Jeder dürfte schon einmal eines dieser gelb-rot-gestreiften Zirkuszelte in der Stadt gesehen haben. Zigtausende Kinder und Jugendliche aus Berlin und aus dem Ausland haben durch Cabuwazi in den vergangenen Jahrzehnten schon einmal verschiedene Zirkusdisziplinen wie Jonglage oder Einradfahren kennengelernt, ihre Talente entdeckt und in der Manege vor Publikum auf einer Bühne gestanden.

An diesem Wochenende feiert der „chaotisch bunte Wanderzirkus“ nun sein 30-jähriges Bestehen mit einer Gala, Vorführungen und einem großen Fest in Marzahn mit einem Mitmachzirkus, Ständen, Workshops, Essen und vielen Gästen.

Zwei langjährige Mitarbeiterinnen erinnern sich

Es ist eine Berliner Erfolgsgeschichte, die vor drei Jahrzehnten ihren Anfang nahm, als Cabuwazi von Jean Marie und Karl Köckenberger gegründet wurde. Zwei, die über die Geschichte des Zirkus bestens Bescheid wissen, sind Jessy Meden (43) und Britta Niehaus (57). Die beiden Frauen kennen sich seit vielen Jahren.

Jessy Meden ist mit Cabuwazi groß geworden und hat sogar noch die Gründung miterlebt. Sie war selbst Trainingskind der ersten Stunde und wirkte in unzähligen Shows mit. Später wurde sie Trainerin und schloss eine Weiterbildung zur Zirkuspädagogin ab. Sie wurde Koordinatorin von Cabuwazi in Kreuzberg und ist dort heute noch eine der zwei Standortleitungen.

Seit 30 Jahren trainieren bei Cabuwazi Kinder und Jugendliche Zirkusdisziplinen und treten in der Manege vor Publikum auf. Britta Niehaus, Leiterin des Instituts für Zirkustherapie (l.), und Jessy Meden, Leiterin von Cabuwazi Kreuzberg, im Zirkuszelt in Alt-Treptow.
Seit 30 Jahren trainieren bei Cabuwazi Kinder und Jugendliche Zirkusdisziplinen und treten in der Manege vor Publikum auf. Britta Niehaus, Leiterin des Instituts für Zirkustherapie (l.), und Jessy Meden, Leiterin von Cabuwazi Kreuzberg, im Zirkuszelt in Alt-Treptow.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Britta Niehaus ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Jugendhilfe. Viele Jahre hat sie den Cabuwazi-Standort in Treptow geleitet. Sie ist außerdem die Kinderschutzbeauftragte des Trägers, approbierte Kinder und Jugendlichenpsychotherapeutin, Theater- und Zirkuspädagogin, arbeitete in Fachkliniken und gründete mit „Alegria“ das erste Institut für Zirkustherapie Europas. Es bietet kostenfrei und leicht zugänglich Gruppenpsychotherapie für seelisch erkrankte Kinder und Jugendliche aus Berlin an.

Cabuwazi hat einen Nerv getroffen

„Ich hätte, glaube ich, viel Mist auf der Straße gebaut, wenn ich diesen Anker als Jugendliche nicht gehabt hätte“, blickt Jessy Meden zurück. Cabuwazi habe sich für sie „wie ein zweites Zuhause“ angefühlt. Es gehe dort nicht nur darum zu trainieren, sondern auch darum, Freunde zu treffen. Auch ihre beiden Kinder, eine 21-jährige Tochter und ein elfjähriger Sohn, haben schon mitgemacht. Die Erfahrung, selbst ein Zirkuskind gewesen sein, helfe ihr sehr, sich in die Mädchen und Jungen hineinzuversetzen.

Wie Cabuwazi zu einem der größten Kinder- und Jugendzirkusse Europas werden konnte, erklärt Britta Niehaus so: „Das hat damit zu tun, dass dieses Angebot den Zahn der Zeit getroffen hat.“ Cabuwazi vermittle soziale Kompetenzen wie Selbstvertrauen auf spielerische Art. Das habe es so vorher nicht gegeben.

Kinder immer unbeweglicher: schlechte Ergebnisse bei Einschulungsuntersuchungen

Die Zirkusarbeit sei aber auch Bewegungsförderung und im Hinblick auf die motorischen Fähigkeiten der Kinder wie zum Beispiel Koordination, Beweglichkeit und Balance wichtig. Immer wieder berichteten Schulleitungen von körperlichen Einschränkungen der Kinder, die bei den Einschulungsuntersuchungen auffallen.

Mit dem Band in luftige Höhen: Pia, Alina und Lia (von links nach rechts) trainieren beim Zirkus Cabuwazi.
Mit dem Band in luftige Höhen: Pia, Alina und Lia (von links nach rechts) trainieren beim Zirkus Cabuwazi.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

„Viele Kinder können nicht mehr auf einem Bein stehen oder gerade eine Linie entlanglaufen. Auch das Zusammenspiel der Sinne bei Kindern wird im Lebensalltag nicht ausreichend gefördert“, lautet ihre Beobachtung. Zudem leiste der Zirkus kulturelle Bildung und damit letztendlich auch Friedensarbeit. Dort werde den Kindern beigebracht, dass Vielfalt akzeptiert wird und erwünscht ist.

Im Zirkus gibt es für jeden ein Angebot zum Mitmachen

Auch werde bei Cabuwazi neu auf die Kinder geblickt, die zuvor in der Schule oft schon abgestempelt worden seien. Britta Niehaus erinnert sich an ein Mädchen, über das eine Lehrerin mal gesagt habe, die könne nicht frei reden. Genau dieses Mädchen habe sich dann aber bei einer Zirkusshow das Mikrofon geschnappt, die komplette Ansage und Absage gemacht und dabei die ganze Zeit auf der Bühne gestanden. „Die hat das fabelhaft gemacht“, berichtet sie. „Zirkus macht Kinder stark. Das ist ja auch unser Slogan.“

Jessy Meden ergänzt, dass im Zirkus alle willkommen sind. Kinder und Jugendliche müssten kein sportliches „Super-Ass“ sein, um teilnehmen zu können. Sie könnten auch schauspielern, tanzen oder jonglieren. „Wir finden für jeden etwas“, betont sie. Es kommen auch Kinder mit körperlichen Einschränkungen oder psychischen Erkrankungen zu Cabuwazi.

„Ich kann mich noch an einen Jungen erinnern, der Glasknochen hatte. Da hat die Lehrerin gesagt: ‚Der kann auf keinen Fall mitmachen.‘ Aber der hat super mitgemacht beim Tellerdrehen – das war großartig“, so Meden. Ein anderer Junge habe eine spastische Lähmung in der Hand gehabt und wollte unbedingt Diabolo spielen. „Auch das haben wird hingekriegt. Das war wunderschön.“

Ursprünge des Zirkus Cabuwazi liegen in Kreuzberg und Alt-Treptow

Die Ursprünge von Cabuwazi liegen im Jahr 1992, als in einem Kreuzberger Innenhof Jugendliche Spaß beim Einradfahren hatten. Das sogenannte „Kreuzberger Einradchaos“ wurde zwei Jahre später mit einer Gruppe, die damals Zirkus machte, im alten Kino Gérard Philipe in Alt-Treptow zusammengeführt. Der Anfang von Cabuwazi war gemacht. Einst mit gerade einmal 35 Kindern gestartet, besuchen inzwischen jedes Jahr 12.000 Kinder und Jugendliche die Nachmittagskurse, Schulprojektwochen und Ferienworkshops.

Karl Köckenberger, hier 2019 auf dem Tempelhofer Standort von Cabuwazi, gründete den Kinder- und Jugendzirkus vor 30 Jahren zusammen mit Jean Marie und erhielt 2007 das Bundesverdienstkreuz. Er starb Ende 2023.
Karl Köckenberger, hier 2019 auf dem Tempelhofer Standort von Cabuwazi, gründete den Kinder- und Jugendzirkus vor 30 Jahren zusammen mit Jean Marie und erhielt 2007 das Bundesverdienstkreuz. Er starb Ende 2023.© Reto Klar / Funke Foto Services | Reto Klar / Funke Foto Services

Fast 200 Mitarbeiter an den sechs Cabuwazi-Standorten Alt-Treptow, Altglienicke, Tempelhof, Hohenschönhausen, Marzahn und Kreuzberg beschäftigt die Grenzkultur gGmbH, ein freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Seit 2010 gehört zu Cabuwazi auch die Circus Akademie Berlin, wo sich Interessierte selbst zum Zirkuspädagogen weiterbilden können, und seit 2022 außerdem das Institut für Zirkustherapie Alegria.

Einige Kinder und Jugendliche sind Artisten geworden

Im Laufe der Jahre sind viele ehemalige Cabuwazi-Kinder auch beruflich beim Zirkus geblieben. Einige sind Artisten geworden, einer sogar beim weltberühmten Cirque du Soleil. Manche haben eine Ausbildung zum Zirkuspädagogen absolviert und lernen nun die nächste Generation an.

Für diese Nummer braucht es eine gute Körperbeherrschung. Pia (oben), Lia (Mitte) und Alina beim Training in der Manege von Cabuwazi Treptow.
Für diese Nummer braucht es eine gute Körperbeherrschung. Pia (oben), Lia (Mitte) und Alina beim Training in der Manege von Cabuwazi Treptow.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Für die Zukunft plant Britta Niehaus unter anderem, eine Ferienfahrt an die Ostsee anzubieten, damit psychisch kranke Kinder auch mal von zu Hause herauskommen und verreisen können. 2025, so ihr Traum, soll es so weit sein. Die Finanzierung stehe aber noch in den Sternen.

Überhaupt ist das Geld immer ein Thema. Finanziert wird Cabuwazi durch einen Flickenteppich aus den unterschiedlichsten Budgets: EU-, Bundes-, Landes- und bezirklichen Mitteln. Angewiesen ist der Zirkus auch auf Spenden und Einnahmen aus den Shows.

So läuft das Jubiläum am kommenden Wochenende ab

Zum Jubiläum am kommenden Festwochenende in Marzahn, Otto-Rosenberg-Straße 2, gibt es am Sonnabend eine Generalprobe und am Sonntag zwei Shows, für die Karten ab fünf bzw. sieben Euro erhältlich sind. Für die Gala am Sonnabend gibt es Tickets ab 15 Euro. Das Rahmenprogramm an beiden Tagen von 12 bis 18 Uhr ist dagegen kostenfrei.

Das Jubiläum leider nicht mehr miterleben können die beiden Gründer. Karl Köckenberger, der für sein Engagement 2007 das Bundesverdienstkreuz erhielt, starb am 5. Dezember 2023. Über ihn sagt Britta Niehaus: „Mir persönlich fehlt er sehr. Seine Ruhe und sein Engagement, das er ausgestrahlt hat, fehlen in diesen hektischen Zeiten.“