Respekt – das ist mein instinktives Gefühl gegenüber der deutschen Gesellschaft nach zehn Jahren hier zu leben. Vor allem ist die breite gesellschaftliche Solidarität auffällig – und die Fähigkeit zur tiefen Selbstreflexion, besonders was die Verarbeitung der Vergangenheit anbelangt. Beeindruckend ist, wie sehr die Deutschen besser sein möchten; der Stolz und die Ambition einer großen Nation lösen auch in uns, Zugezogenen aus kleinen Ländern, Bewunderung aus.

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Diese Eigenschaften werden in Deutschland mehr denn je gebraucht, denn die Aufgabe ist nicht geringer als die komplette Erneuerung der Gesellschaft. So wie bisher kann es nicht weitergehen. Bundesministerin Karin Prien wünscht sich erfreulicherweise ein Super-Gesellschaftsministerium, in dem „alle Themen rund um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Generationengerechtigkeit und Demokratiebildung angesiedelt sind“. Es ist Zeit – wir leben in einer diversen Gesellschaft des digitalen Zeitalters, die von veralteten Methoden geführt wird. Die Basis für die Erneuerung ist das Bildungssystem.
Fokus auf gleiche Chancen
Seit Jahrzehnten findet das deutsche Bildungssystem den Ausweg nicht – siehe die PISA-Ergebnisse. Die Bildungsforscherin Cordula Artelt sagt: „Es fehlt an der Gesamtstrategie … das bedeutet nicht unbedingt mehr Geld, sondern Strukturen überdenken. Und da, glaube ich, kann man sehr wohl von anderen Ländern lernen.“ Es ist ein Schlüssel für Veränderungen.
Die Debatte über Karin Priens Aussage läuft seit einigen Tagen – lautstark und mit viel Kritik. Ich verstehe, woher diese kommt, bin aber anderer Meinung. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), sagt: „Deutschland brauche keine Quote im Klassenzimmer. Die Schieflage im Bildungssystem lösen wir nicht über Quoten für Kinder.“
Historische Beispiele für erfolgreiche Integration
Nur einige Gegenbeispiele: In den 60ern in den USA waren Flüchtlingskinder aus Kuba schon nach drei Wochen in der Schule. In Ungarn sind griechische Geflüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg sofort in die Schule gegangen. Alle haben sich angepasst und die Sprache problemlos gelernt. In Italien und Dänemark zeigt sich die Wirksamkeit der Obergrenze lokal, an bestimmten Orten. Die wichtigste Lehre aus Finnland: Es gibt keine erfolgreiche Bildungsreform ohne gesellschaftliche Debatte.
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Wie kann eine Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund umgesetzt werden? Wie kommen Kinder in eine Schule, die sich in einem anderen Stadtteil befindet? Die Antwort ist überraschend einfach: zur Not mit Bussen zum Beispiel. Das wurde in anderen Ländern bereits so gemacht. Teuer? Ich denke nicht – im Vergleich zu dem, was wir gewinnen. Wie Ahmad Mansour erklärt: „Es geht um Sprachdefizite. Es geht um sozioökonomischen Status. Es geht um bildungsferne und bildungsnahe Familien. Es geht um Lebensmodelle. Und wir wissen aus der Sozialpsychologie, dass Vorurteile sogar abgebaut werden, wenn Kinder unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen und gemeinsam die Schule besuchen.“
Zuwanderer als Lehrer: Sprachbarrieren überwinden
Aber es geht nicht nur um die Kinder. Warum dürfen zugewanderte Lehrer und Lehrerinnen ohne C1-Sprachprüfung nicht unterrichten? Warum haben wir kaum zweisprachige arabische Schulen in Berlin? Es ist selbstverständlich, englische, spanische, französische, portugiesische, italienische, russische, polnische, griechische, sogar türkische Europa-Schulen zu haben – warum nicht arabisch? Es wäre ebenso nützlich für Einheimische wie in anderen Schulen. Dann müsste jemand wie Konstantin Schreiber nicht nach Syrien gehen, um Arabisch zu lernen. Und übrigens könnten die syrischen Lehrer und Lehrerinnen dort auch arbeiten.
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Warum glaubt die Mehrheit der Gesellschaft nicht an die enttäuschenden Fakten? Im internationalen Vergleich ist der Anteil der Kinder ohne Schulabschluss in Deutschland auffällig hoch. Die PISA-Ergebnisse sind seit langer Zeit ernüchternd. Die Versuche, diese Probleme mit Geld, Weiterbildung der Lehrkräfte, kleineren Gruppen etc. zu lösen, sind gescheitert. Der Bildungsforscher Andreas Schleicher weist darauf hin, dass Studien „durchaus“ für die Einführung einer Obergrenze sprechen. „Wir wissen aus unseren Vergleichsstudien, dass die Konzentration von Schülern mit Migrationshintergrund ein ganz entscheidender Faktor für Schulleistungen ist. Das heißt, Bildungssysteme, die Schüler mit Migrationshintergrund gleichmäßig verteilen, haben einen ganz entscheidenden Vorteil.“ Herr Schleicher ist der Direktor für Bildung und Kompetenzen bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die PISA-Studien durchführt.

Warum haben so viele Menschen so große Angst vor Quoten? Die Mischung stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt – verstehen, zuhören, helfen, dabei sein, Empathie lernen. Investitionen in Schulen bedeuten nicht nur Bauprojekte! Es bedeutet, eine ganzheitliche Strategie zu schaffen, bei der alles zur Schule gehört: Lernen, Fähigkeitsentwicklung, Sport, Musik, ausreichend und gesundes Essen, Debattierclubs etc. Die Schule ist die Basis der Gesellschaft.
Viele Zugewanderte fühlen sich von der Bildungsdebatte ausgeschlossen. Es ist wieder so wie bei zahlreichen anderen gesellschaftlichen Themen: Die Politik trifft Entscheidungen über uns – ohne uns. In Berlin leben 1,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (41 Prozent), etwa 1,2 Millionen davon sind nicht in Deutschland geboren. In einer Stadt wie Berlin ist es deshalb dringend notwendig, eine neue Struktur in der Verwaltung für die Partizipation der Zivilgesellschaft und insbesondere der Zugewanderten aufzubauen – nach dem gleichen Prinzip, wie es Karin Prien vorgeschlagen hat: ein Superministerium, das gesellschaftliche Partizipation fördert.
Gemeinsames Gestalten stärkt Zugehörigkeit und Erfolg
Damit könnte Berlin das Wissen und die Expertise von Menschen mit Einwanderungsgeschichte nutzen, internationale Beispiele adaptieren und Weltwissen nach Deutschland bringen – für gesellschaftliche Innovation. Durch eine solche systematische Arbeit könnten auch der Berliner Senat, die Politik und die Verwaltung vielfältiger werden.
Nur gemeinsames Gestalten bringt Zugehörigkeit. Und zugehörige Menschen schaffen eine erfolgreiche Gesellschaft. Das ist der einzige Weg gegen Populismus und Rechtsextremismus.
Ivan Gabor ist Mitgründer des Vereins WahlheYmat. Er lebt in Berlin, seit 2024 ist er deutscher Staatsbürger.




