Für die Grünen gab es bei der Bundestagswahl leichte Verluste. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Bei der Wahlparty der Grünen im queeren Klub SchwuZ in Neukölln wurde zu lauter Musik lange gefeiert. Bundesfamilienministerin Lisa Paus, zugleich Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, gab zu den ersten Hochrechnungen eine Einschätzung ab.

Frau Paus, wie haben Sie das Wahlergebnis im ersten Moment aufgenommen?

Lisa Paus: Ich freue mich erstmal darüber, dass wir Grünen die Partei sind, die, obwohl die Ampel ja die unbeliebteste Regierung war, die wir hatten – das müssen wir ja mal ehrlich eingestehen –, mit den geringsten Verlusten herausgegangen ist. Und da steckt ja auch ganz viel Erwartung an uns Grüne, dass wir uns einsetzen, es mit hinbekommen, dass wir Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und auch demokratisches Miteinander stärken. Jede einzelne Stimme ist auch ein klarer Auftrag, ansonsten ist es natürlich extrem unübersichtlich.

Als das Ergebnis der AfD verkündet wurde, herrschte hier im Saal betretenes Schweigen. Was sagen Sie dazu?

Paus: Es ist natürlich sehr, sehr bitter, dass die AfD offenbar mit 20 Prozent so stabil in den nächsten Deutschen Bundestag einziehen wird. Das ist auch eine Aufgabe und Verantwortung für alle demokratischen Parteien, alles dafür zu tun, dass wir das auf Sicht wieder ändern. Wir müssen die Probleme in diesem Land lösen. Dafür ist es wichtig, dass die demokratischen Parteien aufhören zu spalten und nicht nur wieder miteinander sprechen, sondern auch in demokratischer Art und Weise miteinander umgehen. Ich kann nur sagen: Wir Grünen haben über 40.000 neue Mitglieder, wir haben eine unfassbare Mobilisierung erfahren. Das zeigt: Diese Republik kann mehr, will mehr.

Ist der leichte Verlust im Vergleich zur letzten Bundestagswahl für Sie enttäuschend oder wenig überraschend?

Paus: Es ist so ungefähr in dem Rahmen, wie auch die Umfragen die ganze Zeit über gewesen sind. Dazu muss man sagen, dass wir beim Ampel-Aus noch deutlich schlechter dastanden. Wir haben tatsächlich Leute gewinnen können, mobilisieren können, überzeugen können. Am Ende hat sicherlich auch das Einreißen der Brandmauer seitens Friedrich Merz Menschen noch mal zur Linkspartei getrieben, weil sie gesagt haben: keine Stimme für Merz. Wir Grünen sind da in einer anderen Verantwortung, deswegen war das etwas, das wir von unserer Seite nicht wirklich beeinflussen konnten. Deswegen kommt es jetzt darauf an, dass die Partei, die in Verantwortung kommt, auch eine besondere Aufgabe und Verantwortung hat, jetzt auch zu versöhnen, nicht weiter zu spalten.

Das Kernthema der Grünen, der Klimaschutz, spielte gefühlt kaum eine Rolle im Wahlkampf. Haben die Menschen kein Interesse mehr daran oder woran liegt es, dass der Klimaschutz kaum mehr diskutiert wird?

Paus: Erstens haben wir Winterwahlkampf. Zweitens hatten wir ja lange praktisch nur ein Thema, das Thema Migration, obwohl eigentlich alle Umfragen gezeigt haben, dass das gar nicht das Hauptthema ist, das die Menschen in diesem Land bewegt. Trotzdem war es das alles beherrschende Medienthema. Natürlich haben wir das Thema gesetzt, wo immer es ging. Richtig ist: Alle anderen Parteien scheren sich relativ wenig um den Klimaschutz, und deswegen kam es bei allen anderen relativ wenig vor. Trotzdem haben wir da auch einen klaren Zuspruch gehabt. Auch wenn es sozusagen in der breiten Öffentlichkeit keine Rolle gespielt hat, ist es schon so, dass wir überall erlebt haben, dass viele Menschen es sehr wohl umtreibt.