Gastronomie in Berlin

Berlins Gastronomen zittern vor dem kalten Herbst

Schlechtes Wetter bedeutet weniger Umsatz für Gastronomen – existenzbedrohend in Corona-Zeiten.

Die Berlinerin Stoja Gerhard (l.) stößt mit Schwester Svea (M.) und Freundin Marlene an.

Die Berlinerin Stoja Gerhard (l.) stößt mit Schwester Svea (M.) und Freundin Marlene an.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Antonio de la Fuente bewirtet 130 Gäste, und es könnten noch viel mehr sein. Regentropfen trommeln auf die Schirme des Außenbereichs seines Restaurants „Vivolo Olé“ an der Straße Am Zwirngraben in Mitte. Wo in den vergangenen Wochen Besucher Tapas geteilt haben und warmer Dampf über den Paellas aufstieg, weht an diesem Sonnabend nur kalter Wind über die Holztische. Die Stühle sind leer. „Draußen sitzen will bei diesen Bedingungen niemand“, sagt der Spanier.

Es ist das erste Wochenende in Berlin, das sich mehr nach Winter als nach Sommer anfühlt. Die Menschen bleiben zu Hause oder treffen sich in den Restaurants und Bars. Das sieht auch de la Fuente so. Seine Tische im Innenbereich sind ausgebucht. Allerdings sind es verglichen zum Betrieb vor der Corona-Pandemie nur die Hälfte. Zum Überleben reiche das nicht.

Gäste, die spontan vorbeikommen, muss der Spanier wegschicken, außer sie wollen draußen sitzen. Kuschelig machen kann er es ihnen dort aber nur bedingt. Unter den Schirmen hängen elektrische Heizstrahler. Sie sind im Gegensatz zu gasbetriebenen Heizpilzen bezirksübergreifend geduldet. Darauf verständigte sich der Berliner Gastronomie-Gipfel am Freitag. Zusätzlich hat de la Fuente Decken ausgelegt. Gäste bleiben aber eben aus. „Heizpilze und Seitenwände, um sie vor dem Wind zu schützen, würden helfen“, so der Spanier.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Corona-Pandemie: 83 Prozent der Gastwirte fürchten um Existenz

Wie de la Fuente fürchten 82 Prozent der Berliner Gastwirte um ihre Existenz. Das ging zuletzt aus einer Befragung des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) hervor. Zwischen April und August waren bei der Agentur für Arbeit mehr als 9000 vormals Beschäftigte aus dem Gastgewerbe arbeitslos gemeldet – doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Auch bei de la Fuente sind 50 Prozent des Personals weggefallen, das sind 20 Mitarbeiter.

Die Lage ist ernst, doch im Bezirk Mitte sind weder Heizpilze noch Seitenwände auf öffentlichem Straßenland erlaubt. Darunter fällt auch der Außenbereich des „Vivolo Olé“. „Heizpilze passen nicht in eine klimagerechte Stadt“, sagte Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) zu der Debatte. Verstoßen Gastwirte gegen das seit 2009 geltende Verbot, riskieren sie ein Bußgeld zwischen 50 und 200 Euro. Geld, das die Gastronomen gut anderweitig gebrauchen können, etwa um den fehlenden Umsatz während des Lockdowns teilweise aufzufangen.

Lesen Sie auch: Gastronomen dürfen erweiterte Außenflächen weiter nutzen

Gesundheitssenatorin spricht sich für Heizpilze aus

Arif Abduraehman sitzt am Tresen und sortiert Rechnungen und Bestellungen. Für Menschen, die das „Café Morgenrot“ an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg betreten, springt er auf und bringt sie an einen der Tische. Wenn das Café voll ist, würde Abduraehman ihnen gerne einen Platz im Freien anbieten. Dort schützt aber lediglich eine Markise vor Niederschlag.

Abduraehman gehört zum Betreiber-Kollektiv des Cafés. Über Plexiglasscheiben, die geduldet sind, zwischen den Tischen hätten sie diskutiert, schreckten aber bislang vor den Kosten zurück. Man wisse nicht, ob es in den nächsten Wochen zu weiteren Einschränkungen komme. Die Situation bleibe existenzbedrohend. Da zähle jeder Euro. „Wir brauchen Sicherheit und keine halbe Sachen“, sagt Abduraehman.

Der Ruf nach Lösungen wird vonseiten der Gastronomie immer lauter. Doch im für die Kastanienallee zuständigen Bezirksamt Pankow hat man nichts entschieden. Die Bezirksstadträte und der Bezirksbürgermeister diskutieren noch über Heizpilze, wann es eine Entscheidung gibt, sei unklar, heißt es im Bezirksamt. Und nicht nur in Pankow und in Mitte stehen den Gastwirten ungewisse Tage bevor. Die Infektionszahlen steigen berlinweit rasant an. Strengere Regeln zur Eindämmung des Coronavirus sind nur eine Frage der Zeit. Dennoch macht die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) den Gastwirten Hoffnung. „Mein Ziel ist es, Infektionen in geschlossenen Räumen zu verhindern und möglichst viel nach außen zu verlagern“, so Kalayci im Interview mit der Berliner Morgenpost. „Dafür sind Heizpilze eine gute Maßnahme.“

„Einsatz von Heizpilzen übergangsweise vertretbar“

Auch der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, hat keine Einwände gegen einen vorübergehenden Betrieb von Heizpilzen in der Gastronomie. „Für eine Übergangszeit – etwa bis es einen Corona-Impfstoff für die breite Bevölkerung gibt – ist der Einsatz von Heizpilzen vertretbar“, sagte Messner der Berliner Morgenpost.

Bislang aber konnte noch keine Einigung über die Genehmigung von Heizpilzen erzielt werden. „Einige Bezirke wollen sie dulden, andere nicht“, sagte der Hauptgeschäftsführer Dehoga, Thomas Lengfelder. Ein weiteres Treffen zwischen Bezirksbürgermeistern, Dehoga, der Industrie- und Handelskammer, der Tourismuswerbegesellschaft „Visit Berlin“ und dem Zusammenschluss „Bars of Berlin“ soll es in zwei Wochen geben.

Kommentar zum Thema: Bloß kein Flickenteppich in Berlins Gastronomie

In Friedrichshain-Kreuzberg gilt Hilfe zur Selbsthilfe

Während die Politik noch über Heizpilze diskutiert, betreiben Gastronomen in Friedrichshain-Kreuzberg Hilfe zur Selbsthilfe. Läuft man über die Partymeile Simon-Dach-Straße, fallen beispielsweise die „Habana Bar“ und das „Plusminusnull“ auf. Beide Restaurants befinden sich an der Kreuzung Simon-Dach-Straße, Grünberger Straße. Es regnet ähnlich stark wie am Hackeschen Markt, und die Temperaturen unterscheiden sich nur minimal. Aber bei den Restaurants zeigt sich: Schützende Seitenwände und genügend Heizstrahler sorgen für Besucher. Im Gegensatz zum Restaurant „Vivolo Olé“ ist der Außenbereich fast voll belegt.

Eine Kreuzung weiter kümmert sich Wirt Christoph Sappl in der „Café-Bar Himmelreich“ um seine Gäste. „Ich hoffe auf einen goldenen Herbst“, sagt er. Für den Fall, dass das nicht passiert, hat er vorgesorgt. Seit wenigen Tagen sind Trennwände zwischen den Tischen eingebaut. Aus Holz und mit einem kleinen Schaufenster. Es wirkt ein bisschen wie Bordwände eines Holzbootes. Doch es hilft dem Gastwirt: „Ich kann nun 40 statt 25 Gäste bedienen“, sagt er.

Nur ein paar S-Bahn-Hastestellen weiter, am Hackeschen Markt, sitzen drei junge Frauen in Decken eingehüllt vor der Bar „am to pm“. Sie seien draußen, weil sie rauchen wollten, sagt Stoja Gerhard, deren Schwester mit einer Freundin zu Besuch in Berlin sind. „Ein Heizpilz wäre hier eigentlich noch ganz gut.“

Mehr zum Thema:

Diese schärferen Corona-Regeln sind für Berlin im Gespräch

Müller will Berliner Partyszene strenger kontrollieren

Berlins Wirtschaftsleistung um 5,1 Prozent eingebrochen