Die Berliner U-Bahnen fahren derzeit so unzuverlässig wie lange nicht. Dieser Umstand hat jetzt eine erste personelle Konsequenz: BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt (54) räumt zum Jahresende seinen Posten. Laut einer Pressemitteilung hat der Personalausschuss des BVG-Aufsichtsrats einer Auflösung des Vertrags zugestimmt. Die Gründe seien „unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmens“. Erfurt wolle sich nach über fünf Jahren bei der BVG neuen beruflichen Herausforderungen stellen. Die zuständige Senatorin und Vorsitzende des BVG-Aufsichtsrats Franziska Giffey (SPD) dankte Erfurt „für seine ausgezeichnete Arbeit“. Er habe „den Betrieb der BVG erfolgreich weiterentwickelt und wichtige innovative Impulse gesetzt“.

BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt
Rolf Erfurt, Betriebsvorstand der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), räumt zum Jahresende seinen Posten.© DPA Images | Monika Skolimowska

Bei der „strategischen Auffassung“ geht es im Kern um die Frage, wie die BVG aus der aktuellen Krise geführt werden soll – zu der es offenbar unterschiedliche Ansichten gab. Zu lösen sind dabei gleich mehrere Baustellen. Das ist die fehlende Stabilität im aktuellen U-Bahn-Betrieb, die vor allem durch überalterte Fahrzeuge, aber auch hohe Krankenstände bedingt ist, dazu kommt der Mangel an Busfahrern, der dort zu einem ausgedünnten Fahrplan führt. Auch bei der Straßenbahn kann die BVG gerade so den nötigen Personalbedarf decken. Ein Ausbau des Angebots ist so in keinem der Bereiche für die nächsten Jahre absehbar.

Als Rolf Erfurt zur BVG kam, gab es bereits ähnliche Probleme

Der BVG-Vorstand wird in absehbarer Zeit also wieder nur zu zweit statt zu dritt agieren, wie es zu einem Großteil der Zeit in den vergangenen Jahren der Fall war. Rolf Erfurt hatte seinen Posten im Oktober 2019 übernommen. Formal folgte er auf die damalige BVG-Chefin Sigrid Nikutta, die, bevor Erfurt zur BVG kam, auch für den laufenden Betrieb verantwortlich war. Dass der Vorstand damals neugeordnet wurde, hing ebenfalls bereits mit Problemen zusammen, die den heutigen ähneln: Es gab zu viele Fahrzeugausfälle bei der U-Bahn und es fehlte Personal.

Erfurt war 2019 von der privaten Transdev-Gruppe zur BVG gewechselt. In seiner Zeit bei der BVG war er bemüht, nah an den Mitarbeitenden dran zu sein. Er machte etwa einen Busführerschein, um ein besseres Verständnis für die alltäglichen Herausforderungen zu bekommen, besuchte regelmäßig die Betriebshöfe. Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb bezeichnet Erfurt als angenehmen Gesprächspartner, der Probleme auch öffentlich eingeräumt habe. „Ihm war völlig klar, dass er mit Offenheit arbeiten muss“, so Wieseke.

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Die Krise, in der die BVG heute steckt, sei über viele Jahre gewachsen – schon 2018 hatte der Fahrgastverband in einer Pressemitteilung erhebliche Probleme geschildert. „Die Aufgabe von Herrn Erfurt war quasi nicht lösbar“, meint Wieseke und verweist auch aufs Land, dass die Beschleunigung der Busse und Straßenbahnen in den Jahren nicht vorangebracht habe.

BVG-Chef Henrik Falk übernimmt das Betriebsressort zunächst

Bis es einen Nachfolger gibt, soll Henrik Falk, seit Anfang des Jahres Vorstandsvorsitzender der BVG, das Betriebsressort interimistisch mitübernehmen. Falk hatte erst vor wenigen Tagen im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses über die Lage bei der BVG gesprochen und ebenfalls eingeräumt, dass das Gesamtsystem der BVG zurzeit „nicht stabil“ sei und Zahlen zu den hohen Ausfällen bei der U-Bahn offenbart. Teilweise war die Zuverlässigkeitsquote auf nur noch gut 80 Prozent abgesunken, schon eine Ausfallquote von mehr als zwei Prozent sei „nicht gut“. Wenngleich die Zahlen zuletzt wieder etwas nach oben gingen, sagte Falk auch: „Sind wir schon überm Berg? Nein, sind wir nicht.“

Ein Unterschied, der in der Kommunikation zwischen Falk und Erfurt auffiel: Während sich der bisherige Betriebsvorstand in der Vergangenheit mehrfach für Probleme bei der BVG bei den Fahrgästen entschuldigte, hat Henrik Falk das bislang nicht getan. Dafür sprach Falk auch Versäumnisse bei der BVG an, etwa, dass das Unternehmen zwar bereits zahlreiche Elektrobusse habe, aber noch keinen neuen Betriebshof für die E-Fahrzeuge. Ein seit Jahren vorliegendes Werkstattkonzept für die U-Bahn sei noch nicht umgesetzt. Kulturell muss sich laut Falk bei der BVG ebenfalls etwas tun. „Es haben sich Dinge eingespielt, wo ich sage, da muss sich was ändern“, so Falk. „Ansonsten werden wir immer wieder über hohe Krankenstände reden.“

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Auf der Plattform Linkedin hatte Rolf Erfurt noch am Donnerstag ein Foto von sich selbst vor einem neuen E-Bus geteilt, der „erste unserer bis zu 350 neuen E-Solaris Gelenkbusse“ sei da, schrieb er dazu, und: „Freue mich schon auf die Testfahrt.“ Den weiteren Ausbau der E-Bus-Flotte wird in Zukunft aber jemand anderes vorantreiben.