Kinder- und Jugendprojekt

Zirkus Cabuwazi will auf dem Tempelhofer Feld bleiben

Der Zirkus Cabuwazi will bleiben. Das Tempelhofer-Feld-Gesetz könnte dagegen stehen. Es gibt jedoch Hoffnung.

Die neunjährige Jule aus Schöneberg trainiert regelmäßig beim Zirkus Cabuwazi auf dem Tempelhofer Feld.

Die neunjährige Jule aus Schöneberg trainiert regelmäßig beim Zirkus Cabuwazi auf dem Tempelhofer Feld.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es ist Sonntagnachmittag. Mehr als 20 Kinder und Jugendliche sitzen unter dem runden blauen Sternenhimmel im Kreis, viele sind mit ihren Eltern gekommen. „Ich mag Akrobatik“, ruft ein kleiner Junge in die Runde. Das ist das Startsignal. Zuerst tanzen sich alle warm. Dann geht es richtig los: Mit wilden Purzelbäumen, lustvollem Trampolinspringen, kunstvollem Jonglieren. Die neunjährige Jule läuft auf einem roten Ball und fängt gleichzeitig die Ringe auf, die ihr der Trainer Ranulfo Arellano Cansino zuwirft.

„Ein magischer Ort“

Mittendrin in dem Gewusel steht Karl Köckenberger, Chef des Cabuwazi-Zirkus. Er macht einen so begeisterten Eindruck, als springe ihm so viel Lebensfreude das allererste Mal entgegen. „Ist es nicht ein magischer Ort?“, fragt er. „Die Kinder lieben Zirkus, und sie kommen so gern hierher.“

Containerdorf wird abgebaut

Der 63-Jährige kämpft in diesen Tagen darum, dass die drei Zelte auf dem Tempelhofer Feld stehen bleiben dürfen, auch wenn die rund 900 Tempohomes, aus denen das größte Flüchtlingscontainerdorf Berlins besteht, bald abgebaut werden. Denn dem Verbleib des Zirkus’ könnte das aus dem Volksentscheid 2014 hervorgegangene Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes entgegenstehen, das jegliche Bebauung verbietet.

10.000 Kinder und Jugendliche kamen voriges Jahr

„Über 1000 Teilnehmer und Besucher sind es pro Woche, die den Weg zu uns finden“, sagt Köckenberger. 10.000 machten im vergangenen Jahr mit. Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft, aus Schulen und Kitas – und vor allem aus den Tempohomes. So wie der 14 Jahre alte Mohamad aus Syrien und die elfjährige Siham. Die beiden müssen wie alle anderen Geflüchteten aus dem Containerdorf bis Juni umziehen. „Ich bin traurig darüber“, sagt Mohamad. „Und auch traurig, wenn der Zirkus hier weg muss. Ich möchte, dass Ranulfo uns weiterhin trainiert“.

Alle können mitmachen

Das Konzept des Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi, der in Berlin an weiteren vier Standorten in Kreuzberg, Treptow, Altglienicke und Marzahn zu finden ist: Jeder kann mitmachen. Es gibt viele Angebote für die ganz Kleinen, die Nachmittagskurse richten sich vor allem an die über Neunjährigen. Auch Erwachsene sind angesprochen. Manche Gruppen trainieren mehrmals die Woche und erarbeiten gemeinsam neue Shows. In offenen Workshops kann Zirkusluft geschnuppert werden und es können verschiedene Zirkusdisziplinen ausprobiert werden.

Das Problem für Cabuwazi: Der derzeitige Standort auf dem Tempelhofer Feld ist an die Flüchtlingsunterkunft gekoppelt. Der Vertrag kam über das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) zustande und läuft zum Jahresende aus. „Wir brauchen einen neuen Vertrag, der mit Grün Berlin abgeschlossen werden muss“, sagt Köckenberger. Das Landesunternehmen ist für das Tempelhofer Feld zuständig.

GrünBerlin: Es wäre bedauerlich

Doch das ist nicht so einfach. „Grundsätzlich wäre es sehr bedauerlich, wenn der Zirkus weichen müsste“ betont Bettina Riese, Sprecherin von Grün Berlin, auf Anfrage. „Cabuwazi ist aus unserer Sicht eine sozial- und gemeinwohlorientierte, integrative, sinnvolle Einrichtung am Rande des Tempelhofer Feldes.“ Der Verbleib des Zirkus hänge jedoch von mehreren Faktoren ab, die Grün Berlin nicht beeinflussen könne.

Die Sprecherin verweist darauf, dass die Grundlage für die zeitweise Nutzung der Fläche durch den Zirkus die Änderung des Tempelhof-Gesetzes sei, die vom Abgeordnetenhaus bis Ende 2019 befristet wurde. Auch gebe es Bedenken bei den Bürgerbeteiligungsgremien.

Senatsverwaltung prüft rechtliche Grundlage

„Bei unserem Zirkus handelt sich um fliegende Bauten“, argumentiert Köckenberger. Er sieht inzwischen die Chancen gewachsen, dass sich diese Meinung durchsetzt und hofft nun auf die rechtliche Prüfung durch die Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt. „Wir prüfen jetzt noch einmal sehr ernsthaft, ob es eine Möglichkeit für Cabuwazi gibt, am Standort Tempelhof zu bleiben“, bestätigt Jan Thomsen, Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung. „Dies gestaltet sich aufgrund der restriktiven Bestimmungen im Tempelhof-Gesetz allerdings als sehr schwierig.“ Man suche aber nach einer Lösung, weil auch die Senatsverwaltung die gute Arbeit von Cabuwazi schätze.

Feldkoordinatoren warten Bewertung ab

Christiane Bongartz, Feldkoordinatorin und Mitautorin des Tempelhof-Gesetzes betont auf Anfrage: „Wenn die Senatsverwaltung zu dem Schluss kommt, dass die Zirkuszelte mit dem Tempelhofer Feld vereinbar sind, steht einem Verbleib aus meiner Sicht nichts im Wege.“

„Angebot wird sehr gut angenommen“

Die grüne Abgeordnete Susanna Kahlefeld ist schon jetzt davon überzeugt: „Das Tempelhof-Gesetz muss nicht geändert werden.“ Positive Signale gibt es auch aus der Senatsbildungsverwaltung unter Sandra Scheeres (SPD). „Das Angebot wird sehr gut angenommen, deshalb hat unser Haus ein großes Interesse daran, dass eine Lösung gefunden wird“, betont Sprecherin Iris Brennberger.

Trainer Ranulfo Arellano Cansino hofft nun, dass die vielen Gespräche, die Köckenberger führt, nicht umsonst sind. Der Artist aus Mexico hat zusammen mit Köckenberger den „Chaotisch Bunten Wanderzirkus“ Cabuwazi vor 25 Jahren aufgebaut. „Wir schaffen das“, sagt er. „Wir bleiben hier.“

An diesem Sonnabend, 11 Mai, ist von 13 bis 18.30 Uhr bei Cabuwazi Tempelhof der Tag der offenen Zelte. Diesen Sonnabend und Sonntag ist der Tag der offenen Zelte – zusätzlich zu dem wöchentlichen Familienzirkus sonnabends und sonntags. Gefeiert wird ein Zirkusfest mit Show, Tanzen, Mitmachzirkus, Kinderschminken. Zirkus Cabuwazi, Columbiadamm 84, Buslinie 104, Haltestelle Golßener Straße,Buslinie 248 Haltestelle Columbiadamm/Friedenstraße U-Bahn 6, Platz der Luftbrücke.