für Kinder aller Glaubensrichtungen. „Bei uns lernen Kinder mit christlichem, muslimischen und jüdischen Glauben gemeinsam die arabische Sprache“, erklärt Stefanie Dietrich aus dem Leitungsteam der Schule Wegner bei einem Ortstermin. „Wir sind keine Koranschule und lehren ohne Ideologie.“

Zielscheibe von Extremisten

Die Schule setzt sich klar für mehr Demokratie und gegen Extremismus und Antisemitismus ein. Eine Haltung, die sie zum Ziel für Extremisten macht. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 ist die Schule immer wieder angegriffen worden. Steine flogen in die Klassenzimmer, die Wände wurden mit Parolen und Hamas-Symbolen beschmiert. Hudhaifa Al-Mashhadani, der Leiter der Schule, wurde bedroht. Seit Monaten schützen Polizisten das Gebäude, damit die Kinder und Jugendlichen weiter sicher lernen können.

Trotz dieser schwierigen Lage ist die Nachfrage nach Plätzen an der Ibn-Khaldun-Schule in der arabischen Community sehr groß. „Die Zahl der Schülerinnen und Schüler hat sich im Laufe des letzten Jahres fast verdoppelt“, sagt Dietrich, „rund 400 Kinder stehen auf der Warteliste.“ Erst neulich seien 73 Mädchen im Alter von 9 bis 13 Jahren dazu gekommen, weil man sie in der Koranschule von einem Tag auf den anderen gezwungen hatte, sich ein Kopftuch aufzusetzen. „Ich freue mich, dass das Angebot so gut angenommen wird“, sagte Dietrich, „je mehr säkulare Räume wir schaffen, desto weniger Zulauf haben die ideologisierenden Angebote.“ Seit die Schule ihre Arbeit aufgenommen hat, hätten in der Nachbarschaft drei Koranschulen, an denen der Unterricht mit religiöser Lehre vermischt ist, geschlossen.

Unterschiedliche Religionen müssen zur Normalität werden

Am Wochenende herrscht in der deutsch-arabischen Schule Hochbetrieb. Im Schichtsystem werden die 700 Kinder und Jugendlichen von 24 ehrenamtlichen Lehrerinnen unterrichtet, eine Klasse hat immer rund 20 Kinder. Unter der Woche finden in den Räumen verschiedene Begegnungs-Projekte statt. So hat zum Beispiel Jeremy Borovitz, Rabbiner bei Hilal Deutschland, auch schon mit jungen muslimischen und jüdischen Menschen Müll am Landwehrkanal gesammelt. „Unser Ziel ist eine bessere Welt“, sagte er. Diese Projekte seien enorm wichtig, betonte Dietrich. „Kinder und Jugendliche müssen sich begegnen dürfen, es muss auch für arabische Jugendliche normal sein, jemanden mit einer Kippa zu treffen“, sagte sie.

Wegner zeigte sich bei seinem Besuch der Ibn-Khaldun-Schule sehr beeindruckt von dem Engagement des Teams an der Schule. „Hier werden Brücken gebaut“, sagte er. „Die sind für unsere Stadt in der heutigen Zeit unheimlich wichtig.“ Zu viel Hass, Spaltung und Vorurteile erlebe man täglich auf den Straßen Berlins. Projekte wie die deutsch-arabische Sprachschule leisteten einen wichtigen Beitrag dagegen, „sie schaffen Räume der Hoffnung und des Dialogs“. Wegner versprach, sich trotz der schwierigen Haushaltslage dafür einzusetzen, dass das Angebot erhalten bleibt, gegebenenfalls sogar erweitert werde. „Es ist von unschätzbarem Wert für ein friedliches Zusammenleben in unserer Stadt“, sagte Wegner, „und das ist auch ein Anliegen der ganz großen Mehrheit der Menschen mit arabischen Wurzeln.“