• In mehrere Kinos haben junge Leute in den vergangenen Tagen randaliert
  • Hintergrund ist offenbar eine TikTok-Challenge zum Film "Creed 3"
  • In Neukölln soll es im "Cineplex" in den Neukölln-Arcaden zu Krawallen gekommen sein

Essen/Berlin. Der Kinosaal verwüstet, die Filmvorführung abgebrochen, die Polizei im Großeinsatz: In mehreren Kinos in Deutschland und anderen Ländern ist es in den vergangenen Tagen zu Ausschreitungen gekommen, während dort „Creed 3“ lief, der neunte Film der Saga um den Boxer „Rocky“.

Im Netzwerk TikTok bekommen Videos der Stör-Aktionen große Aufmerksamkeit. Auch in Berlin soll es einen Vorfall gegeben haben. Wie der "Tagesspiegel" berichtete, störte eine Gruppe eine Vorstellung im Cineplex in den Neukölln-Arcaden massiv. Der Film sei abgebrochen worden. Die Jugendlichen hätten sich erst mit Popcorn und Nachos beworfen. Später sei es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen. Security-Kräfte hätten eingreifen und die Auseinandersetzungen beenden müssen.

Entgegen dem Bericht sprach Cineplex-Marketingleiter Robert Schünemann von keinem Abbruch des Films. „Der Film wurde für eine kurze Zeit unterbrochen“, sagte er auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. Nachdem eine Gruppe Jugendlicher die Vorstellung „laut gestört“ hatte, sei der private Sicherheitsdienst eingeschritten, so Schünemann. Gewalttätige Auseinandersetzungen habe es nicht gegeben. Die Securitys hätten die Jugendlichen dann aus dem Saal gebracht. Anschließend habe der Film weitergespielt werden können. Auch im Cineplex in Wedding habe es Auffälligkeiten gegeben, sagte der Marketingleiter. „Aber wir konnten schnell entgegenwirken.“ Bei der Berliner Polizei ist keiner der Vorfälle bekannt.

"Creed 3": Tumultartige Szenen und Massenkrawalle

In Essen, Hamburg und Bremen war die Polizei am Wochenende im Einsatz, weil Kino-Beschäftige der Lage nicht mehr Herr wurden. In mehreren weiteren Städten gab es kleinere Einsätze oder die Kinobetreiber bekamen die Situation selbst in den Griff. „Gäste standen auf, kletterten über Sitze und warfen mit Snacks durch den Saal“, schilderte ein Polizeisprecher in Essen. Die etwa 40 randalierenden Personen hätten weitergemacht, als die Kinovorführung längst abgebrochen worden sei. In Hamburg spricht die Polizei von 60 Störern. Dingfest machen konnten die Beamten niemanden.

Und es traf nicht nur die großen Städte: „Unser Kino 1 glich einem Schlachtfeld voller Müll, verstreutem Popcorn und verschütteten Getränken. Das habe ich so noch nie erlebt“, erzählt Reinhard Berens vom Kino Tichelpark in Kleve am Niederrhein. In einigen französischen Städten berichtete die Polizei von tumultartigen Szenen und Massenkrawallen, während „Creed III - Rocky's Legacy“ auf der Leinwand lief.

Kino-Randale bei "Creed 3": Polizei geht von TikTok-Challenge aus

Polizisten stehen während des Einsatzes mit Besuchern vor einem Kino. In mehreren Kinos in Deutschland und anderen Ländern ist es in den vergangenen Tagen zu Ausschreitungen gekommen, während dort "Creed 3" lief.
Polizisten stehen während des Einsatzes mit Besuchern vor einem Kino. In mehreren Kinos in Deutschland und anderen Ländern ist es in den vergangenen Tagen zu Ausschreitungen gekommen, während dort "Creed 3" lief. © Jonas Walzberg/dpa

Social-Media-Experten der Polizei in Essen fanden Hinweise auf eine Challenge in den sozialen Netzwerken. „Hierbei zeigen einige Personen ein derart asoziales Verhalten, welches dazu führen soll, einen Kinofilm abbrechen zu lassen“, schreibt die Behörde. Vor allem bei TikTok seien sehr viele Videos aufgetaucht. „Das ist schon auffällig“, sagte ein Sprecher.

Andere Experten sind bislang noch zurückhaltend. Für eine typische Challenge fehle dem Thema ein Hashtag und ein typischer Sound, sagt Marcus Bösch, Wissenschaftler an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. „Ohne die verbreitet sich ein Thema bei TikTok nicht.“

Auch Robert de Lubomirz-Treter von der Landesanstalt für Medien NRW hält die Verbreitung in dem Netzwerk noch für zu niedrig. Durch den Mechanismus des Videoportals könnte aber ein Trend daraus werden, sagt er. In den Kommentaren zu den Clips aus den Kinosälen gebe es gerade auffällig viele rassistische Äußerungen, die den Widerspruch anderer Nutzer erzeugten. „Das sorgt für Interaktion und damit für Traffic und spült das Thema bei noch mehr Menschen auf die Displays.“

Schauspieler Michael B. Jordan als Adonis Creed in einer Szene des Films "Creed 3".
Schauspieler Michael B. Jordan als Adonis Creed in einer Szene des Films "Creed 3".© Eli Ade/Metro-Goldwyn-Mayer Studios/Warner Bros

Durch diese Prominenz könnte sich das Thema weiter hochschaukeln. „Viele Nutzer wollen ja eine möglichst hohe Zahl an Aufrufen bekommen, denn dann ist man wer. Um eine hohe Zahl an Aufrufen zu bekommen, kann man ein ohnehin schon prominentes Thema aufgreifen, muss aber noch ein bisschen weitergehen als die anderen“, erklärt der Medienexperte. Bei den Kino-Randalen gebe es jedenfalls einige Zutaten, die einen kommenden Trend begünstigen könnten. „Zerstörung, sich gegen die Erwachsenen auflehnen, Risiken und Grenzen testen - da ist schon einiges dabei, was Heranwachsende reizen kann.“

Kinokette Cineplex setzt Security-Kräfte vor den Kinosälen ein

Kinobetreiber hoffen inständig, dass es nicht zu einer solchen Kettenreaktion kommt. Die Kinokette Cineplex hat als eine erste Reaktion Security-Kräfte vor den Kinosälen eingesetzt und führe Taschenkontrollen durch. Dabei seien schon Schlagringe, Messer und andere kleinere Waffen aufgetaucht, sagte Geschäftsführer Kim-Ludolf Koch dem WDR. Das „Cineplex“ in Neukölln kündigte an, bei entsprechenden Veranstaltungen zusätzliche Sicherheitsleute einzusetzen. „Einer könnte beispielsweise während der Vorstellung im Saal sitzen“, sagte Cineplex-Marketingleiter Robert Schünemann. Das würde eine entsprechende Stimmung meist schon dämpfen. Den Film „Creed“ deshalb aus dem Programm zu nehmen, sei aber derzeit keine Option.

Andreas Simon, der mehrere Häuser im Saarland betreibt, hat den Film „Creed III“ vorsorglich ganz aus dem Programm genommen. Es habe bei mehreren Vorführungen Zwischenfälle gegeben, immer wieder hätten er und sein Team den Film unterbrechen müssen, die Säle hätten anschließend „wie ein einziger Schweinestall“ ausgesehen, sagte er dem Saarländischen Rundfunk. Da habe er beschlossen, für sich und seine Mitarbeiter die Notbremse zu ziehen. „Das tue ich mir nicht mehr an.“

juwue/dpa/BM