Die Ausgangssituation für den diesjährigen Christopher Street Day (CSD) in Berlin war alles andere als einfach: Neben der grundsätzlich steigenden Bedrohung für queere Menschen sprangen dem queeren Verein mehrere Sponsoren ab. Zudem zog die Bundestagsverwaltung ihre Teilnahme an der Parade zurück. „Es herrscht eine enorme Unsicherheit in der Community“, erklärte Vorstandsmitglied Marcel Voges am Donnerstag bei der Vorstellung des Konzepts für den CSD 2025 in Berlin.

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Kampflos möchte man angesichts dieser Situation aber nicht bleiben, im Gegenteil: „Die Stimmung dieses Jahr wird anders sein: kämpferischer, mutiger, entschlossener“, sagte Thomas Hoffmann, ebenfalls Vorstandsmitglied. Das Motto der Parade: „Nie wieder still“. „Es bedeutet, dass wir uns von unserem Platz, den wir über Jahrzehnte erkämpft haben, nicht verdrängen lassen.“

CSD Berlin: Diese drei Forderungen haben die Veranstalter an die Politik

Mit drei Forderungen treten die Organisatorinnen und Organisatoren der Demonstration dieses Jahr an die Politik heran. Erstens: Erhalt der Community- und Beratungsstrukturen. „Wir kennen alle die Einsparungsziele in Bildung und Kultur“, sagte Hoffmann mit Blick auf die vom Senat auferlegten Sparzwänge. „Davon sind auch queere Projekte sehr stark betroffen.“ Es brauche eine langfristige Absicherung, einen Rettungsschirm.

Der zweite Punkt im Forderungskatalog ist bereits älter. „Vor knapp zwei Jahren hat Kai Wegner beim CSD versprochen, eine Bundesratsinitiative anzustoßen“, monierte Hoffmann. Gemeint ist der Wunsch, dass der Schutz der sexuellen Identität ins Grundgesetz mit aufgenommen wird. Kürzlich verkündete der Berliner Senat, sich im Bundesrat dafür einzusetzen. „Es hat lange gedauert, aber wir sind dankbar, dass es jetzt kommt“, so der CSD-Vertreter. „Der Senat darf den Vorstoß aber nicht als bloßen Aktivismus verkommen lassen.“

Christopher Street Day Berlin
Beim CSD 2023 versprach Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), sich dafür einzusetzen, den Schutz der sexuellen Identität im Grundgesetz zu verankern. © Funke Foto Services | Maurizio Gambarini

Zuletzt geht es den Organisatorinnen und Organisatoren darum, die kürzlich vorgestellte Landesstrategie gegen Queerfeindlichkeit umzusetzen. „Es ist wichtig, dass sie nicht zum Papiertiger wird“, betonte Hoffmann. Die Notwendigkeit ist nicht zu bestreiten, betrachtet man die steigende Gewalt gegen queere Menschen und die Angriffe auf queere Räume.

CSD in Geldnot: Künstlerinnen und Künstler treten pro bono auf

„Noch haben wir keine angemeldete Gegendemonstration“, erklärte Vorstandsmitglied Marcel Voges. Aufgrund der Größe des Berliner CSD sei mit einer großen Gegenbewegung ohnehin nicht zu rechnen. „Wir stehen im sehr engen Austausch mit der Polizei.“ So würden die Beamtinnen und Beamten verstärkt an U-Bahnhöfen eingesetzt. Insgesamt erwarten die Veranstalterinnen und Veranstalter mehrere Hunderttausend Teilnehmende. Knapp 1000 Sicherheits- sowie 280 Sanitätskräfte sollen für einen sicheren Ablauf sorgen. Mit 79 Trucks, inklusive eines Inklusionsbusses der BVG, und 100 Fußgruppen werden die Demonstrierenden von der Leipziger-, Ecke Charlottenstraße nach Schöneberg ziehen und von dort in Richtung Straße des 17. Juni.

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Auf sechs Bühnen werden politische Reden gehalten – eröffnet wird die Veranstaltung durch die Bundestagsvizepräsidentin Josephine Ortleb (SPD) sowie den Bundestagsvizepräsidenten Omid Nouripour (Bündnis 90/Die Grünen) auf der Hauptbühne vor dem Brandenburger Tor. Doch neben den 40 Prozent politischen Inhalten soll dort zu gleichem Anteil queere Musik gespielt werden. Das besondere: „Alle Künstlerinnen und Künstler treten kostenfrei auf“, wie Monique King, Sonderbevollmächtigte des Vorstands „Beirätin“ für lesbische Sichtbarkeit, erklärte. Lediglich Anreise und Übernachtung würden übernommen. „Für die Künstlerinnen und Künstler bedeutet das einen Verdienstausfall. Das kann man nicht hoch genug bewerten.“

Vorstandsmitglied befürchtet CSD-Verbot in wenigen Jahren

Hintergrund dieser solidarischen Geste: Der CSD Berlin sah sich Ende April mit 70 Prozent weniger Einnahmen durch Sponsoren konfrontiert. „Wir haben 100 Sponsoren angesprochen, davon hat die Hälfte abgesagt“, gestand Vorstandsmitglied Voges am Dienstag. Der hinter vorgehaltener Hand angeführte Grund sei die queerfeindliche Stimmung in den USA und die Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen gewesen – vor allem US-Firmen lehnten eine Beteiligung ab, doch auch bei deutschen Unternehmen sei eine Veränderung festzustellen: „Einige haben im Vergleich zum vergangenen Jahr keine Regenbogenflagge mehr in ihren Logos auf Social Media-Kanälen. Es ist ein strukturelles Problem.“

Zwar konnten nach Bekanntwerden der Finanzierungsprobleme Spenden in Höhe von 200.000 Euro gesammelt und rund die Hälfte der derzeitigen Partner neu dazugewonnen werden, doch das Problem bleibt. „In fünf oder sechs Jahren wird der CSD verboten, wenn die Entwicklung so weitergeht“, befürchtet Voges. Der Verein müsse resilienter werden. Doch wie?

Queerfeindlichkeit: Wie der Wind gedreht werden soll

„Wir müssen stärker den Schulterschluss mit lokalen Unternehmen, Initiativen, mit Gewerkschaften, mit Arbeitsgeberverbänden suchen und die stärker in den Verein einbinden“, meint das CSD-Vorstandsmitglied. So müssten Arbeitgeber etwa vielmehr für queere Themen sensibilisiert werden, gemeinsam gelte es Veränderung herbeizuführen. „Dann können wir den Wind wieder drehen“, ist sich Voges sicher. Dies sei auch eine Strategie zur nachhaltigen finanziellen Absicherung.

Queer Rights Protesters Demonstrate Against Bundestag President Kloeckner
Nicht alle in der queeren Community sind damit einverstanden, mit der CDU/ CSU im Gespräch zu bleiben, nachdem Kanzler Merz in Bezug auf das Hissen der Regenbogenfahne sagte, „der Bundestag ist kein Zirkuszelt“.© Getty Images | Omer Messinger

Zudem müsse die CDU mit ins Boot geholt werden. Die Partei, die das Hissen von Regenbogenflaggen als Verletzung der Neutralitätspflicht bezeichnet. Voges ist sich darüber bewusst, dass in der Community nicht immer Einigkeit darüber herrscht, inwiefern auf die Konservativen zugegangen werden soll. „Es gibt vielleicht viele, die der queeren Gemeinschaft gegenüber kritisch sind, aber die man vielleicht noch umstimmen kann. Wir brauchen eine strake gesellschaftliche Mitte, die nicht schweigt, sondern sich hinter uns stellt.“