Wenn Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) Anfang Mai Besuch von Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai bekommt, werden die beiden Männer offiziell eine Städtepartnerschaft unterzeichnen. Bereits Anfang April hatte Wegners Senatskanzlei die neue Vereinbarung zwischen Berlin und Tel Aviv kommuniziert. „Außerordentlich“ freue er sich darüber, die „langjährige und herzliche Verbindung zwischen den beiden Metropolen“ nun vertiefen zu können, ließ der Regierende Bürgermeister mitteilen.

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Dass Tel Aviv Berlins 19. Partnerstadt wird, hat viele Gründe – nicht zuletzt nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem auch hierzulande seitdem gestiegenen Antisemitismus. Darauf hob auch Wegner ab. „Durch den Austausch zwischen den Menschen werden wir dem stärker werdenden Antisemitismus gemeinsam begegnen“, sagte der Regierende Bürgermeister. „Berlin war die Stadt, in der die Schoa geplant und durchgesetzt wurde.“ Deshalb habe Berlin auch eine besondere Verantwortung und Verpflichtung gegenüber Israel und zum Schutz von jüdischem Leben.

Berlin: Was bewirken Städtepartnerschaften in der Praxis?

Tel Aviv ist die erste israelische Partnerstadt der deutschen Hauptstadt. Die meisten seiner Städtepartnerschaften hat Berlin in den Jahren rund um den Mauerfall und die Deutsche Einheit geschlossen. Zuletzt kam 2023, unter dem Eindruck des russischen Angriffs auf die Ukraine, Kyjiw als achtzehnte Stadt hinzu. Die Partnerschaft zwischen Moskau und Berlin, unterzeichnet 1991, ruht aktuell.

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Durch so eine Partnerschaft sollen die institutionalisierten Stadtgesellschaften beider Partner vernetzt werden. Im Zentrum stehen dabei Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Doch auch die normalen Bürger sollen profitieren: „Es werden Seminare zur Aus- und Fortbildung von Fach- und Führungskräften veranstaltet, aber auch Kultur-, Wissenschafts- und Sportveranstaltungen sowie Jugendaustausche und Studienaufenthalte ermöglicht“, heißt es von der Senatskanzlei. Die jeweiligen Schwerpunkte seien dabei von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Ein Beispiel für den praktischen Effekt einer Städtepartnerschaft liefert das „Prothesenzentrum Berlin-Kyiv“: In Berlin geschulte Prothesentechniker sollen eine erste kommunale Prothesenwerkstatt in der ukrainischen Hauptstadt aufbauen.

So wie Kyjiw sind der Großteil der Berliner Partnerstädte die jeweiligen Hauptstädte ihrer Länder (etwa London, Tokio, Madrid oder Paris). Dass mit Tel Aviv nun aber nicht die israelische Hauptstadt (Jerusalem) den Kreis der Berliner Partnerstädte erweitert, macht durchaus Sinn. Während Jerusalem vor allem als religiöses Zentrum Israels für Tradition steht, schlägt das weltliche Herz des modernen Israels in Tel Aviv.

Berlin kann von der Start-Up-Metropole Tel Aviv noch etwas lernen

Die zweitgrößte Stadt Israels hat eine der dynamischsten Gründerszene weltweit. Tel Aviv hat sich einen Namen gemacht als internationales Zentrum für Start-Ups und macht in dieser Hinsicht auch Berlin noch etwas vor. Laut einer im Mai 2024 von der Gisma University of Applied Sciences veröffentlichten Liste wurden in Tel Aviv in den vergangenen fünf Jahren 95 Start-Ups mit einer Finanzierungshöhe von mindestens zehn Millionen Euro gegründet.

Damit belegt Tel Aviv Platz sieben unter den Städten mit den meisten Unternehmensgründungen dieser Größenordnung. Berlin kommt in derselben Liste mit 85 Gründungen auf Platz zwölf. Zuletzt kriselte die zwischenzeitlich boomende Start-Up-Szene in der deutschen Hauptstadt allerdings etwas. Wie berichtet, gab es, etwa nach Zahlen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, in den vergangenen Jahren einen deutlichen Rückgang bei den Investitionen in Berliner Start-Ups.

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Berlin und Tel Aviv: Zwei Städte mit einem ähnlichen Lebensgefühl

Doch Tel Aviv ist viel mehr als nur ein dynamischer Wirtschaftsstandort. „In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel Aviv gelebt“, sagt schon ein israelisches Sprichwort. Die Metropole an der Mittelmeerküste steht für gutes Essen, Badetage am Strand und durchtanzte Nächte.

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Metropole mit kilometerlangem Strandzugang. In Tel Aviv lässt es sich gut leben. © IMAGO/Jöran Steinsiek | IMAGO stock

Von Berlin aus mag man, insbesondere an grauen Wintertagen, neidisch auf den kilometerlangen Küstenstreifen und die Sonnenliegen mitten in der Stadt blicken. Ansonsten aber verbindet die deutsche Hauptstadt viel mit Tel Aviv in puncto Lebensgefühl. Party, gutes Essen, Hedonismus: In beiden Städten lässt es sich gut leben. Insbesondere auch – und das ist leider keine Selbstverständlichkeit – für die queere Community.

Opposition und Demonstration: Politische Gemeinsamkeiten

Neben der dynamischen Wirtschaft und der lebendigen Ausgehkultur verbindet Berlin und Tel Aviv aber auch die politische Meinungsstärke. Tel Aviv hat sich in Israel zum Zentrum der Opposition entwickelt. Seit den Protesten gegen die Justizreform von Premier Benjamin Netanyahu gehen die Menschen regelmäßig zu Tausenden gegen dessen rechtsreligiöse Regierung und immer wieder auch für eine friedliche Lösung des Gaza-Kriegs auf die Straße.

Wie hier am 5. April demonstrieren in Tel Aviv immer wieder viele Israelis für eine friedliche Lösung des Gaza-Kriegs.
Wie hier am 5. April demonstrieren in Tel Aviv immer wieder viele Israelis für eine friedliche Lösung des Gaza-Kriegs. © AFP | JACK GUEZ

Auch dieser politische, meist oppositionelle Geist verbindet Tel Aviv mit der deutschen Hauptstadt. Dass es in Berlin, rund um die propalästinensischen Demonstrationen auf den Straßen und in den Universitäten, immer wieder auch zu antisemitischen Ausfällen kommt, unterstreicht dabei noch einmal die Bedeutung der bald besiegelten Städtepartnerschaft mit Tel Aviv.