Nur wenige Tage nach der Eröffnung der neuen Bar wird der Schriftzug angebracht. „Adieu“ steht in geschwungenen blauen Lettern über dem Eingang. Dabei ist es kein Abschied, sondern ein Willkommen. Adieu reimt sich auf Mathieu, das ist der schlichte Grund für den neuen Namen des Cafés im Prenzlauer Berg. Julian Mathieu ist seit Juli der neue Barbesitzer und froh über seine Location, die nun sein Leben bestimmen wird. Er fühlt sich wie im Ziel, obwohl er gerade erst 28 Jahre ist. Das, was er sich jetzt aufgebaut hat, ist das Ergebnis eines Prozesses, den er selbst in Gang gesetzt hat. An einem Punkt, als er wusste, dass sein Leben nochmal eine andere Richtung einschlagen muss.
In 28 Jahren schon einige entscheidenden Wendungen
Zu behaupten, in den 28 Jahren des jungen Mannes hätte es die eine, alles entscheidende Wendung gegeben, wäre zu kurz gegriffen. Dass er jetzt eine Bar an der Knaackstraße 26-28 hat, ist nur das Resultat der jüngsten Ereignisse. Aber viel eher nahmen die Dinge ihren zuweilen schicksalhaften Lauf. Eine Begegnung im MediaMarkt, ein völlig überraschender Anruf, Corona und ein Freund, der einen Job für ihn hatte – das sind nur einige Momente, die seinen Weg bestimmten.
Auf eigenen Faust ist der geborene Saarländer mit 16 Jahren in sein eigenes Leben gestartet. Das Zuhause zu eng, die Schule nichts für ihn. „Ich war schon immer umtriebig, wollte raus und weg“, erzählt Julian Mathieu auf der sonnigen Terrasse vor dem „Adieu“. Immer wieder wird das Gespräch unterbrochen: Da kommen Freunde, die umarmt werden wollen, Geschäftskunden, die kurze Absprachen brauchen, die Mitarbeiterin, die noch eine Frage hat.

Doch der Faden wird immer wieder schnell aufgenommen. „Dann zieh doch aus“, hatte seine Mutter erklärt, die es satthatte, wenn er mal wieder zwei Tage nicht nach Hause gekommen war. Das Fernweh verschlug ihn vom Dorf in die benachbarte Stadt und in den Baumarkt. Ungelernt, mit Hauptschulabschluss, hatte seine Schwester ihm diesen Job besorgt, weil sie den Chef kannte. Der Teenager wurde Berater in der Fließen- und Sanitärabteilung, der Chef sein Mentor, der ihn auch auf Termine mitnahm. Fast wollte er schon bleiben, dachte ans Aufsteigen, da änderte er seine Meinung.
„Alle Freunde waren weg“, erklärt er den Grund. Also musste er auch weg. Da seine Eltern dagegen waren, dass er kündigte, musste er warten, bis er 18 Jahre ist. Dann konnte er selbst kündigen. Mit zwei Ikea-Tüten ist er nach Berlin zu seinem Großcousin getrampt. Aus ein paar Wochen, die er bei ihm bleiben wollte, sind drei Jahre geworden, er zog vom Sofa in die Abstellkammer und dann ins eigene Zimmer.

Sein Job anfangs: Von Tür zu Tür gehen und für den Bundesnaturschutz werben. Das funktionierte gut, den netten jungen Mann ließen viele rein, quatschten gern mit ihm. 200.000 Euro warb er für den Verein ein, für ihn kam ein kleines Startkapital zusammen. Wofür er das brauchte, war ihm in dem Moment noch nicht klar.

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Der Moment, der seinem Leben eine neue Richtung geben sollte, passierte ihm MediaMarkt. Er wollte einen Toaster kaufen, sah aber vielmehr eine hübsche Verkäuferin. Um sie in einem Gespräch zu verwickeln, nahm er eine Kamera in die Hand, die gerade vor ihm lag. Es klappt, sie kam heran, plauderte mit ihm. Am Ende hatte sie ihm den Fotoapparat aufgeschwatzt, das Date aber mit Verweis auf ihren Freund ausgeschlagen.

So wurde Julian Mathieu Fotograf. Sein Großcousin Lutz, der Sänger ist, nahm ihn mit zu einer Show, wo er die Fotos machen sollte. Sein Lohn: Freigetränke. Eine A&R-Mitarbeiterin von Sony Music, die auch auf dem Konzert war, fand die Fotos gut, er bekam weitere Aufträge. Die Managerin fand die Fotos gut, er bekam weitere Aufträge. Als freiberuflicher Fotograf tourte er mit Bands durch Deutschland und nahm Jobs aus vielen Bereichen an: Werbung, Presse, Social Media und Album Cover. Er war mit Indie-Bands auf Tour – backstage auf Open-Airs, auf kleinen Dorffesten, riesigen Festivalbühnen an der Nordsee, in Spanien, Österreich und der Schweiz.
Das Ereignis, das ihn in die nächste Liga katapultierte, war 2018 ein Anruf von Florida Entertainment. Ob er nicht für einen erkrankten Fotografen einspringen und die Late Night Berlin mit Klaas Heufer Umlauf machen könnte. Ab da war er gut im Geschäft, die Namen, mit denen er arbeitete, wurden bekannter. Es lief, er konnte gut seine Miete zahlen und dann kam Corona.
Nach der vierten Show wurde alles abgesagt
Julian Mathieu war gerade mit der Vorband von James Blunt auf Europatournee, als nach der vierten Show Schluss war, alles wurde abgesagt. Da kam ein Freund zu ihm und bot ihm einen Job als Produktionsassistent bei einer Filmproduktionsfirma an. Ein fester Job? Eigentlich nichts für ihn, aber er wollte es probieren.
Jeden Tag gab es PCR-Tests, stressig sei es gewesen mit 50 Leuten am Set, aber es habe Spaß gemacht, erzählt er. Wieder hatte er den Chef als Mentor, er habe unter „Welpenschutz“ gestanden. Doch dann ging der Chef zurück nach Bayern und er kündigte 2022. Die Fotojobs liefen wieder an, Mathieu gründete eine eigene Filmproduktionsfirma. Zu den Werbejobs und Musikvideos kamen Aufträge von Klaas Heufer Umlauf, Joko Winderscheidt und Sarah Connor.
Es ging gut, bis Anfang 2025. Das war nun der alles entscheidende Moment, an dem der 28-Jährige alles in Frage stellt. Da war zum einen das Gefühl, das alles lange genug gemacht zu haben. Dazu kam ein krasser Einbruch in der Filmindustrie, die Wirtschaftslage war schlecht. „Die Auftragslage war noch okay, aber es war abzusehen, dass es weniger werden wird“, erzählt Mathieu. Dem wollte er vorgreifen.
An diesem Punkt musste ein Plan B gefunden werden
Ein Plan B musste her, den er mit zwei Freunden austüftelte. Es sollte etwas Beständiges, sicheres sein. Etwas, was er selbst in der Hand hatte. Er wollte nicht mehr abhängig sein, von den Aufträgen der anderen. Die erste Idee war eine Aperol-Spritz-Bar, „auf jeden Fall ein Ort, wo alle hingehen können“. Ihm fehle das Aperitif-Gefühl in Berlin.
Er fand das Frühstückscafé in der Knaackstraße in Prenzlauer Berg. Mit zwölf Freunden, die an die Idee glauben und Geld gaben, startet er das Community-Investment Café-Aperitif-Bar „Adieu“. Mit Kaffee, eigenen Cocktails, Oliven, Chips und Antipasti. Im Hintergrund läuft klassische Musik aus den Jahren von 1920 bis 1980. Schon jetzt ist es ein Treff für Schauspieler, Musiker, Kreative, ein Ort zum Netzwerken, aber auch ein Ort, um einfach das Kiezleben an sich vorbeiziehen zu lassen. Nachbarn und Anwohner kommen genauso gern vorbei, von Montag bis Sonntag bietet das Café Platz für alle.
Julian Mathieu hat das Gefühl, angekommen zu sein. Er wohnt mittlerweile in Prenzlauer Berg, fühlt sich wohl im Kiez. Fotoaufträge macht er immer noch. „Aber ich muss nicht mehr kleine Jobs nur für das Geld annehmen.“





