Schon kurz vor zehn Uhr warten die ersten Frauen vor der Tür. Mit Rucksack, Handtasche, dicken Jacken. Einige geschminkt und schick, andere sportlich cool. Nichts unterscheidet sie von den Berlinerinnen, die an diesem Morgen rund um den Schiffbauerdamm unterwegs sind. Das ist ihnen auch wichtig. Einige Minuten später sitzen sie am gedeckten Frühstückstisch, Brötchen, Salami, Marmelade und Obst stehen bereit. Es sieht aus wie eine Runde, die sich zum Brunchen trifft. Ein bisschen ist es auch so, nur dass die ersten bald in der Dusche verschwinden und sich am Regal mit den Kleiderspenden bedienen.
„Krasse Lebenseinschnitte“ brachten die Frauen in Notlagen
Wer an diesem Morgen im Frauentreffpunkt „Sophie“ an der Albrechtstraße 15 sitzt, der hat es gerade nicht leicht im Leben. „Wir sind da, um den Frauen in akuter Not zu helfen“, sagt die Einrichtungsleiterin Janine Ruttge. Oft hätten krasse Lebenseinschnitte dazu geführt, dass sie ihr Leben nicht mehr im Griff haben. Das könne Gewalt in der Partnerschaft, ein Trauma oder Arbeitslosigkeit sein. Manche haben keine Wohnung mehr, zum Beispiel weil der Eigentümer Eigenbedarf angemeldet hat.

Seit 15 Jahren werden sie in der „Sophie“ aufgefangen, umsorgt und beraten. Der Frauentreffpunkt ist eine Einrichtung, die von der Koepjohannschen Stiftung betrieben und finanziert wird. Es ist schon das zweite Jubiläum in diesem Jahr, das von der Stiftung am Freitag, dem 8. November, begangen wird. Bereits Mitte September hatten die Mitarbeitenden Grund zum Feiern, denn vor fünf Jahren hat die Stiftung die Notübernachtung „Marie“ in der Tieckstraße 17 eröffnet, in der Frauen ein nächtliches Zuhause auf Zeit finden. Eine Frau am Frühstückstisch kommt gerade von dort, eine Musikerin, die Gitarre spielt und deren Welt seit einem Einbruch in ihre Wohnung aus den Fugen geraten ist.

Die beiden Einrichtungen sind nur 15 Gehminuten voneinander entfernt. Während die „Sophie“ eine Bleibe für den Tag anbietet, also vom Frühstück bis zum Mittagessen, ist die andere für die Nacht da. Zehn Betten stehen in der „Marie“ für wohnungslose und von Obdachlosigkeit bedrohte Frauen zur Verfügung, jeweils fünf in einem Zimmer. Die Nachfrage ist groß. Das bestätigen die Zahlen: So haben 500 Frauen die Angebote der Notübernachtung seit Bestehen der Einrichtung genutzt. 18 Personen wurden zurück in ihr soziales Umfeld vermittelt, sieben Frauen konnten in eine eigene Wohnung ziehen.

Doch neben diesen Erfolgsmeldungen gibt es auch andere Schicksale. „Einige Frauen kenne ich schon seit fünf Jahren“, sagt Einrichtungsleiterin Elisa Lindemann. Drei Wochen am Stück dürfen sie in der „Marie“ übernachten, duschen und ihre Wäsche waschen. Sie erhalten eine warme Mahlzeit und können eine niedrigschwellige soziale Beratung in Anspruch nehmen. Um auch anderen Frauen diese Chance zu bieten, ist die Zeit auf diese 21 Tage zunächst begrenzt. „Sie dürfen aber nach einer Pause von drei Wochen wiederkommen“, sagt die Leiterin. Und das passiere oft, für viele Frauen sei die Notversorgung eine Dauerlösung.
Viele Frauen leiden unter einer starken psychischen Belastung
Jede Frau bringt ihr ganz persönliches Schicksal mit. Oft aber ist der Ausgangspunkt eine „starke psychische Belastung“, erzählt Elisa Lindemann. Manche hören Stimmen, fühlen sich verfolgt, müssten immer weiterziehen und kommen dann doch zurück. Andere haben schlechte Erfahrungen gemacht, zum Beispiel im Jobcenter oder auf dem Sozialamt. Entweder wurden sie schlecht behandelt oder haben Schwierigkeiten, ihre Ansprüche einzufordern. Wieder andere haben nicht genug Rente, obwohl sie lange berufstätig waren. Es gibt auch Fälle, in denen der Partner oder die Mutter stirbt und die Frauen nicht im Mietvertrag stehen und deshalb kein Recht darauf haben, in der Wohnung zu bleiben.

Sie alle finden ihren Rückzugsort in der „Marie“, die Teil eines Wohn- und Beratungshauses für Frauen in Not in der Tieckstraße 17 ist. Nach Auskunft der Stiftung ist das Projekt berlinweit einmalig. Neben der Notübernachtung, die die Koepjohannsche Stiftung betreibt und die vom Land Berlin finanziell unterstützt wird, gibt es in dem Haus noch zwei weitere Einrichtungen des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte. Das ist zum einen ein Projekt für Betreutes Einzelwohnen und Appartements für wohnungslose Frauen sowie eine soziale Beratung für wohnungslose Frauen mit und ohne Kindern.
„Die Frauen, die die Notunterkunft ‚Marie‘ nutzen, können über das Betreute Wohnen für sich und ihre Kinder eine Perspektive für ein eigenständiges und vor allem sicheres Leben entwickeln“, erklärt Sabine Hafener, Vorständin Sozialmanagement der Koepjohannschen Stiftung. Leider scheitere dies aber viel zu häufig an dem eklatanten Mangel an bezahlbarem Wohnraum.
Unternehmer Johann Friedrich Koepjohann war früh verwitwet und kinderlos
Die Koepjohannsche Stiftung wurde 1792 von dem Schiffbaumeister und Unternehmer Johann Friedrich Koepjohann gegründet und ist damit eine der ältesten Stiftungen in Berlin. Koepjohann war verwitwet und kinderlos. Er verfügte testamentarisch, dass seine in der Spandauer Vorstadt gelegenen Immobilien den Grundstock für eine Stiftung bilden sollten. Aus den Miet- und Pachteinnahmen werden bis heute bedürftige Frauen versorgt und soziale Projekte für Frauen, Kinder und Senioren finanziert.

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Im Frauentreffpunkt „Sophie“ sind mittlerweile viele Teller leer. Die Waschmaschine läuft, in der Küche bereiten zwei Mitarbeiterinnen der Stiftung das Mittagessen vor. Stephany schnippelt den Obstsalat, Jenny kümmert sich um die Pellkartoffeln mit Quark. Als Vorspeise gibt es eine Gemüsesuppe. Die Berliner Tafel unterstützt den Tagestreff mit Essensspenden. Nach dem Mittagessen ziehen die Frauen weiter. Vielleicht in eine andere Tageseinrichtung, vielleicht in eine Bibliothek. Hauptsache ins Warme, bis sie ihr Nachtquartier in der „Marie“ oder irgendwo in dieser Stadt aufsuchen.





