Bunte Openair-Party statt Krawall am 1. Mai: Von 2003 an hatte das Kreuzberger „Myfest“ einen erheblichen Anteil am zunehmend friedlicheren Verlauf in den Kiezen um das Kottbusser Tor, den Heinrichplatz und die Oranienstraße. In diesem Jahr fällt das Myfest schon zum fünften Mal aus. Soner Ipekcioglu (51) war elf Jahre lang im Vorstand des MyFests und trug als Mitgestalter zur Veranstaltung bei. Den Schülerinnen und Schülern einer neunten Klasse des Kreuzberger Hermann-Hesse-Gymnasiums, die ihn gemeinsam mit ihrer Lehrerin Julia Zeeb im Rahmen eines Modellprojekts der Initiative „UseTheNews“ für die Berliner Morgenpost interviewten, erzählte er, wie sich das Myfest über die Jahre entwickelt hat. Aber auch, welche Probleme er in der Schule hatte – und was für ihn als Berliner mit türkischen Wurzeln im Leben wirklich wichtig ist.
Herr Ipekcioglu, wo sind Sie aufgewachsen?
Ihr könnt mich ruhig duzen, ich werde gern geduzt. Denn auch wenn ich schon über 50 bin, fühle ich mich manchmal noch ein bisschen wie ein Pubertierender. Ich habe die ersten Jahre meines Lebens noch in der Türkei verbracht, erst nach meiner Grundschulzeit bin ich mit meiner Familie nach Berlin gezogen. Zuerst haben wir in Wedding gewohnt, kurz vor der Wende sind wir nach Kreuzberg gezogen und hier wohne ich auch heute noch.
Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Als Sohn von Gastarbeitern bin ich viel zwischen Deutschland und der Türkei hin und her gependelt, „Kofferkinder“ wurden wir deshalb auch manchmal genannt. Wo genau meine Heimat ist, beschäftigt mich schon viele Jahre. Ich würde sagen, meine Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle. Und das ist definitiv auch Berlin.
Wir gehen alle auf ein Kreuzerger Gymnasium. Wie waren Deine Erfahrungen in der Schule?
Ganz ehrlich? Eine richtige Katastrophe. Ich musste erstmal Deutsch lernen, es ist eine wirklich schwere Sprache. Ich mache immer noch Grammatikfehler und muss heute noch überlegen, ob es der, die oder das Fleisch heißt. Im Türkischen gibt es nämlich keine männlichen und weiblichen Artikel. Nach der 6. Klasse kam ich auf eine Realschule, aber das ging nicht und ich sollte auf eine Hauptschule. Einer meiner Lehrer hat mich dann auf einer Gesamtschule angemeldet, dafür bin ich ihm noch immer dankbar, denn so konnte ich wenigstens einen erfolgreichen Schulabschluss machen.
Haben Deine Erfahrungen etwas damit zu tun, dass Deine Tochter dann nicht in Kreuzberg zur Schule gegangen ist?
Bei meiner Tochter war es etwas anderes, sie konnte natürlich schon Deutsch. Aber sie bekam in der vierten Klasse die schreckliche Diagnose Lese-Rechtschreibschwäche. Ich war damit nicht einverstanden und habe sie deshalb an einer Privatschule angemeldet. Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen, das Herz hat mir geblutet. Denn ich stehe politisch ja eher links und es ist mir wichtig, dass jeder die gleichen Chancen hat, unabhängig von seiner sozialen Herkunft. Aber in unserem Fall war es die richtige Entscheidung. Sie ist 22 Jahre alt, hat gerade ihren Uniabschluss gemacht und hat keine Lese-Rechtschreibschwäche.
Wenn Du jetzt noch ein Kind bekämst, was würdest Du anders machen?
Ich habe bei meiner Tochter viele Fehler gemacht. Vor allem in der Pubertät war es schwierig mit ihr. Irgendwann habe ich dann ein Buch des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul gelesen. Das hat mir die Augen geöffnet. Ich habe plützlich verstanden, unter welchem Druck meine Tochter den ganzen Tag steht und dass es ein Zeichen von Liebe ist, wenn sie sich zu Hause gehen lässt und ihre Sachen herumschmeißt. Ich bin in der Erziehung dann viel gelassener und offener geworden. Heute haben wir ein tolles und vertrauensvolles Verhältnis zueinander, meine Tochter ist der wichtigste Mensch für mich.
Du bist von Beruf eigentlich Schriftsetzer. Wie bist Du auf die Idee gekommen, in Kreuzberg ein Fest zum 1. Mai zu veranstalten?
Ich habe damals in der Waldemarstraße in Kreuzberg gewohnt. Und jedes Jahr zum ersten Mai musste ich mitansehen, wie alles abgesperrt und mit Holz verbarrikadiert wurde, ganz so, als wären wir hier im Bürgerkrieg. Irgendwann kamen wir, besonders die Kreuzbergerin Silke Fischer, in der Nachbarschaft auf die Idee, uns Kreuzberg am ersten Mai zurückzuerobern. Wir wollten den ersten Mai befrieden, die Anwohner sollten wieder die Macht über den Bezirk haben, wir wollten miteinander feiern, ohne Randalierer und Polizei. 2003 haben wir die Straße gesperrt und illegal eine Bühne aufgestellt. 5000 Leute haben so friedlich den ersten Mai gefeiert. Wir haben dann einen Verein gegründet und das Myfest wurde jedes Jahr größer und größer.
Wie hat sich das Fest im Lauf der Jahre verändert?
Es wurde von einer politischen Veranstaltung zur Partymeile. 40.000 Flaschen wurden dort durchschnittlich getrunken, es war wie am Ballermann. Das war einfach nicht mehr Sinn der Sache. Zumindest für mich nicht.
Und deshalb hast Du 2017 aufgehört, das Myfest mitzuveranstalten?
Ja. 2017 war noch einmal ein tolles Fest. Wir hatten 19 Bühnen, 200.000 Menschen haben zusammen gefeiert und es gab nicht einen einzigen, der verletzt worden ist. Unser Fest hat Kreuzberg verändert, leider auch mit negativen Folgen für die Anwohner. Denn weil Kreuzberg plötzlich bunt und friedlich war, kauften Investoren ganze Straßenblöcke, vermieteten sie teuer. Diese Entwicklung wollte ich dann nicht mehr mittragen und bin ausgeschieden.
Das Myfest findet nun schon seit 2020 gar nicht mehr statt. Wie verbringst Du den 1. Mai?
Ich werde ihn ruhig verbringen. Wahrscheinlich bin ich in Tübingen und arbeite.
Wir sind junge Menschen aus Kreuzberg. Was möchtest Du uns für die Zukunft mit auf den Weg geben?
Ihr braucht Ziele. Die müssen gar nicht endgültig sein, auch Etappenziele sind wichtig. Ein Ziel kann sein, einen Beruf zu finden, der einen glücklich macht. Oder eine Familie zu gründen. Das müsst ihr für euch selbst definieren. Nur wer ein Ziel hat, kann irgendwann auch irgendwo ankommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr Migranten seid oder nicht. Mein Leben ist viel einfacher geworden, seit ich aufgehört habe, mich zu definieren, zu überlegen, ob ich Türke oder Deutscher oder sonst was bin. Ich bin jetzt einfach nur noch glücklich.
Aufgezeichnet von Nicole Dolif


