Am Morgen legte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) einen Kranz nieder am Schulenburgring 2 in Tempelhof. Dort hatte Wehrmacht-General Helmuth Weidling am 2. Mai 1945 die Kapitulation Berlins vor der Roten Armee unterschrieben. Danach eilte Wegner ans Brandenburger Tor zur Eröffnung der kostenlosen Freiluft-Ausstellung „80 Jahre Kriegsende“.

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Die Schau am Pariser Platz beleuchtet mit historischen Fotos und kurzen Texten auf lilafarbenen Tafeln und mit Spiegelsitzbänken nicht nur die Kapitulation der Wehrmacht, sondern auch die schwierige Nachkriegszeit, Flucht und Vertreibung sowie die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in den Nürnberger Prozessen. Die Ausstellung ist das Zentrum der Themenwoche „… endlich Frieden?!“, die sich zum Jahrestag des Kriegsendes in sämtliche Berliner Kieze zieht.

Der vom nationalsozialistischen Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg hat jede Generation seither auf ihre eigene Art beschäftigt. Während es bei den Überlebenden in der Nachkriegszeit eher Verdrängen und der Blick nach vorn waren, setzten die 68er auf konfrontative Aufarbeitung mit der Elterngeneration. Und 80 Jahre nach Kriegsende stuft der Verfassungsschutz die AfD, die laut Umfragen Rekordzustimmung hat, als rechtsextremistisch ein.

Vor 40 Jahren brachte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Begriff der „Befreiung“ für das Kriegsende in den Sprachgebrauch. Der Berliner Komponist Marc Sinan hat sein Oratorium, das in der Akademie der Künste zu hören ist, ebenfalls „Befreiung“ genannt. Krieg ist für ihn „die schrecklichste Erfindung von Menschen“. Seine Komposition soll ein musikalisches Plädoyer für Frieden sein. Beteiligt sind Ensembles aus fünf Ländern. Erweitert wird das Oratorium mit einer Klanginstallation aus fünf silbernen Röhren, auf dem Pariser Platz, die man täglich bis zum 11. Mai erleben kann.

Mehr als 100 Veranstaltungen gibt es in Berlin zum Jahrestag des Kriegsendes

Kai Wegner greift den Begriff der „Befreiung“ auf. „Ja es waren Tage der Befreiung, auch wenn das damals von vielen Deutschen nicht eingesehen wurde“, betont Wegner. Denn nicht nur die Konzentrationslager seien befreit worden, auch Europa vom Nationalsozialismus und eben auch Deutschland. „Wir sind in der Verantwortung, die Erinnerung wach zu halten, zu gedenken und zu mahnen. Wir schulden es den Opfern, aber auch den nachfolgenden Generationen.“

Erarbeitet wurde die Ausstellung von der Ständigen Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum. Umgesetzt hat sie Kulturprojekte Berlin. Simone Leimbach empfiehlt allen Besuchern mit der Ausstellung zu beginnen „und dann in die Stadt auszuschwärmen.“ Denn neben der Ausstellung erwarten Interessierte mehr als 100 Veranstaltungen von mehr als 50 Veranstaltern in der ganzen Stadt – von Konzerten, Theater, Lesungen und Filmvorführungen bis hin zu Diskussionsrunden und Stadtführungen.

Da gibt es zum Beispiel eine Fahrradtour am 8. Mai von 10 bis 13 Uhr vom Flughafen Tempelhof ins 15 Kilometer entfernt zum Museum Karlshorst, wo 1945 die deutschen Oberkommandierenden von Heer, Marine und Luftwaffe ihre Unterschrift unter die Kapitulationsurkunde der alliierten Streitkräfte gesetzt haben. Es gibt kostenlose Bunkertouren durch den Fichtebunker (11 Uhr, 8. Mai) und den Bunker unter der Dresdner Straße vom Verein Berliner Unterwelten sowie Führungen über den Trümmerberg Marienhöhe (4.5, 13.30 Uhr) und eine Buchvorstellung „Weltenbrand. Der große imperiale Krieg 1931-1945“, Richard Overy, 6.5. 19.30 Uhr Topographie des Terrors)

Krieg endet nicht mit den Kampfhandlungen

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, ist es wichtig zu betonen, dass der Krieg nicht am 8. Mai vorbei war. „Bedeutet das Ende der Kampfhandlungen Frieden?“, fragt er nur rhetorisch. Denn nach Kriegsende waren Millionen entwurzelte Menschen unterwegs durch Europa: Befreite KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge und Vertriebene und auch demobilisierte Soldaten. Zum Beispiel für die baltischen Staaten habe sich der Frieden eigentlich erst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit von Russland 1991 eingestellt, findet Neumärker.

Das stützt auch ein Zitat der Holocaust-Überlebenden Sabina von der Linden-Wolanski aus der Ausstellung: Überleben bedeute nicht nur physisches. Sie habe nicht von einem Extrem ins andere gehen können. „Das Gefühl der puren Hoffnungslosigkeit, das Leiden und die Leiden und die Diskriminierungen können nicht einfach ausgelöscht werden, nur weil der Krieg plötzlich zu Ende war.“ Und so ist der 8. Mai in diesem Jahr zwar einmalig ein Feiertag in Berlin. Das findet Neumärker auch richtig, aber er hadere mit dem Begriff, gibt er zu. Er zieht „arbeitsfreier Gedenktag“ vor.

2. bis 11. Mai in ganz Berlin, zentrale Ausstellung kostenlos und unter freiem Himmel auf dem Pariser Platz, www.80jahrekriegsende.berlin