Kriminalität

Brennende Autos - Anwohner: „Das ist eine Kriegserklärung“

In Kreuzberg brannten Dienstagnacht zehn Autos. Ein 69-Jähriger fürchtete um sein Leben. Die Anwohner sind aufgebracht.

Berlin. Der laute Knall ertönte viertel nach drei. Zunächst habe er gedacht, dass vor seinem Fenster mit Böllern geworfen würde. Doch es waren keine Böller, die vor den Scheiben eines Anwohners an der Willibald-Alexis-Straße am Kreuzberger Chamissoplatz explodierten. Es waren Autos, die lichterloh brannten.

Das Fahrzeug, das unmittelbar vor der Parterre-Wohnung des Seniors stand, sei komplett in Flammen aufgegangen, es habe dabei laut geknallt, sagt der 69-Jährige. Die Fensterscheiben sprangen wegen der großen Hitze. Hilflos musste der Kreuzberger das Geschehen mit ansehen. Denn nach einem Schlaganfall ist er bettlägerig, kann alleine nicht aufstehen. „Es war lebensgefährlich“, sagt seine Betreuerin am Morgen.

Senior konnte nicht ohne Hilfe das Bett verlassen

In der Nacht zu Dienstag wurden in Kreuzberg zehn Autos angezündet, verletzt wurde niemand. Dass während des Vorfalls keine Personen zu Schaden kamen, hatte auch mit Glück zu tun. Der 69-Jährige deutet auf den Vorhang neben dem geborstenen Fenster. „Wenn das Feuer hier reingekommen wäre, hätte der Stoff sofort gebrannt. Ich schlafe direkt darunter. Es ist erschreckend.“ Er habe einen Bekannten verständigt, der kurze Zeit später eintraf und dem Mann aus dem Bett und in den Rollstuhl half.

Seine Betreuerin sei am Morgen sofort aus Schöneberg in den Bergmannkiez gefahren, als sie von den Autobränden erfahren habe. „Das ist lebensgefährlich und traumatisch. Die haben wirklich Menschen bedroht“, empört sie sich. Ihre Namen wollen weder der 69-Jährige, noch seine Betreuerin nennen. „Am Ende kommen die wieder und greifen ihn gezielt hat“, befürchtet die Betreuerin.

Schriftzug auf dem Spielplatz sorgt für Aufregung

Um wen es sich bei den Brandstiftern handelt, ist noch unklar. Auf dem Spielplatz am Chamissoplatz tauchte ein Schriftzug „Klasse gegen Klasse“ auf, dazu das Logo „KgK“ und ein Revolutionsstern. Erkenntnisse, ob für die Brandstiftung die linke Gruppierung „Klasse gegen Klasse“ selbst verantwortlich ist oder es sich um Trittbrettfahrer handelt, gibt es noch nicht. Bei den Anwohnern sorgt der Schriftzug jedenfalls für Wut.

„Was soll so etwas? Die Autos sind doch ohnehin versichert, das Geld bekommt man wieder. Welchen Sinn hat dann so eine Aktion – und vor allem, wen wollte man damit treffen? Ich selbst bin Handwerker, zudem sind viele Familie betroffen“, meint Edgar P., der am Morgen sein Auto verkohlt vorfand.

Michael S. ist ohne eigenen Schaden davongekommen, zeigt sich aber betroffen vom Schicksal derjenigen, deren Autos in Flammen standen: „Die wirklich teuren Autos, die hier oft herumstehen, sind gar nicht betroffen. Stattdessen hat es normale Leute, normale Familien ohne großes Vermögen getroffen.“

„Das ist eine Kriegserklärung“

Deutlicher wird Ralf G. „Das ist eine Kriegserklärung“, sagt der 56-Jährige. Seit 37 Jahren wohne er im Bergmannkiez, so etwas sei ihm aber noch nicht widerfahren. „Ich weiß nicht, ob ich mich hätte beherrschen können, wenn ich die Täter heute Nacht auf frischer Tat angetroffen hätte“, sagt Ralf G. Sein Hyundai Santa Fe hat oberhalb der Stoßstange Brandspuren, der Lack ist an einigen Stellen geschmolzen.

Trotzdem hat der IT-Spezialist noch Glück gehabt, sein Auto wurde nicht direkt angezündet. Stattdessen brannten die Autos vor und hinter seinem Pkw – ein Muster, das sich durch die Straße ziehe, so Ralf G. „Offensichtlich wurde versucht, eine Kettenreaktion auszulösen, da nur jedes zweite Auto in der Reihe angezündet wurde“, vermutet er.

„Ich habe gedacht, das Haus würde brennen“

Nur wenige Anwohner haben wie der 69 Jahre alte Rollstuhlfahrer den Brand in der Nacht mitbekommen. „Ich habe das Klirren der Fensterscheiben gehört, die haben mich aufgeweckt. Zunächst habe ich gedacht, das Haus würde brennen“, sagt Stefanie N.

Eine Passantin erzählt, dass sie den Brand noch in der Nacht gesehen habe. Sie sei gegen halb vier auf dem Heimweg gewesen, als es geknallt habe. Auch sie habe zunächst gedacht, dass Böller gezündet worden seien. Wenig später habe sie die brennenden Autos bemerkt, zu diesem Zeitpunkt hatte bereits ein weiterer Anwohner die Polizei alarmiert.

Familie sei in Tränen ausgebrochen

Edgar P. und Ralf G. dagegen schliefen und bekamen weder von den Explosionen noch von der starken Rauchentwicklung etwas mit. Sie sahen erst am nächsten Morgen den Schaden an ihren Autos. „Meine Wohnung geht zum Hinterhof, daher habe nichts mitbekommen und gerochen“, sagt Ralf G. Edgar P. bemerkte den Schaden, als er zur Arbeit fahren wollte.

Kopfschüttelnd gehen am Dienstagmorgen immer wieder Anwohner vorbei an den Autos, von denen der Geruch von verbrannten Kunststoff über die Straße weht. Eine Anwohnerin berichtet von der Fassungslosigkeit, die am Morgen geherrscht habe. Ein Paar sei erst am Vortag in das Haus eingezogen, vor dem nun zwei völlig ausgebrannte Autos stehen. Eine andere Familie sei beim Anblick ihres Fahrzeugs am Morgen in Tränen ausgebrochen.