Zeitgeschichte

Berliner und Amerikaner: Höhen und Tiefen einer Freundschaft

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Begegnung 1946: Auf dem Flughafen Tempelhof erklärt ein US-Soldat jungen Berlinerinnen den Baseball-Sport.

Begegnung 1946: Auf dem Flughafen Tempelhof erklärt ein US-Soldat jungen Berlinerinnen den Baseball-Sport.

Foto: ©Usis-Dite/Leemage / picture alliance

Eine neue Studie zeichnet ein differenziertes Bild der Zeit der Amerikaner in Berlin vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1994.

Als US-Präsident Bill Clinton am 12. Juli 1994 vor dem Brandenburger Tor seine Rede zur Verabschiedung der letzten 1500 amerikanischen Soldaten hielt, hatte er einen besonderen Höhepunkt vorbereitet. Auf Englisch beglückwünschte er die Berlinerinnen und Berliner zunächst dazu, ihren „langen Kampf“ nun endlich, 33 Jahre nach dem Bauer der Mauer, gewonnen zu haben. Er erinnerte an die Luftbrücke von 1948, den niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 und an die friedliche Revolution von 1989, um schließlich auf Deutsch – ganz im Sinne der von John F. Kennedy begründeten Tradition – zum großen Finale anzusetzen: „Amerika steht an Ihrer Seite, jetzt und für immer.“

Das im Ewigkeitsversprechen liegende Pathos erscheint natürlich mehr als brüchig, seitdem Donald Trump im Weißen Haus Quartier bezogen hat. Es verweist aber auch auf den besonderen Charakter der Beziehung zwischen den West-Berlinern und ihren amerikanischen Partnern.

„In Clintons Worten spiegelt sich die Wirkmacht einer Jahrzehnte zuvor geprägten Meistererzählung. Gemeinsam mit den USA hätten die Berliner mutig für die Freiheit und Einheit ihrer Stadt gekämpft; nun habe man gemeinsam das Ziel erreicht“, schreibt Stefanie Eisenhuth in ihrer Studie „Die Schutzmacht. Die Amerikaner in Berlin 1945-1994“ (Wallstein Verlag).

Eine lineare Erfolgsgeschichte?

Eisenhuth, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Potsdamer Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, versucht darin zu einem differenzierteren Bild der Jahre zwischen 1945 und 1994 zu gelangen, als die Amerikaner in Berlin stationiert waren: „Das Verhältnis zwischen West-Berlin und den Westmächten, insbesondere den USA, wird als lineare Erfolgsgeschichte des Aushaltens in und des Festhaltens an der eingemauerten Stadthälfte geschildert, das mit dem Fall der Mauer zu einem Happy End fand. Keinen Platz in dieser Erzählung haben die ‘USA-SA-SS’-Rufe protestierender Studenten, die Anschläge der Roten Armee Fraktion (RAF) und anderer terroristischer Vereinigungen auf amerikanische Einrichtungen, die Demonstrationen der Friedensbewegung gegen die Nachrüstung oder die teils bürgerkriegsähnlichen Zustände im Umfeld der Berlin-Besuche von US-Präsident Ronald Reagan in den Jahren 1982 und 1987.“

Es geht ihr nicht darum, einen Mythos zu zerstören oder bestimmte historische Vorstellungen als falsch zu entlarven, sondern sie mit konkurrierenden Erzählungen in ein plausibles Verhältnis zu setzen. Dies gelingt ihr in ihrer akribisch aus den archivalischen Quellen destillierten Studie auf sehr gut lesbare, erhellende Weise.

Dabei nimmt sie zunächst die amerikanische Präsenz als Besatzungsmacht nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Blick.

Von der Besatzungs- zur Schutzmacht

Die US-Soldaten kamen am 3. Juli 1945 mit zunächst 37 Offizieren, 175 Soldaten und 50 Fahrzeugen in der Stadt an – von vielen Berlinerinnen und Berlinern sehnsüchtig erwartet. Die Journalistin Margret Boveri beschrieb das „Auftauchen eines Amerikaners“ als „Ereignis ersten Grades, das, von Mund zu Mund gehend, sich immer vergrößerte“. In der ausgebombten, bislang rein sowjetisch besetzten Stadt herrschten nackte Not und große Unsicherheit, in der die US-Soldaten wie Erlöserfiguren erscheinen mussten. Eisenhuth schildert eindringlich und ohne die für Zeitzeugen typische selektive Verkürzung, dass solche Erwartungen auch zu Enttäuschungen führen mussten, etwa im Hungerwinter 1946/47, als sich die Blockkonfrontation zudem bedrohlich zuzuspitzen begann.

Das änderte nichts daran, dass die Amerikaner im Verständnis der West-Berliner unter den Bedingungen des Kalten Krieges sich rasch von der Besatzungs- zur Schutzmacht wandelten. Die Volksfeste, Militärparaden und zahlreichen Besuche von Präsidenten in den 50er- und 60er-Jahren haben hier ihren Ursprung. Freilich blieb auch hier, insbesondere nach Amerikas Passivität gegenüber dem Mauerbau 1961, das Verhältnis nicht ohne Ambivalenzen – unter anderem auch, weil sich der internationale Blick gewandelt hatte: „West-Berlin wurde in der Außenperspektive zum übersubventionierten ‘Glitzerding’, ein ‘neonhelles Getto’, von ‘Mief’ bedroht, und man nahm an, es sei auf dem besten Weg, ‘die größte Kleinstadt der Welt’, gar ‘Provinz’ zu werden“, schreibt Eisenhuth.

Die Historikerin verfolgt die Schwankungen eines freundschaftlichen Verhältnisses bis ins Jahr 1994 mit großer Präzision und einer Fülle überraschender Fundstücke und mischt der transatlantischen Erzählung die Grauwerte bei, die zur historischen Wahrheit gehören. Das macht die Studie so lesenswert.

Stefanie Eisenhuth, Die Schutzmacht. Die Amerikaner in Berlin 1945-1994. Wallstein, 512 S., 39 Euro.