Es müssen tausende Menschen gewesen sein, die Anteil an seinem Schicksal nahmen – und sich sehr wahrscheinlich bis heute gut an den bescheidenen Mann erinnern, der seine harte Lebensgeschichte mit ihnen teilte. Sieben Jahre hatte Klaus Seilwinder, der aus Brandenburg stammte, in Berlin auf der Straße gelebt. Seit 2009 kämpfte er sich zurück, berichtete er in verschiedenen Interviews auch der Berliner Morgenpost. Nun ist Seilwinder mit 67 Jahren gestorben, wie der Verein Querstadtein mitteilte, für den Seilwinder als ein besonderer Stadtführer arbeitete.

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Seit 2015 führte Seilwinder Schüler, Familien, Touristen, aber auch sozial interessierte Menschen aus der Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen durch die Stadt. Erzählte vor Ort von seiner Suchterkrankung und davon, was es bedeutet, obdachlos zu sein. „Ihm war es dabei wichtig, dass die Teilnehmenden der Touren Verständnis für Betroffene entwickeln“, so Jennifer Fielding, Geschäftsführerin des Vereins Querstadtein. Auch als es ihm schlechter ging, habe er seine Führungen weiter angeboten, nun eben digital. „Seine wichtigste Botschaft wird nicht vergessen werden: ‚Auch wenn ihr nicht allen Obdachlosen mit Geld helfen könnt, schenkt ihnen ein Lächeln und nehmt sie als Menschen wahr!‘“, heißt es auf der Facebook-Seite des Vereins. „Klaus hinterlässt eine Lücke, er war so ein feiner Geist mit großem Herzen und wir alle werden ihn vermissen“, schreibt dort Co-Gründerin Sally Ollech.

Ziemlich genau vor sechs Jahren hatte die Morgenpost Klaus Seilwinder gemeinsam mit seinem Stadtführer-Kollegen Uwe Tobias interviewt. Damals war gerade das Ende der „Kälte-Bahnhöfe“ verkündet worden, in denen sich Obdachlose in kalten Nächten aufhalten durften. Es gab zudem immer wieder Gewalt gegen Obdachlose, etwa auf dem Alexanderplatz. Heute gebe es viel weniger Möglichkeiten als früher, unterzukommen, sagte Seilwinder schon damals, auch deshalb werde Obdachlosigkeit immer sichtbarer.
„Es gibt auch Menschen, die von sich aus und über lange Zeit einem Obdachlosen helfen“
Seilwinder beschrieb, wie er jahrelang sein Hab und Gut in einem Gebüsch an einem Spielplatz am Spittelmarkt in Mitte versteckte. „Ich versuchte, immer ordentlich auszusehen, mich als graue Maus unsichtbar zu machen.“ Er sammelte Flaschen, lief täglich viele Kilometer, hörte dabei per Kopfhörer Radio. Als am Spittelmarkt Neubauten entstanden, musste er weg. „Dass Menschen offen auf der Straße leben wie heute in der Friedrichstraße oder am Kudamm, das gab es damals nicht“, berichtete er damals. Heute jedoch fühlten sich Obdachlose in der Öffentlichkeit oft sicherer, sagte Seilwinder, der selbst im Tiergarten von Neonazis überfallen wurde.
Viele Jahre führte Seilwinder seine Gäste zu den Orten seines Lebens auf der Straße, durchlebte wieder und wieder diese schwierige Zeit. Wie hatte er es zurück ins Leben geschafft? Klaus Seilwinder erzählte von einem Freund, der zwar von Hartz IV lebte, aber eine Mietwohnung hatte: „Er ließ mich im Winter bei sich wohnen, zu der Bedingung, dass ich anfing, meine Papiere zu beantragen. Er trug jede Woche in den Kalender ein, was ich schaffen sollte.“ Der Plan ging auf. Seilwinder hatte zudem eine „Patenfamilie“, so nannte er es, „Es gibt auch Menschen, die von sich aus und über lange Zeit einem Obdachlosen helfen.“
Eine Stadtführung reichte nicht aus, um Lebensgeschichten wie die von Klaus Seilwinder komplett zu erzählen. Gemeinsam mit seinem Freund Uwe Tobias berichtete Seilwinder damals von frustrierenden Ämterbesuchen, „allein der Antrag auf Hartz IV bestehe aus 41 Seiten“. Dazu kam das Ringen mit der Sucht. „Man erlebt immer Rückschläge“, sagt Uwe Tobias. „Es bleibt ein täglicher Kampf.“ Bis zuletzt blieben die beiden besonderen Stadtführer befreundet. „Er hinterlässt nicht nur Tränen, sondern auch eine große Lücke im Herzen“, schreibt Uwe Tobias auf der Seite des Vereins. „Er war ein ganz toller Mensch und mein bester Freund.“
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