• Vor über 10 Jahren entdeckte Alexander Krüger die alte Münzprägeanstalt in Berlin-Mitte. Damals drohte der Ort als Lost Place zu verfallen
  • Seitdem hat sich die Alte Münze zum Kulturhotspot in Berlin entwickelt, inzwischen arbeiten hier etwa 100 Menschen festangestellt
  • Wir haben uns mit Krüger zum Interview getroffen. Er ist künstlerischer Leiter der Münze. Die derzeitige Entwicklung betrachtet er mit Sorge

Hatten Sie schon mal Kontakt mit der Münze? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, auch wenn Sie womöglich noch nie in Berlin waren. Denn bis 2006 wurden hier, in unmittelbarer Nähe zu Rotem Rathaus und Alexanderplatz, Milliarden Münzen geprägt: erst die ostdeutsche Mark, ab 1990 auch die D-Mark. Und dann neun Jahre später auch noch der Euro. Es ist zumindest nicht ganz unmöglich, dass jeder von uns in seinem Leben schon mal eine Münze in der Hand hatte, die einst in den Räumen der drei Etagen großen Münzprägeanstalt in Berlin-Mitte gefertigt wurde.

Diese Zeit ist längst vorbei. Statt Münzen wird hier heute Kultur gemacht - und das in voller Vielfalt: Theater, Opern, Techno-Partys, Ausstellungen, Lesungen. Dass die Münze, die nach ihrer Schließung im Jahr 2006 zu einem Lost Place zu verkommen drohte, heute zu den Kulturhotspots der Hauptstadt gehört, daran hat Alexander Krüger, künstlerischer Leiter der Alten Münze, einen großen Anteil. 2013 belebte er den Komplex wieder. Ab diesem Samstag (2. bis 3. September 2023) feiert die Alte Münze mit einem großen Programm für die ganze Familie ihren zehnten Geburtstag. Zum Jubiläum haben wir uns mit Krüger zum Interview getroffen. Er warnt davor, dass Berlin zu "einer modernen, aber seelenlosen Stadt" wird.

Vom Lost-Place zum Kulturhotspot von Berlin: Die Alte Münze feiert ihren 10. Geburtstag

Die Alte Münze feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Wie hat sie sich verändert in den letzten zehn Jahren?

Alexander Krüger: Wir haben 2013 hier angefangen, damals war das Gebäude praktisch eine leere Ruine. Ohne Strom, ohne Wasser, und natürlich keine Veranstaltungsstätte. Es handelte sich um eine ehemalige Münzprägeanstalt, die bis 2006 auch zum Prägen von Münzen genutzt wurde. Von der Reichsmark über die D-Mark bis zum Euro wurde alles hier geprägt. Es ist ein Ort mit einer langen und vielfältigen Historie. Wir begannen 2013 in den aktuellen Räumen der Spreewerkstätten und haben Stück für Stück das Gebäude erschlossen. Etage für Etage entwickelt, neue Elektrik verlegt, und die Räume als Veranstaltungsort ausgebaut. Sowohl mit dem Genehmigungsprozess, der damit einhergeht, als auch mit dem kuratorischen und künstlerischen Prozess. Mittlerweile haben wir den Ort auf knapp 15.000 Quadratmeter erschlossen. Vor fünf Jahren haben wir auch die Produktionshalle komplett entwickelt. Jetzt haben wir hier einen sehr vielfältigen, diversen und lebendigen Kulturort geschaffen. Das ist besonders wertvoll in einer Stadt, die gegen extreme Gentrifizierung kämpft und wo Kultur und Kunst immer mehr verdrängt werden, leider oft durch Kapitalinteressen. Es ist uns sehr wichtig, dass wir diesen Ort in zehn Jahren erschließen und langfristig entwickeln konnten.

Ein Bild aus einer anderen Zeit.
Ein Bild aus einer anderen Zeit.© FUNKE | FUNKE

Wie sind Sie damals auf das Gebäude aufmerksam geworden?

Ich organisiere seit meinem 16. Lebensjahr Veranstaltungen. Unser Wunsch war ein permanenter Ort für Kunst und Kultur. Nachdem wir hier einige Veranstaltungen durchgeführt hatten, haben wir uns mit einem Konzept beworben.

Wie viel Unterstützung haben Sie vom Berliner Senat bekommen? Haben Sie alles aus eigener Tasche finanziert?

Wir haben eigentlich alles aus Eigenmitteln finanziert. Natürlich gibt es auch Förderungen für einzelne Projekttitel, etwa für Ausstellungen oder auch Performance-Programme, Theateraufführungen. Aber an sich sind wir komplett aus Eigenregie gestartet und haben mittlerweile 100 festangestellte Mitarbeitende, die wir sozusagen aus dem laufenden Betrieb auch finanzieren müssen.

Aktuell bedroht der Plan der Bundesregierung, die A100 auszubauen, viele Clubs wie Renate und Else. An diesem Samstag findet eine große Demonstration statt, die von Clubs initiiert wurde. Sie kennen als langjähriger Veranstalter viele dieser Clubs aus eigener Erfahrung. Haben Sie Angst um Ihre Stadt?

Ja, ich habe wirklich Angst um meine Stadt und um die Kulturwelt. Nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Orten. Das Kapital verdrängt die Kultur. Wir müssen für wichtige Schutzräume kämpfen, die wir als Kulturschaffende erhalten müssen. Diese Schutzräume sind für eine lebendige Stadtgesellschaft essenziell. Wir dürfen nicht zulassen, dass Berlin zu einem "Disneyland" wird, zu einer modernen, aber seelenlosen Stadt, wie es in vielen anderen großen Städten der Fall ist. Wir müssen den kämpferischen und kulturellen Geist dieser Stadt bewahren.

Meinen Sie etwa, Berlin wird das "zweite London"?

Genau, ich denke da besonders an London, wo ich selbst gewohnt habe. Was dort in den letzten Jahren passiert ist, ist wirklich tragisch. Natürlich auch Paris. Aber das sind Prozesse, die in vielen Städten weltweit stattfinden. In fast allen großen Städten hat sich die Kultur an den Rand gedrängt oder es gibt kaum noch kulturelle Orte. Oder nur eine sogenannte "Hochkultur", die der Stadt einen scheinbaren kulturellen Flair verleiht, aber eigentlich aus lieblosen, seelenlos kuratierten Orten besteht. Genau das wollen wir in Berlin verhindern. Diese Prozesse müssen wir stoppen und uns für freie, subversive und kulturell wertvolle Orte einsetzen.

Historische Fakten zur Münzprägeanstalt im Überblick

GeschichteDie Münzprägung in Berlin hat eine über 700-jährige Tradition, wobei die älteste urkundliche Erwähnung der Münze Berlin aus dem Jahr 1280 stammt.
StandortwechselIm 18. Jahrhundert änderte sich mehrmals der Standort der königlichen Münze, der jedoch immer im Bereich des Spreeufers lag, da Wasser die Maschinen antrieb.
Deutsche Reichsmünze1934 wurde die Zusammenlegung der sechs deutschen Ländermünzen zu einer deutschen Reichsmünze beschlossen. Ein Neubau am Molkenmarkt 13 wurde 1936 begonnen und auf den Fundamenten des mittelalterlichen Krogelviertels errichtet.
Produktion nach dem KriegNach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Münzprägung fortgesetzt. 1999 begann hier die Produktion der Euromünzen. Bis zur Einführung des Euro 2002 wurden insgesamt 34 Milliarden Stück geprägt. Ende 2005 verließ die staatliche Münze den Standort in Berlin-Mitte und produziert seitdem in Berlin-Reinickendorf.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich vom Berliner Senat? Hat sich der neue CDU-Kultursenator Joe Chialo bereits mit Ihnen in Verbindung gesetzt?

Er war schon hier, bevor er Kultursenator wurde. Generell denke ich, dass vielen Politikern bereits klar ist, dass kulturelle Orte wichtig und schützenswert sind. Aber die Umsetzung, sowohl auf Bundesebene als auch hier in Berlin, ist oft kompliziert. Das liegt auch daran, dass viele Orte in privatwirtschaftlichem Besitz sind, was den Einfluss des Staates beschränkt. Es muss klare Gesetzgebungen geben, die Clubs nicht wie Spielcasinos behandeln, sondern als schützenswerte Kulturorte anerkennen. Es gibt bereits erste Initiativen in diese Richtung, aber viele sind leider in der Umsetzung im Bundestag gescheitert. Es muss weiterer Druck aufgebaut werden, um kulturelle Orte zu erhalten.

Also durch Gesetzgebung?

Ja, wenn nötig durch Gesetzgebung, weil der freie Markt allein das nicht regulieren kann. Der Markt entscheidet sich immer für das, was mehr Rendite bringt. Und das ist leider nicht die Kultur, sondern beispielsweise irgendwelche Startups, die kulturelle Orte verdrängen und stattdessen Wohn- oder Büroräume schaffen. Das müssen wir unbedingt verhindern. Und es geht nicht nur um den Ort selbst, sondern auch um die Nachbarschaft. Ein gutes Beispiel ist das Icon im Prenzlauer Berg, das verdrängt wurde, weil neue Anwohner dort hingezogen sind und dann gegen den Club geklagt haben. Solche Vorfälle müssen durch Gesetzgebung verhindert werden.

Alte Münze in Berlin: "Wir sind so etwas wie eine letzte Bastion"

"Du kannst es nicht mitnehmen"
"Du kannst es nicht mitnehmen"© FUNKE | FUNKE

Sie haben die Nachbarschaft angesprochen. Wir sind hier in Mitte. Gentrifizierung ist auch hier ein großes Thema. Sehen Sie die Alte Münze bedroht?

Wir sind so etwas wie eine letzte Bastion. Viele Clubs, die früher hier in der Nähe waren, wie das WMF oder auch viele andere, existieren nicht mehr. Die Mitte Berlins, mit Clubs wie dem Tresor, war früher ein Zentrum für Clubkultur. Diese Zeiten sind vorbei, aber wir haben hier in den letzten zehn Jahren eine Art Bastion für Kunst und Kultur aufgebaut. Es gab einen Beschluss des Senats, dass die "Alte Münze" der Kunst und Kultur erhalten bleibt und nicht verkauft wird. Das war ein richtiger Schritt von Berlin, nicht alles zu "versilbern", sondern Orte für Kunst und Kultur zu bewahren.

Wir sind auch in unmittelbarer Nähe zum Roten Rathaus, in dem dem der Berliner Senat tagt. Sehen Sie durch neue CDU-geführte Regierung eine Gefahr für Ihre Errungenschaften?

Wir stehen ständig im Austausch mit allen Parteien, insbesondere wegen der langfristigen Planung für die Alte Münze. Das partizipative Verfahren begann vor fünf Jahren. Wir haben in alle politischen Richtungen eine gute Kommunikation und fühlen uns wertgeschätzt. Der neue Senat muss sich natürlich noch positionieren, aber wir sehen ein Interesse daran, Kulturorte angemessen zu behandeln.

Wie unterscheidet sich die Alte Münze von anderen Kulturinstitutionen Berlins?

Unsere Einrichtung ist extrem vielseitig. Abgesehen von der Clubkultur bieten wir ein breites Spektrum, von Ausstellungen bis zur Oper. Es ist uns wichtig, mehr als nur Clubkultur zu präsentieren. Über 20 Ateliers und Studios beheimaten Künstler:innen, die kontinuierlich arbeiten, produzieren und präsentieren.

Am Anfang war die "Alte Münze" ein "Lost Place". Vor welchen Herausforderungen standen Sie zu Beginn?

Ursprünglich gab es hier keine Infrastruktur für Veranstaltungen. Schritt für Schritt haben wir den Ort aufgebaut, Wände gestrichen, Kabel verlegt und vieles mehr. Mit der Zeit haben wir uns professionalisiert, und was einst mit der Hilfe von Freunden begann, ist nun ein großes Team.

Was würden Sie anderen Kulturschaffenden, die gerade erst loslegen, raten?

Viele haben uns abgeraten. Sie haben gesagt "Das ist zu gefährlich, das ist zu groß!" Aber man muss fest an seine Vision glauben. Man darf sich nicht unterkriegen lassen, sondern muss kämpfen. Und dieser große Glaube an das Gute, das man durch seine Arbeit erreicht: Menschen einen Schutzraum bieten zum Zusammenkommen – und zum Kulturerleben. Die Freude und der positive Einfluss, den man mit seiner Arbeit hat, überwiegen die Schwierigkeiten.

Wie sagen die Kritiker von damals heute?

Einige haben vielleicht vergessen, was sie damals gesagt haben. Andere sind glücklich für uns. Aber man sollte sich nie von Skeptikern beeinflussen lassen und immer an die Gemeinschaft und die Kraft der Kultur glauben.

Gibt es besondere Veranstaltungen aus den letzten zehn Jahren, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Ein Höhepunkt war sicherlich, als Räume nach dem Lockdown zum ersten Mal genutzt wurden. Das war ein besonderer Moment, denn wir hatten während Corona viele neue Räume in der Münze erschlossen.

Welche Visionen und Pläne haben Sie für die nächsten zehn Jahre?

Wir möchten den Ort kontinuierlich weiterentwickeln. Eines der Projekte, an dem wir gerade arbeiten, trägt den Arbeitstitel "Das Internet ist kaputt". Es geht darum, wie die digitale Welt von wenigen Großkonzernen gesteuert wird und wie sich Individuen diesen Großkonzernen ausgesetzt fühlen. Dieses Projekt wird voraussichtlich Anfang bis Mitte 2024 starten.

Was ist für das Geburtstagswochenende geplant?

Wir haben ein sehr vielfältiges Programm, von Tanztheater, über Performances, DJ-Programme, viele Konzerte bis hin zu einem Familienprogramm. Es gibt ein Festival für Kinder und Familien. Es gibt auch ein kulinarisches Programm. Wir möchten auch unsere Ateliers und Studios zeigen, die sonst eher verschlossen sind. Das Programm beginnt jeweils um 12 Uhr und geht bis 22 Uhr.

Wir danken für das Gespräch!