Im vergangenen Jahr trieben schlechte Arbeitsbedingungen die Mitarbeitenden der kommunalen Kindertagesstätten (Kitas) dutzende Male auf die Straße – ein unbefristeter Streik wurde letztlich gerichtlich untersagt. Die Rede war vom Kita-Kollaps. Mehrere Monate später ist die Krise weiterhin zu spüren. So jedenfalls fällt das Urteil der Gewerkschaft Verdi aus, die eine Umfrage unter Kita-Beschäftigten und Eltern, einen sogenannten „Kita-Realitätscheck 2.0“, am Mittwoch vorgestellt hat.

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Im Juni und Juli dieses Jahres hat Verdi insgesamt 2169 Personen nach ihrer Wahrnehmung der Kita-Situation in Berlin gefragt, davon 1438 Kita-Beschäftige und 731 Eltern beziehungsweise Bezugspersonen. Es ist die zweite Umfrage dieser Art innerhalb weniger Monate, was die Gewerkschaft mit den angekündigten Verbesserungen des Senats begründet. „Die Krise hält unverändert an“, fasste Tina Böhmer, Gewerkschaftssekretärin für die Kita-Eigenbetriebe, das Ergebnis grob zusammen. „Es handelt sich nicht um punktuelle Herausforderungen, sondern um ein systemisches, strukturelles Problem.“

Dramatische Ergebnisse der Kita-Studie: Erzieherin berichtet von schlaflosen Nächten

89 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Kita-Beschäftigen – die meisten davon aus Kita-Eigenbetrieben, lediglich 35 aus Kitas in freier Trägerschaft – gaben an, in hohem Maße belastet zu sein. Die überwiegende Mehrheit (98 Prozent) können laut der Studie mindestens teilweise dem eigenen Anspruch an ihren Beruf nicht genügen. 55 Prozent sagen, sie können dem eigenen professionellen Anspruch nicht gerecht werden.

Was das in der Praxis heißt, erklärte Vera Treske am Mittwoch bei der Vorstellung des Berichts. Sie ist pädagogische Facherzieherin für Integration in einem Kita-Eigenbetrieb. „Die Lage ist sehr angespannt“, sagte sie. Besonders die letzten Wochen vor der Schließzeit seien belastend gewesen. „Wir haben Langzeiterkrankte und akut erkrankte Kollegen. Teilweise ist nur die Hälfte der Kolleginnen anwesend.“ Das habe zur Folge, dass Gruppen geschlossen, Kinder auf verbliebende Gruppen aufgeteilt werden müssten.

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Obwohl die Belegung von Kitas zurückgegangen ist, führen Ausfälle beim Personal und nicht-pädagogische Tätigkeiten, wie Vor- und Nachbereitungszeiten, weiterhin dazu, dass der gesetzlich vorgeschrieben Betreuungsschlüssel nicht eingehalten werden kann, so Verdi.

„Wir können unsere Arbeit nicht so machen, wie wir es wollen“, berichtet Kita-Mitarbeiterin Treske. Sie sei eigentlich für eine enge Betreuung von Kindern mit Förderbedarf zuständig. Das sei aber oftmals nicht möglich, da sie ihre Kolleginnen und Kollegen in den Gruppen unterstützen müsse. „Ich habe oft schlaflose Nächte“, gesteht sie.

Verdi kritisiert, dass Standards für das pädagogische Fachpersonal abgesenkt werden

Die hohe Arbeitsbelastung der Beschäftigten führe weiterhin dazu, dass Entwicklungsgespräche mit den Eltern nicht geführt werden könnten. Diese sind laut der Studie ebenfalls von der angespannten Lage betroffen. Von den über 700 befragten Erziehungsberechtigten gaben 67 Prozent an, dass es oft oder sehr oft zu Einschränkungen der Betreuungszeiten komme. Zwei Drittel sind der Ansicht, dass Bildung nicht in erster Linie im familiären Umfeld stattfinden sollte.

Zudem ist ein Großteil der Überzeugung, dass in den Kitas mehr pädagogisches Fachpersonal gebraucht wird – ein Hauptkritikpunkt der Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter. Man sehe deutschlandweit in der gesamten Kinder- und Jugendhilfe die Tendenz, weniger professionelles Personal einzusetzen, kritisierte Elke Alsago, Leiterin der Verdi-Bundesfachgruppe Erziehung, Bildung, Soziale Arbeit. „Die Standards der Fachkräfte werden abgesenkt.“ Schlechter qualifiziertes Personal werde als Fachpersonal bezeichnet.

Beispiel: Die Ausbildung zu Sozialassistentinnen und -assistenten. „Das ist ein ganz anderes Ausbildungsniveau als bei Erzieherinnen und Erziehern“, so Alsago. Der Berliner Senat sei aktuell mit der Ausarbeitung eines Konzepts für diese Ausbildung für die Kulturministerkonferenz betraut. Aus Sicht der Gewerkschafterin wird diese Ausbildung aus rein monetären Gründen vermehrt angeboten. „Sozialassistentinnen und -assistenten sind ein paar Einkommensgruppen unter Erzieherinnen und Erziehern.“ Zeitgleich würden allerdings höhere Ansprüche an das Kita-Personal gestellt. So müssen Kitas inklusiv sein. Dafür wiederum brauche es jedoch entsprechendes Know-How.

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Verdi: Es braucht eine Verbesserung des gesamten Betreuungsschlüssels

Die von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) vorgeschlagenen Veränderungen – Betreuungsschlüssel für unter Dreijährige verbessern und zwei zusätzliche Schließtage für Fort- und Weiterbildungen – gehen Verdi nicht weit genug. Es brauche auch eine Verbesserung des gesamten Personalschlüssels, auch für über Dreijährige. Zudem dürften Mitarbeitende in berufsbegleitender Ausbildung nicht auf den Personalschlüssel angerechnet werden.