Es ist ein hohes Ziel, dass man sich in der Senatsmobilitätsverwaltung für Berlins künftige Rolle im Nachtzug-Verkehr gesteckt hat: „Berlin hat das Interesse, dass wir nicht nur Endpunkt sind, sondern dass wir ein Drehkreuz werden“, sagte Jürgen Murach aus der Abteilung Verkehr bei einer Fachkonferenz zu Chancen und Herausforderungen für ein künftiges Nachtzug-Netz am Mittwoch.
Bis es soweit ist und Berlin tatsächlich ein solches Drehkreuz wird, ist es aber noch ein weiter Weg. Zwar gibt es bereits Pläne für weitere Verbindungen, derzeit aber ist die Zahl der Strecken von Nachtzügen, die über Berlin führen, begrenzt.
Aktuell werden vier Verbindungen über die Hauptstadt angeboten:
- nach Wien
- nach Budapest
- nach Zürich
- nach Stockholm (begrenzt auf das wärmere Halbjahr)
Im Jahr 1995 waren es laut Murach noch mehr als 20 Verbindungen. Viele seien eingestellt worden, weil die Trassenpreise hoch und die Züge nicht mehr wirtschaftlich waren, dazu seien aber auch viele politische Krisen gekommen, die das Aus für Linien brachten, sagte Murach.
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Nachtzüge als klimafreundliche Alternative zum Fliegen
Nun gibt es von verschiedenen Anbietern bereits Pläne, die Zahl der Verbindungen wieder wachsen zu lassen. Darüber hinaus wurde im vergangenen Jahr bei einer Studie konkreter untersucht, welche langfristigen Entwicklungspotenziale es für Nachtzugverbindungen von und nach Berlin gibt. Ein Grund, weshalb die Senatsverwaltung die Untersuchung angestoßen hat, ist auch, dass Reisen per Zug eine klimafreundlichere Alternative zum Fliegen oder zu Autofahrten darstellen können. Und das Fazit fällt eindeutig aus: „Wir sehen ein deutliches Potenzial für Nachtzugverbindungen, es ist für Berlin ein sehr interessantes Thema“, sagte Ralf Jugelt vom Büro Ramboll.

Betrachtet wurden, mit Schwerpunkt auf den grenzüberschreitenden Verkehr, drei Zeiträume, in denen das Netz von und nach Berlin erweitert werden konnte. Dabei wurden insbesondere Ziele in den Blick genommen, die innerhalb von acht bis zwölf Stunden erreichbar wären – das entspricht auch heute schon der Dauer der meisten Nachtzugverbindungen. Unabhängig vom Ziel geht es Jugelt zufolge aber auch um die Taktung der Züge: „Wichtig ist, wenn wir die künftigen Marktsegmente abdecken wollen, dass wir uns über einen ganzjährigen, möglichst täglichen Betrieb unterhalten.“
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Neue Verbindung nach Brüssel und Amsterdam ab Sommer 2022
Orientiert haben sich die Autoren der Studie daran, welche Städte heute von besonders vielen Menschen von Berlin aus angeflogen werden – dabei fallen etwa Städte wie London, Paris, Amsterdam oder Brüssel ins Auge. Im ersten Schritt benennt die Potenzialstudie die Umsetzung bestehender oder diskutierter Planungen in den kommenden Jahren. Dazu gehört eine Verbindung von Berlin nach Paris und Brüssel, die die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) mit ihrem Nightjet ab 2024 anbieten wollen. Bereits ab diesem Sommer plant das niederländische Unternehmen European Sleeper eine Verbindung von Prag über Berlin nach Amsterdam und Brüssel. Der Ticketverkauf soll im Frühling beginnen. Ein ergänzender Abzweig nach Warschau ist ab 2023 vorgesehen.
Potenzial sieht Jugelt auch für eine Ausweitung der Verbindung von Berlin nach Stockholm. „Schweden sehen wir als eine Destination, die einen täglichen Verkehr wert wäre“, sagte er. Außerdem sprach Jugelt ein Land an, das derzeit nicht direkt von Berlin aus per Nachtzug erreichbar ist. „Als erstrebenswertes Ziel sehen wir es im ersten Schritt, dass eine Verbindung von Berlin nach Italien wieder eingeführt wird.“ Genannt wurde eine Fahrt von Berlin über München nach Mailand oder Venedig. Voraussetzung wäre, dass die bestehenden Engpässe in der Infrastruktur beseitigt werden, sodass ein stabiler Nachtverkehr ganzjährig gesichert ist, sagte Jugelt.
Im zweiten Schritt Verbindungen nach Lyon oder Vilnius
In einem zweiten Schritt, der allerdings erst für die Jahre ab 2030 gesehen wird, sehen die Autoren einen Ausbau über die schon diskutierten Strecken hinaus. Dieser würde sich auch darauf stützen, dass durch die Fertigstellung vorgesehener Infrastrukturprojekte Reisezeiten erheblich verkürzt werden könnten. So wäre Wien dann mit Hochgeschwindigkeitszügen – sofern es diese dann für Nachtfahrten gibt – innerhalb von fünf Stunden erreichbar. „Das wäre gerade für Verbindungen zur Adria ein Gamechanger“, sagte Jugelt.
Daneben wurde in der Studie Westeuropa für den zweiten Schritt in den Fokus genommen „Wir würden eine zweite Verbindung nach Frankreich sehen“, sagte Jugelt, der beispielhaft Lyon nannte, von wo auch noch Erweiterungen zu anderen südfranzösischen Städten oder bis nach Barcelona möglich wären. Mit der Inbetriebnahme der Bahnstrecke der „Rail Baltica“, die wohl Ende der 2020er-Jahre fertig wird, sehen die Studienautoren außerdem Potenzial für weitere Verbindungen nach Osteuropa, etwa zur litauischen Hauptstadt Vilnius.
Nachtzug-Betreiber sehen Schwierigkeiten für Ausbau
Der dritte Schritt sieht als Langfristperspektive auch noch längere Strecken vor, bei denen die Fahrtzeiten dann weitaus länger als eine Nacht dauern würden. Beispielhaft wurden Verbindungen nach Madrid, London, Athen oder Helsinki genannt. Entscheidende Voraussetzungen, um attraktive Angebote zu kreieren, seien aber auch moderne, komfortable Fahrzeuge mit entsprechenden Services. Das sei nötig, um etwa auch Dienstreisende anzusprechen, erklärte Jugelt. Zudem brauche es, um langfristig ein stabiles Nachtzug-System zu etablieren, auch eine „grundlegende Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Nachtzüge“.
Die Schwierigkeiten, die es für Nachtzüge gibt, wurden von verschiedenen Teilnehmenden, darunter Anbietern wie der ÖBB, betont. Ein wirtschaftliches Modell zu etablieren, sei schwierig, hieß es. Verwiesen wurde auf jene hohen Trassenpreise, die schon in der Vergangenheit zur Einstellung von Verbindungen führten. Außerdem sei es gerade für neue Unternehmen, die in den Markt einsteigen wollen, ein Problem, Nachtzüge zu bekommen, ob aus zweiter Hand oder neu. Zugleich hob die ÖBB hervor, dass es weitere Anbieter, also auch mehr Konkurrenz auf dem Nachtzug-Markt brauche. „Solange nur die ÖBB in neue Nachtzüge investiert, werden wir keine europaweise Renaissance erleben“, sagte ÖBB-Vertreter Kurt Bauer.



