120 Jahre Morgenpost

Das Ende des Zweiten Weltkriegs: Als Berlin in Trümmern lag

Am 25. April 1945 erschien für sieben Jahre die letzte Ausgabe der Berliner Morgenpost. Das Kriegsende forderte seine Opfer.

Ein sowjetischer Soldat hisst die Sowjetische Flagge auf dem ausgebrannten Reichstagsgebäude - das Zeichen für die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches

Ein sowjetischer Soldat hisst die Sowjetische Flagge auf dem ausgebrannten Reichstagsgebäude - das Zeichen für die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches

Foto: dpa Picture-Alliance / Keystone Press Agency / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Die letzten Kriegstage.

50 Pfennig kostete die Ausgabe der Berliner Morgenpost vom 25. April 1945. Wie viele werden das Geld an diesem Tag wohl noch investiert haben, um zu lesen, was in der Stadt los war? Gut, die 50 Pfennig waren nicht mehr viel wert, aber die Informationen, die man im Blatt lesen konnte, noch viel weniger. Sie waren gelogen wie gedruckt. „Sie mögen in einzelne Stadtbezirke eingedrungen sein, wir werden sie daraus wieder verjagen“, hieß es etwa über die Panzerbataillone der Roten Armee, die sich in Wahrheit Straßenzug um Straßenzug immer enger an das Zentrum der Reichshauptstadt voran arbeiten konnten, inzwischen von allen Seiten.

Das Donnern der Geschütze und das Krachen der Einschläge ließen am wahren Geschehen keinen Zweifel zu. Eigentlich. Doch die Zeitungsredaktion konnte auch daraus Hoffnung produzieren, man sollte nur richtig hinhören und das Falsche dabei denken: „Die wachsende Zahl der Abschüsse deutscher Geschütze, die wir wahrnehmen, wird von allen Berlinern mit größter Genugtuung festgestellt.“

Die Berlinerinnen blieben dabei recht entspannt, konnten sie in der Morgenpost lesen. Gleich neben den Tipps für den Alltag (wegen der Tiefflieger bitte „einzeln und hintereinander an den Häuserrändern entlanggehen“, „nicht herumlaufen“, „Verbandspäckchen mitnehmen“) stand dort über sie: „Sie haben trotzdem auf ihren Einholwegen noch Zeit und Ruhe für einen Schwatz mit der Nachbarin oder Freundin. Die jungen Mädchen müssen einander noch schnell das letzte Erlebnis mit ‚ihm‘ erzählen und unbekümmert erklingt ihr Lachen, wenn es lustig gewesen ist.“

Papiermangel während des Kriegs - Zeitungen auf einer Seite

Ja, wenn. Aber mit welchem „ihm“ eigentlich? Jeder Mann, Greis, Junge, jeder Steppke, der sich selbst anziehen konnte, musste an der Front kämpfen, und wer sich von denen zwischendurch von einem lustigen Erlebnis locken ließ, der konnte schnell aufgehängt werden. Verurteilt vom Standgericht, wegen Desertation.

Lustig war allenfalls noch der Galgenhumor. Doch selbst über Witze wie den, dass man jetzt von der Ostfront an die Westfront mit der Straßenbahn fahren könne, wollte kaum noch jemand lachen, durfte schon gar nicht. Die wenigen Zeitungen, die in jenen letzten Kriegstagen noch erschienen, darunter auch die Morgenpost, waren wegen Papiermangels allesamt auf ein einziges Blatt abgespeckt. Das reichte allerdings, außer Durchhalteparolen durfte sowieso nichts gedruckt werden. Sie alle waren seit vielen Jahren gleichgeschaltet, standen unter Kuratel des Propagandaministeriums von Josef Goebbels. Doch alle Parolen halfen nichts, auch der Morgenpost nicht. Die Ausgabe vom 25. April war die letzte. Für sieben Jahre, erst 1952 erschien sie wieder.

Dabei galt bis vor wenigen Jahren noch das Blatt vom 24. April als das letzte für lange Zeit, auch das Verzeichnis aller deutschen Archivbestände gab diese Auskunft. Doch vor etwa 20 Jahren meldete sich eine Leserin – und legte die Ausgabe vom 25. April vor. War die Zeitung nicht registriert, weil sie gar nicht mehr ausgeliefert wurde? Wohin auch? So oder so – es ist ein antiquarisches Kleinod mit gespenstischem Inhalt. Mühsam musste die Redaktion damals gequält-aufmunternde Nachrichten aus der Stadt zusammensuchen, berichtete dann über „Volkssturmmänner aus der Siedlung und dem Laubengelände“, die sich am Teltowkanal „in ihren Stellungen eingerichtet haben, die Panzerfäuste liegen auf den aufgeschütteten Erdwällen“. Die Kleingärtner, so hieß es, bereiteten sich „in kaltblütiger Ruhe auf den Kampf gegen den bolschewistischen Todfeind“ vor. Oder man ließ einen „Kriegsberichter“ erzählen, wie er einem „13 bis 14 Jahre alten Hitlerjungen“ seinen großen Wunsch erfüllte und ihm eine Panzerfaust besorgte. „Voller Freude zog der Berliner Junge dann ab und zu den Stellungen einer Kompanie.“

Kapitulation des Deutschen Reichs

Nach der letzten Ausgabe der Morgenpost ließ Goebbels seine Propagandamaschine nicht stoppen. Weiter ging es mit dem „Panzerbär“. Als kostenloses „Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins“, wie es in der Kustode hieß, neben dem Motto: „Lesen und weitergeben!“. Goebbels selbst bemühte sich darin als Leitartikler und witterte noch am 29. April, drei Tage bevor er und seine Frau erst ihre sechs Kinder und anschließend sich selbst umbrachten, einen großartigen Trumpf in den Händen des Volkssturms bei der Verteidigung Berlins. Es werde doch alles immer einfacher, wollte er den Berlinern weismachen: „Mit dem Augenblick, da sich das Ringen an den eigentlichen Stadtrand heranschiebt, geht es von der Feldschlacht zum Straßen- und Häuserkampf über. Dabei fallen dem Verteidiger dann in besonderem Umfange die Vorteile des eigenen Landes zu, während der Gegner im Labyrinth eines ihm unbekannten Häusermeeres steckt. Und der Luftkrieg hat Berlin für eine Nahkampf-Landschaft hinreichend vorbereitet“. Mit anderen Worten: Durch die Bomben auf Berlin hätten die Alliierten ihre Niederlage selbst besiegelt.

Es kam anders. Am 30. April schießt sich Hitler eine Kugel in den Kopf. Und pünktlich, einen Tag vor dem 1. Mai, wie sie es für den revolutionären Feiertag angestrebt hatten, hissten die Sowjetsoldaten auf dem Reichstag die rote Fahne. Zwei Tage später gaben die letzten deutschen Soldaten in Berlin auf. Nach dem Tod des Führers wagte der letzte Kampfkommandant von Berlin, General Helmuth Weidling, über den Rundfunk den Befehl herauszugeben: „Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstands an.“ Am 8. Mai schließlich kapitulierte das Deutsche Reich.

Ab sofort gab es Gedrucktes in Berlin für zwei Monate nur noch aus sowjetischer Hand, bis die Westalliierten im Juli ihre Sektoren besetzten und bald ihre ersten Zeitungslizenzen an deutsche Verleger vergaben. 1949 wurde die Pressefreiheit wieder eingeführt, Lizenzen waren nicht mehr erforderlich. Die Leser der Morgenpost mussten sich noch bis 1952 gedulden, als die Familie Ullstein wieder ihren Verlag übernahm und am 26. September die Zeitung an Kioske ausliefern ließ.

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