Modellprojekt

Eine Wohnung als Rettungsanker für Prostituierte

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Nicole Dolif
Prostituierte an der Kurfürstenstraße. Auch hier sprechen Sozialarbeiter die Frauen an., um ihnen den Ausstieg zu erleichtern.

Prostituierte an der Kurfürstenstraße. Auch hier sprechen Sozialarbeiter die Frauen an., um ihnen den Ausstieg zu erleichtern.

Foto: Reto Klar

In einem Modellprojekt in Neukölln finden Prostituierte Zuflucht und Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution.

Berlin. Prostitution ist ein hartes Geschäft und der Ausstieg für die Frauen in den meisten Fällen sehr schwer. Ein Modellprojekt will ihnen dabei helfen. In einer „Ausstiegswohnung“ in Neukölln finden Frauen nun eine erste Zuflucht - und auch Unterstützung bei ihrem Weg in ein geregeltes Leben.

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Allein in Berlin bieten rund 6.000 bis 8.000 Prostituierte ihre Dienste an. Ein Ausstieg ist aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung und der oft unmittelbaren wirtschaftlichen Abhängigkeit kaum möglich. Die absolute Mehrheit der Frauen, etwa 80 Prozent, müsse sich aus einer Not heraus prostituieren – Armuts- oder Beschaffungsprostitution – oder sie würden dazu gezwungen, so der Verein Neustart. Die Übergänge von Ausbeutung zu Zwang seien fließend. Die sogenannten „selbstbestimmten Sexarbeiterinnen“ stellen eine absolute Minderheit dar, so der Verein, dessen sozial-diakonische Arbeit sich vor allem auf Prostituierte konzentriert und der auch Träger des im Wesentlichen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanzierten Modellprojekts ist.

Bedingung: Frauen dürfen keine Drogen konsumieren

„Das Projekt Ausstiegswohnung richtet sich insbesondere an wohnungslose Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen und dazu in erster Linie kurzfristig eine Unterkunft benötigen sowie unterstützende Sozialbegleitung“, sagt Gerhard Schönborn, Vorsitzender von Neustart. In der Ausstiegswohnung, deren Adresse aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich bekannt gegeben werden soll, ist Platz für bis zu drei Frauen. Jede Frau bewohnt ein eigenes, möbliertes Zimmer. Angedacht ist zunächst, dass die Frauen nur für drei Monate bleiben – eine Verlängerung sei aber natürlich immer möglich. Zwei Voraussetzungen gibt es jedoch, um einen Platz in der Ausstiegswohnung bekommen zu können: Die Frauen dürfen aktuell keine Drogen konsumieren und nicht geschützt werden müssen.

Ins Gespräch mit den Frauen kommen die Sozialarbeiter von Neustart im Kontaktcafé direkt am Straßenstrich an der Kurfürstensraße. „Wir sprechen sie an, wenn wir glauben, dass sie bereit sind für einen Ausstieg“, sagt Schönborn. „Wenn sie es versuchen wollen, können sie in die Ausstiegswohnung ziehen.“

Dort kümmern sich dann zwei Sozialarbeiterinnen intensiv um die Bewohnerinnen. „Es geht ja nicht nur darum, ein Dach über dem Kopf zu haben“, sagt Schönborn. „Wir helfen den Frauen, bei allen Schritten, die für sie anstehen. Das kann ein Arztbesuch sein, Anträge bei Behörden, die Wohnungs- und Arbeitssuche.“ Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) freut sich darüber, dass das berlinweit einmalige Projekt in seinem Bezirk angesiedelt ist. „Ein Großteil der Menschen, die aus der Prostitution raus wollen, sind alleine und müssen bei Null anfangen“, sagt Hikel. „Eine erste, kurzfristige Unterkunft, Unterstützung beim Lebensunterhalt und begleitende Sozialarbeit bieten hier die Chance auf einen erfolgreichen Weg aus der Prostitution.“

Eine erste Bewohnerin ist bereits in die Ausstiegswohnung eingezogen, mit weiteren rechnet Neustart in den nächsten Wochen.