Beschäftigte in Berlin haben im vergangenen Jahr rund 55 Millionen Überstunden angehäuft – etwa 30 Millionen davon blieben unbezahlt. Das geht aus dem „Arbeitszeit-Monitor“ hervor, den das Pestel-Institut im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erstellt hat. Im Gastgewerbe ist die Lage besonders dramatisch: Hier summierten sich die Überstunden von Köchen, Kellnerinnen und Barkeepern auf knapp 1,4 Millionen. Mehr als die Hälfte dieser Zusatzarbeit in Hotels, Restaurants und Gaststätten wurde zudem nicht vergütet.

Lesen Sie auch: Ende des Acht-Stunden-Tags? Psychologe warnt vor „Ausbeutung“

NGG Berlin-Brandenburg schlägt Alarm

Die Gewerkschaft schlägt Alarm: Die von der schwarz-roten Koalition geplante Abschaffung des 8-Stunden-Tages könnte Betrieben erlauben, ihre Beschäftigten künftig bis zu 12 Stunden und 15 Minuten täglich arbeiten zu lassen, warnt Sebastian Riesner von der NGG Berlin-Brandenburg.

Auch interessant

Schon jetzt liegt die maximale Arbeitszeit in Deutschland bei 48 Stunden pro Woche, in Ausnahmefällen seien sogar 60-Stunden-Wochen erlaubt. Doch die Gewerkschaft warnt vor einer drastischen Verschärfung: Sollte die Bundesregierung den 8-Stunden-Tag aufweichen, könnte das Wochenlimit künftig nur noch durch europäisches Recht geregelt werden. „Arbeitgeber könnten ihre Beschäftigten dann sogar zu 73,5-Stunden-Wochen verdonnern – nämlich zu sechs Tagen à 12 Stunden und 15 Minuten. Das wäre fast das doppelte Wochen-Pensum von heute – und damit Arbeitszeit-Stretching pur“, erklärt Riesner.

Abschaffung des 8-Stunden-Tages: ein Schritt in die falsche Richtung?

Für Beschäftigte bedeutete das „Arbeiten bis ans Limit – und darüber hinaus“, warnt der Geschäftsführer der NGG Berlin-Brandenburg. Das bedeute nicht nur eine hohe Belastung, sondern habe auch ernste Auswirkungen auf die Gesundheit und das Familienleben. Angesichts des Fachkräftemangels sei es zudem illusorisch, auf das Abfeiern von Überstunden zu hoffen. Um die Familie, den Beruf und die Pflege von Angehörigen unter einen Hut zu bringen, seien vor allem planbare und verlässliche Arbeitszeiten nötig. „Denn wer holt die Kinder ab, wenn die Schicht zwölf Stunden geht?“, fragt Riesner.

Mehr Politik-News

Die Abschaffung des 8-Stunden-Tages gehe in die falsche Richtung und würde die Probleme nur verschärfen. Riesner appelliert daher an die Berliner Bundestagsabgeordneten, dem „Herumschrauben am Arbeitszeitgesetz einen Riegel vorzuschieben“. Die längeren Arbeitszeiten würden außerdem die fehlenden Fachkräfte nicht ersetzen können. „Gute Arbeitsbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, systematische Qualifizierung und mehr Ausbildung. Das sind die richtigen Hebel für mehr Fachkräfte“, so der NGG-Geschäftsführer.