Gericht

Abou-Chaker-Prozess droht zu platzen

Die Verteidiger von Arafat Abou-Chaker fordern die Einstellung des Verfahrens. Es gibt Ärger wegen der Durchsuchung beim Clan-Chef.

Der Angeklagte Arafat Abou-Chaker (l.) mit einem seiner ebenfalls angeklagten Brüder.

Der Angeklagte Arafat Abou-Chaker (l.) mit einem seiner ebenfalls angeklagten Brüder.

Foto: Olaf Wagner

Dienstag vergangener Woche dürften Berlins Steuerfahnder bester Laune gewesen sein. Denn sie waren einen großen Schritt vorangekommen. Rund 300 Polizisten und die Steuerfahndung hatten bei einer Razzia in Berlin und Brandenburg Dokumente und Datenträger als Beweismittel beschlagnahmt. Der Verdacht: Steuerhinterziehung in der Rap-Szene. Im Fokus: der als Clan-Chef titulierte Arafat Abou-Chaker. Jener Mann, den die Ermittler wegen anderer mutmaßlicher Vergehen ohnehin im Visier haben.

Doch der vermeintliche Erfolg könnte sich als Bumerang erweisen. Denn Arafat Abou-Chaker muss sich zurzeit auch in einem anderen Verfahren vor dem Berliner Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einen Mann namens Anis Ferchichi – besser bekannt als Gangster-Rapper Bushido – nach dem Ende ihrer Geschäftsbeziehung rechtswidrig um einen Teil seines Vermögens gebracht zu haben. Außerdem soll Abou-Chaker den einstigen Freund eingesperrt und mit einer Wasserflasche malträtiert haben.

Die Beamten ignorierten den Protest von Arafat Abou-Chaker

Eben dieses Verfahren könnte wegen der Hausdurchsuchung in Abou-Chakers Haus in Kleinmachnow platzen. Der Grund: Die Steuerfahnder beschlagnahmten offenbar auch einen Ordner, den Abou-Chaker für seine Verteidigung in dem derzeit laufenden Verfahren angelegt hatte. Außerdem fotografierten sie wohl handschriftliche Notizen, die der 39-Jährige ebenfalls für seine Verteidigung gefertigt hatte. Abou-Chaker habe die Polizisten zwar darauf hingewiesen, dass die Papiere seiner Verteidigung in dem laufenden Prozess dienten. Den Beamten sei das aber egal gewesen.

So jedenfalls führten es am Dienstag Abou-Chakers Verteidiger, die Berliner Rechtsanwälte Martin Rubbert und Hansgeorg Birkhoff, aus. Die Ermittler verfügten nun über „verteidigungsspezifisches Wissen“, argumentierten sie. Es liege ein Verstoß gegen die Strafprozessordnung vor. Das Verfahren sei einzustellen. Ob die Juristen mit dem Antrag Erfolg haben werden, ist offen. Der Vorsitzende Richter Martin Mrosk kündigte jedenfalls an, der Sachverhalt müsse aufgeklärt werden. Mrosk sprach von „schwerer Kost“ – und verordnete den Prozessbeteiligten erstmal eine Mittagspause.

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Abou-Chaker-Prozess: Staatsanwältin hält Aufregung für übertrieben

Welche Auswirkungen das Essen der Gerichtskantine auf die Stimmung der Prozessbeteiligten hatte, ist nicht überliefert. Die verschachtelten Sätze von Staatsanwältin Petra Leister, die nicht nur als engagierte Kämpferin gegen Clan-Kriminalität, sondern auch als versierte Juristin bekannt ist, zeugten jedenfalls von einer gewissen Verunsicherung.

Das konnte kaum verwundern. Denn das Verfahren wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung wird von einer Kollegin geführt, mit der Durchsuchung im Hause Abou-Chakers hatte Leister also nichts zu tun. Nun sollte sie dennoch erklären, wie das alles passieren konnte und wie es weiter gehen solle. Unterlagen, die der Verteidigung dienten, dürften natürlich nicht beschlagnahmt werden, sagte Leister. Die Aufregung sei aber übertrieben. Die Papiere würden zurückgegeben.

Birkhoff und Rubbert wollten sich damit nicht zufrieden geben. Es müsse sichergestellt sein, dass die Steuerfahnder keine Kopien gemacht hätten, die nun womöglich in den Strafverfolgungsbehörden kursierten. Der Nachweis könne allerdings kaum erbracht werden. Die Situation sei „nicht reparabel“. Rubbert: „Dieses Verfahren kann nicht mehr rechtsstaatlich geführt werden.“

Scheitern des Verfahrens wäre peinliche Niederlage

Für die Strafverfolgungsbehörden wäre eine Einstellung eine peinliche Niederlage – und ein empfindlicher Rückschlag. Die Ermittler mühen sich seit Jahren, Abou-Chaker einer schweren Straftat zu überführen. Die Aussagen Bushidos und die weiteren Beweismittel in dem derzeit laufenden Prozess schienen die perfekte Gelegenheit zu bieten. Sollte die mutmaßliche Nachlässigkeit der Steuerfahnder die Anstrengungen zunichte machen, wäre dies für die Ermittler wohl der größte anzunehmende Unfall.

Aus dem Kreise der Prozessbeteiligten verlautete, der Antrag zur Einstellung des Verfahrens sei zwar kein Selbstläufer. Klar ist aber schon jetzt, dass sich das Verfahren verzögern wird. Richter Mrosk kündigte an, weitere Zeugen vorzuladen. Er habe da „ein paar Bauchschmerzen“.

Ein angekratztes Wohlbefinden zeigte am Dienstag auch Arafat Abou-Chaker. Das Verfahren mit Bushido als Nebenkläger, die Razzia wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und die Trauer um seine erst kürzlich verstorbene Mutter schienen dem Nervenkostüm der Clan-Größe zugesetzt zu haben. Wie gereizt er offenbar war, zeigte sich in der von Richter Mrosk verordneten Mittagspause. „Ich habe dich vor meinem Grundstück gesehen“, herrschte Abou-Chaker einen Presse-Fotografen an, der ihn beim Verlassen des Verhandlungssaals ablichtete. Dann verzog er sein Gesicht und sagte: „Ich kann auch vor dein Haus kommen.“