Klimablockaden

Handwerker zu Klimablockaden: „Das geht so nicht weiter“

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Die Aktivisten der „Letzten Generation“ schlagen meist im morgendlichen Berufsverkehr zu und kleben sich auf der Fahrbahn fest.

Die Aktivisten der „Letzten Generation“ schlagen meist im morgendlichen Berufsverkehr zu und kleben sich auf der Fahrbahn fest.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Glasermeister Sven Klingele hat genug von den Blockaden der Klimaschützer auf Berlins Straßen. Er fordert entschlosseneres Vorgehen.

Berlin.  Sie stürmen auf die Straße, wenn die Ampel rot ist, hocken sich hin, enthüllen ihre Transparente, und meist klebt sich ein Großteil von ihnen mit Sekundenkleber an die Fahrbahn: Die Klimaaktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ gehören mittlerweile vor allem zum Leidwesen vieler Autofahrerinnen und -fahrer längst zum Berliner Alltag.

Ist der Kleber getrocknet, geht erst einmal nichts mehr. Hinter den Lenkrädern wird hastig auf die Uhr geguckt und über das Telefon die nun zu erwartende Verspätung durchgegeben. Manch einer steigt auch aus und macht seinem Unmut über die Blockade Luft – bislang zumeist nur verbal. Ansonsten heißt es mitunter stundenlang warten, bis die Polizei den Kleber in mühevoller Kleinstarbeit gelöst und die Blockade beendet hat.

„Das hat mittlerweile Dimensionen angenommen, wo man sagen muss: Das geht so nicht weiter“, sagt Glasermeister Sven Klingele aus Wilmersdorf. Erst am Montag sei einer seiner Mitarbeiter wegen einer solchen Blockade an der Elsenbrücke zwischen Treptow und Friedrichshain eineinhalb Stunden zu spät zu einem Kunden gekommen. „Da stellt man dann zwei Stunden in Rechnung, obwohl es insgesamt vier dauert“, so der 61-Jährige. Im Einzelfall sei das zwar nicht so schlimm, die Summe mache es aber vor allem für die kleineren Betriebe problematisch.

Glasermeister: Bei kaputten Scheiben bestehe mitunter Gefahr im Verzug

Um die finanziellen Einbußen geht es Klingele allerdings nicht zuvorderst, sondern um Zuverlässigkeit und Sicherheit. „Eine kaputte Scheibe ist oft mit einer gewissen Verletzungsgefahr verbunden, die es schnellstmöglich zu beseitigen gilt“, so der Glasermeister. Da mitunter Gefahr im Verzug bestehe, müsse schnell gehandelt werden.

„Und wenn wir dann nicht kommen können, hat der Kunde außerdem vielleicht einen halben Urlaubstag umsonst verschwendet und muss einen neuen Termin machen.“ Und das, wo die Auftragsbücher im gesamten Handwerk ohnehin derzeit voll seien. Zwei Mal anfahren sei mit doppeltem Spritverbrauch verbunden, was auch nicht im Sinne der Klimaaktivisten liegen könne, sagt der Handwerksmeister.

Die „Letzte Generation“ ist seit Ende Januar bundesweit aktiv, wobei ihr Fokus auf Berlin als Bundeshauptstadt liegt. Vereinzelt schlugen sie in Ministerien oder Kultureinrichtungen zu – lösten etwa Feueralarm im Bundestag aus, klebten sich an eine Dinosaurierskelett im Naturkundemuseum oder überschütteten ein Monet-Gemälde im Potsdamer Museum Barberini mit Kartoffelbrei.

Zumeist schlugen sie jedoch im morgendlichen Berufsverkehr auf den Straßen der Hauptstadt zu. Mehr als 240 Blockaden gab es seit Anfang des Jahres. Kritik gab es zuletzt vor allem, weil Rettungseinsätze der Feuerwehr durch die Aktionen immer wieder behindert wurden. Bei einem davon starb Ende Oktober eine 44 Jahre alte Radfahrerin auf der Bundesallee in Wilmersdorf.

Klima-Aktivisten bewerfen Monet-Gemälde in Potsdam mit Kartoffelbrei
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Unterstützung der Ziele, nicht der Methoden

Wenn man jetzt nicht entschlossen handele, seien die Schäden durch den Klimawandel irreversibel – so die Auffassung der Gruppe. Mit den Blockaden oder anderen Aktionen ist stets die Forderung an die Bundesregierung gebunden, entschlossener zu handeln und etwa ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf den Autobahnen einzuführen.

Auch Glasermeister Sven Klingele stellt die Ziele der Aktivisten nicht in Abrede. „Klar: wir müssen uns alle ums Klima kümmern, aber mit diesem Ansatz funktioniert es nicht.“ Möglicherweise sei der eher sogar kontraproduktiv. „Wenn man ständig ein gesamtes System lahmlegt, nimmt man die Leute nicht mit, sondern bringt sie gegen sich auf.“

Man müsse verhindern, dass Berlin „zum Tollhaus von kriminellen Aktivisten“ werde, sagte zuletzt Björn Jotzo, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Um dies zu verhindern, will die Partei den Blockierern ans Geld.

FDP will zentrale Plattform, um Schäden gegen Blockierer geltend zu machen

Geschehen soll das über eine „digitale Schadensersatz-Plattform“, wie es in einem Gesetzesantrag der FDP-Fraktion heißt, der jüngst in das Berliner Parlament eingebracht wurde. Wer durch die Blockaden Schäden wie Arbeitszeitausfall, Betreuungsmehrkosten oder Ertragseinbußen erlitten haben, soll diese direkt gegenüber den Verursachern geltend machen können.

„Bürgerinnen und Bürger, die durch die Blockaden finanzielle Einbußen erleiden, werden – mit Ausnahme warmer Worte der Innensenatorin – mit ihren Ansprüchen allein gelassen“, heißt es in der Begründung. Mittels einer Plattform „sollen die Schäden unkompliziert standardisiert erfasst und an eine durchsetzende Stelle abgetreten werden können“. Im Zweifel gehe es um Haftbarmachung bis in die Privatinsolvenz der Verursacher.

Als App auf dem Smartphone soll der Nutzer Standort, Dauer der Verzögerung und Fotos erfassen können. Das Ganze solle „ähnlich unbürokratisch ablaufen wie die Geltendmachung von Fluggastrechten“. Das Amtsgericht Tiergarten sprach bisher mehrere Urteile zumeist wegen Nötigung. In der Regel erhielten die Blockiererinnen und Blockierer Geldstrafen im mittleren dreistelligen Bereich. Härtere Strafen werden derweil vom Bundesjustizministerium geprüft, Berlins Innensenat will nach illegalen Aktionen längere Gewahrsam.

Klingele: Antragsstellung müsse möglichst unkompliziert sein

Auch wenn die finanziellen Einbußen bislang nicht sein Hauptproblem mit den ständigen Blockaden seien, findet Klingele den FDP-Vorschlag gut. Wichtig sei aber, dass die Antragstellung möglichst unkompliziert sei und nicht übermäßig die ohnehin schon knappe Zeit der Handwerker in Anspruch nehme. „Gerade kleinere Betriebe würden es dann vermutlich lassen.“

Wichtiger sei jedoch, dass die Berliner Politik endlich geschlossen gegen die Klimakleber vorgehe und dem nach fast einem Jahr nun endlich ein Ende setze.

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