Die Aufgabe ist gewaltig, aber die Weichen sind gestellt: Mehr als fünf Milliarden Euro will die seit 2021 wieder landeseigene Stromnetz Berlin in den nächsten zehn Jahren investieren, um die Energie- und Wärmewende in der Stadt zu ermöglichen.

13 Netzknoten müssen ertüchtigt oder neu gebaut werden, ebenso 29 Umspannwerke und 2000 Netzstationen. 500 Kilometer neuer Hochspannungsleitungen müssen die Bauleute verlegen, dazu fast 5500 Kilometer Nieder- und Mittelspannungskabel. „Wir müssen unsere Stromnetzkapazität von jetzt 2,2 Gigawatt auf mindestens 4,1 Gigawatt nahezu verdoppeln“, sagte Wirtschafts- und Energiesenatorin Franziska Giffey (SPD) am Mittwoch bei einem Pressegespräch.

Allein 26 Rechenzentren würden sich gerne ans Berliner Stromnetz anschließen lassen

All das ist notwendig, damit Elektroautos, Wärmepumpen und Rechenzentren auch künftig genügend Strom bekommen. Zudem muss die steigende Zahl dezentraler Erzeuger ins Netz eingebunden werden. So sind intelligente Messsysteme für 200.000 Solaranlagen und für 160.000 Ladestationen und Wärmepumpen notwendig.

Stromnetz-Geschäftsführer Erik Landeck schilderte die Herausforderungen. Jedes Rechenzentrum brauche 90 bis 120 Megawatt. „Das ist einmal Potsdam“, so der Manager. 26 Rechenzentren warten auf einen Anschluss ans Netz. In der Summe wäre deren Strombedarf größer als der von ganz Berlin heute. Es werde nicht überall gelingen, die Anforderungen erfüllen, sagte Landeck und riet Interessenten, sich dort anzusiedeln, wo viel erneuerbare Energie verfügbar sei. Wenn die BVG einen Betriebshof für Elektrobusse umrüste, brauche sie dort 13 bis 14 Megawatt. „Da kann man gleich ein Umspannwerk daneben bauen“, so Lambeck. Insgesamt sucht die Stromnetz 30 Grundstücke für neue Umspannwerke.

Großwärmepumpen, die Gaskraftwerke ersetzen, brauchen viel Strom

Wird ein Gas- oder Kohlekraftwerk durch Großwärmepumpen ersetzt, wie das die am 3. Mai von Vattenfall in Landeshand übergehende Wärme Berlin gerade am Standort Reuter West tut, würden dort viele Megawatt Strom gebraucht. Anpassungen sind auch nötig, wenn immer mehr größere Solaranlagen wie die der Messe Sonnenstrom ins Netz einspeisen. Solche Entscheidungen sind überall in der Stadt zwingend, um die Energiewende nicht abzuwürgen.

Solarpanels auf dem Dach einer Messehalle am Funkturm: Immer mehr Strom wird dezentral erzeugt, mit Folgen für das Stromnetz.
Solarpanels auf dem Dach einer Messehalle am Funkturm: Immer mehr Strom wird dezentral erzeugt, mit Folgen für das Stromnetz.© Christoph Soeder/dpa | Unbekannt

Giffey hob die Bedeutung eines leistungsfähigen Stromnetzes für das Ziel hervor, die Stadt vor 2045 klimaneutral zu machen. „Wir haben uns zu dieser Entwicklung verpflichtet“, sagte die Senatorin mit Blick auf die Gesetze zur Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes in Deutschland. Da reiche es nicht, „nur zu fordern und sich anzukleben“, sondern es müssten Investitionen ermöglicht werden. „Es ist nichts weniger als eine nächste Industrielle Revolution“, sagte Giffey.

Senat stockt das Eigenkapital der Stromnetz Berlin um 300 Millionen Euro auf

Angesichts dieser Ausgangslage hat die CDU/SPD-Koalition 300 Millionen Euro bereitgestellt, um das Eigenkapital der landeseigenen Stromnetz Muttergesellschaft BEN (Berlin Energie und Netzholding) aufzustocken. Gleichzeitig wird fast eine Milliarde Euro für den Rückkauf der Fernwärme finanziert. Das Geld wurde Anfang des Jahres mit einem Nachtragshaushalt aus neuen Krediten aufgebracht, die aber Schuldenbremsen-konform sind, weil das Geld an Landesbetriebe geht. Dort stehen den Verbindlichkeiten steigende Unternehmenswerte gegenüber.

Mit den 300 Millionen Euro im Rücken kann BEN-Chef Stephan Boy das Drei- bis Vierfache dieser Summe „heben“ und bei Banken Fremdkapital für die nötigen Investitionen besorgen. Boy betonte, das ursprüngliche Geschäftsmodell der Stromnetz wäre auch ohne zusätzliches Geld vom Land tragfähig gewesen. Aber die „epochale Herausforderung“ der Transformation verlange zusätzliche Mittel.

Die Zinskosten werden die Netzentgelte für die Stromkosten teurer machen

Die Zinskosten für diese Kredite würden sich auf die von den Kunden zu zahlenden Netzentgelte auswirken. „Es wird zu einem Anstieg kommen. Das ist unvermeidlich“, sagte der BEN-Chef. Es werde aber „nichts gebaut, was nicht erforderlich ist“, versicherte er. Zudem rechnet er mit Synergieeffekten, wenn das Stromnetz bald mit der dann landeseigenen Wärme AG gemeinsam Infrastruktur entwickelt.

Giffey ließ erkennen, dass auch der angestrebte Umbau der Fernwärme von Gas und Kohle auf erneuerbare Energiequellen ähnlich wie beim Stromnetz bezahlt werden soll. Auch hier sei es gegebenenfalls notwendig, das Eigenkapital zu stärken. Man werde das aber gemeinsam mit den industriellen Partnern, allen voran Eon, beraten.

Stromnetz stellt für den Netz-Ausbau Hunderte von Spezialisten neu ein

Das Stromnetz wappnet sich auch personell für die schwierigen Aufgaben. Mehr als 200 zusätzliche Leute sind 2023 an Bord gekommen, im laufenden Jahr werden es ebenso viele sein. Landeck rechnet mit 2200 Beschäftigten Ende 2024. Weil die Aufgabe spannend und sinnstiftend sei und die Bedingungen gut, gebe es eher weniger Probleme, Fachkräfte zu finden, so der Manager.

Die Stromnetz Berlin GmbH ist trotz der auf mehr als 300 Millionen Euro pro Jahr gestiegenen und weiter hochfahrenden Investitionen weit von roten Zahlen entfernt. 2023 erwirtschaftete die GmbH einen Gewinn von fast 100 Millionen Euro bei einem Umsatz von 1,35 Milliarden. Zudem überwies Landeck knapp 140 Millionen Euro als Konzessionsabgabe an den Senat.

Engpässe im Stromnetz wie in Oranienburg schließt der Geschäftsführer aus

Dass es in Berlin zu einer Lage wie in Oranienburg kommen könnte, wo die Kapazitäten des Stromnetzes ausgeschöpft sind, hält Lambeck für ausgeschlossen. Man mache ständig Simulationen und berechne den Netzausbau für jedes Gebiet. „Wir erkennen, wo wir Grenzen überschreiten oder in Gefahr kommen. Es ist nicht realistisch, da überrascht zu werden.“