E-Roller

E-Scooter in Berlin: Einmal Akku-Laden für vier Euro

Wer in Berlin E-Roller einsammelt, um sie aufzuladen, verdient nicht gerade gut und muss einen Großteil der Kosten für selbst tragen.

Touristen fahren mit einem E-Scooter über den Pariser Platz.

Touristen fahren mit einem E-Scooter über den Pariser Platz.

Foto: Reuters

Berlin. Es ist 22 Uhr und die Sonne gerade vollständig untergegangen. Ein weißer Kleinlaster fährt von der Brunnenstraße auf den Bürgersteig vor dem Weinbergspark in Mitte. Zwei junge Männer steigen aus, gehen zu einer Gruppe abgestellter E-Scooter herüber, schauen abwechselnd auf ihre Telefone und auf die Displays der Fahrzeuge. Nach wenigen Sekunden laden sie einige der Roller auf den Laster und fahren davon.

Was auf den ersten Blick wie ein Diebstahl aussieht, ist wesentlicher Teil des Systems. Die Roller fahren elektrisch und ihre Akkus halten je nach Geschwindigkeit und Gewicht des Fahrers nur wenige Kilometer. Um sie einzusammeln, zu Ladestationen zu bringen oder selbst zu laden und am nächsten Morgen wieder auf der Straße abzustellen, braucht es Personal. Das beschäftigen die vier Anbieter auf dem Berliner Markt, Circ, Lime, Voi und Tier, zu relativ unterschiedlichen Konditionen.

Die ausführlichste Beschreibung findet sich beim Anbieter Tier. Hier werden sogenannte „Ranger“ (dt. Hüter) auf Minijob-Basis gesucht, die zwei bis drei Tage pro Woche verfügbar sind. Die sollen die Roller mit dem eigenen Auto in ein zentrales Lager bringen, wo die Akkus geladen werden. Der Monatslohn liegt bei 450 Euro. Konkurrent Circ stellt sogenannte „Fleet Supporters“ (dt. Flottenunterstützer) im Rahmen einer Teilzeitstelle ein und lässt sie firmeneigene Fahrzeuge nutzen. Wie viel das Unternehmen zahlt, ist nicht bekannt. Auch beim Unternehmen Voi, das „Hunter“ (dt. Jäger) auf Anstellungs- oder selbstständiger Basis sucht gibt es keine Angaben zum Gehalt.

Vier Euro pro Roller abzüglich Strom- und Benzinkosten

Der weltweit größte Anbieter Lime beschäftigt hingegen sogenannte „Juicer“ (dt. etwa Saftspender). Per Telefon-App werden ihnen entladene Roller angezeigt. Diese gilt es dann mit dem privaten Fahrzeugen nach Hause zu bringen, zu laden und am folgenden Morgen wieder auf die Straße zu stellen. „Die von Lime angebotenen Preise für jeden aufzuladenden oder zu bewegenden Roller hängen immer von der Nachfrage und dem Standort des Rollers ab“, teilt Lime auf Anfrage mit. Die Höhe der Bezahlung werde dem Juicer im Vorfeld mitgeteilt. Er könne entscheiden, ob der den Auftrag annimmt. „Die Bezahlung erfolgt täglich.“

Laut einem Bericht der Tageszeitung „taz“ zahlt Lime vier Euro pro aufgeladenem Roller. Gegenüber der Zeitung beziffert ein Juicer die geschätzten Stromkosten pro vollständiger Ladung eines Akkus auf 30 Cent. Entsprechend bleiben Einnahmen von 3,70 Euro. Der Gewinn ist am Ende allerdings noch geringer, da der Juicer auch die Kosten für Benzin und Internet tragen muss und sein Einkommen als Selbstständiger zu versteuern hat. Bei Fehlern, etwa wenn die Roller zu spät wieder aufgestellt werden, reagiert Lime mit Strafen wie 50 Prozent weniger Bezahlung.

Verdi sieht Parallelen zu Essenslieferdiensten

Gewerkschaftliche Organisation sei nicht zu erkennen, sagt Andreas Splanemann, Sprecher der Gewerkschaft Verdi Berlin-Brandenburg. „Dafür ist es einfach zu neu.“ Er sehe aber Parallelen zu Essenslieferanten, die im Auftrag etwa von Foodora oder Deliveroo mit dem Fahrrad unterwegs sind. „Man versucht Menschen zu finden, die für wenig Geld bereit sind, diese Arbeit zu machen.“ Absicherungen etwa bei Unfällen oder im Krankheitsfall gebe es nicht. Entsprechend könne ein Unfall existenzbedrohend sein. „Wir müssen gucken, wie es sich entwickelt, und wo wir als Gewerkschaft Anknüpfungspunkte finden.“

Lars Zemke, Vorsitzender des Verbands Elektro-Kleinstfahrzeuge, nennt die Arbeitsbedingungen der Juicer „sportlich“. „Ich muss mir die Nacht um die Ohren schlagen und morgens früh aufstehen – wenn man da Geld verdienen will, ist man schon der Getriebene.“ Bei den hohen Strafen von bis zu 50 Prozent weniger Bezahlung lege ferner die Vermutung nah, dass darüber Geld gespart werde.

Zemke präferiert daher das Modell des Anbieters Tier. Der habe einen Subunternehmer, der den gesamten Prozess von Einsammeln, Laden und Wiederaufstellen der Roller organisiert. Auf diesem Weg könnten am ehesten Anforderungen formuliert werden, auch die eines Ökostromtarifs oder die Verwendung von Elektroautos. Bei einem dezentralen System wie dem von Lime sei das deutlich schwieriger. „Wenn man kaum Leute findet, sind die Anforderungen gering“, sagt Zemke. Und da Juicer insgesamt darauf angewiesen seien, Geld zu sparen, käme an dieser Stelle der Stromtarif ins Spiel.

BUND befürchtet Einsparung bei den Stromkosten

Auch Arne Fellermann, Leiter der Abteilung Verkehrspolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), glaubt nicht, dass die Lime-Roller mit CO2-neutralem Ökostrom geladen werden. „Es sieht eher so aus, als ob das eine prekäre Beschäftigung ist. Das erhöht den Druck an allen Ecken zu sparen, natürlich auch bei den Stromkosten.“ Die ökologische Verantwortung gebe Lime an dieser Stelle ab.

Insgesamt ist Fellermann skeptisch, dass E-Roller Teil der ökologischen Verkehrsrevolution sind. Mit schätzungsweise 30.000 Fahrten täglich seien sie nur ein kleiner Teil des Berliner Mobilitätsvolumens. Momentan sehe es danach aus, dass sie eher den öffentlichen Nahverkehr und Fahrräder ersetzen, nicht aber das Auto. „Und das ist dann kein Mehrwert.“