Prostitution

Straßenstrich an Kurfürstenstraße bekommt Sex-Boxen

Der Senat will Verrichtungsboxen im Kurfürstenkiez testen. Doch die Diskussion um einen Sperrbezirk hält an.

Der Straßenstrich an der Kurfürstenstraße. (Archivbild)

Der Straßenstrich an der Kurfürstenstraße. (Archivbild)

Foto: Reto Klar

Benutzte Kondome, Spritzen und Sex am Straßenrand, für alle sichtbar. Viele Anwohner klagen schon lange über die Zustände rund um die Kurfürstenstraße. Doch wie mit Problemen, die durch den Straßenstrich entstehen, umzugehen ist, darüber streiten Senat, Bezirke und die Bewohner seit geraumer Zeit erbittert, bisher ohne einen wirklichen Durchbruch zu erzielen.
Nun ist neue Bewegung in die Debatte gekommen, bald könnte es weitere sichtbare Maßnahmen an der Grenze zwischen den Bezirken Mitte und Tempelhof-Schöneberg geben. Geplant sind abgetrennte Bereiche für den Sex, sogenannte Verrichtungsboxen. Doch wie sie ausgestaltet sein müssen und was sie bringen werden, ist unter den Beteiligten umstritten. Klar scheint nur, der von manchen erhoffte große Wurf wird weiter ausbleiben.

Vorbild Köln: Innenstadt ist Sperrbezirk, Verrichtungsboxen am Stadtrand

Um in der festgefahrenen Situation weiter zu kommen, hatte sich der Bezirk Mitte zuletzt angesehen, wie andere Städte mit dem Problem der ausufernden Straßenprostitution umgehen. Für eine Anwohnerveranstaltung in der Alegro-Grundschule in Tiergarten hatte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) Anna Wolff vom Kölner Gesundheitsamt geladen.

Dort geht man seit vielen Jahren einen anderen Weg als in Berlin – mit einigem Erfolg. Die Stadt entschied sich 2002 dazu, die Innenstadt zum Sperrbezirk zu erklären und stattdessen am Stadtrand einen Straßenstrich samt Verrichtungsboxen zu etablieren. Es ist ein Gebiet etwa so groß wie ein Fußballfeld, ein Zaun versperrt die Sicht hinein. In der Mitte des Grundstücks steht eine alte Scheune, innen aufgeteilt in mehrere Separées, die sogenannten Boxen.

Freier können mit dem Auto in die Sex-Box fahren

Hier können Freier mit ihren Autos hineinfahren. Dabei müssen sie so parken, dass zwar die Prostituierten in Notsituationen aussteigen können, sie selbst aber nur schwer aus dem Wagen kommen. Für Notfälle gibt es einen Alarmknopf neben der Beifahrertür. Zudem können die Frauen schnell in einen verriegelbaren Sicherheitstrakt gelangen. Hier gibt es sanitäre Anlagen, an Automaten können Kondome, Getränke, Snacks oder Spritzen bezogen werden.

Das Fazit der Kölner Verwaltung fiel in einem großangelegten Erfahrungsbericht zehn Jahre nach Einführung positiv aus: „Die Einrichtung des legalen Straßenstrichs hat ihre Ziele erfüllt.“ Keine Sexarbeiterin sei Opfer einer Gewalt geworden. Auch heute noch ist die Stadt zufrieden mit dem Projekt, wie die Kölnerin Wolff bei der Bürgerveranstaltung in Tiergarten sagte.

Erfahrungen mit Verrichtungsboxen sind nicht überall gut

Doch verschwunden ist die Prostitution damit aus der Innenstadt nicht. Trotz Sperrbezirk bieten dort auch heute noch Frauen ihre Dienste an. Und nicht überall sind die Erfahrungen mit Verrichtungsboxen so gut wie in Köln. In Dortmund entstand rund um die Boxen innerhalb weniger Jahre der größte Straßenstrich Deutschlands mit bis zu 700 Frauen vor allem aus Osteuropa. Bereits 2011 zog die Bezirksregierung nach Anwohnerprotesten die Reißleine und schloss die Boxen. Heute ist ganz Dortmund ein Sperrbezirk.

Verrichtungsboxen sollen unter dem Viadukt der U2 stehen

Im Kurfürstenkiez will man es nun dennoch mit Verrichtungsboxen versuchen, wenn auch auf andere Weise. Für das „Kölner Modell“ fehle an der Kurfürstenstraße der Platz und die Infrastruktur, sagt Pflege- und Gleichstellungsstaatssekretärin Barbara König (SPD). Dennoch: „In einem Pilotprojekt sollen für den Bereich der Kurfürstenstraße Verrichtungsorte geschaffen werden.“ Geplant ist, sie unter dem U-Bahn-Viadukt der Linie U2 am Bülowbogen aufzubauen.

Sie sollen ein sicheres Arbeiten für die Prostituierten ermöglichen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Verrichtung nicht mehr für Anwohner sichtbar erfolge, so König. Anders als in Köln sollen die Boxen auch nicht mit dem Auto ansteuerbar sein. Zunächst seien sie nur für Fußgänger oder Radfahrer geeignet. Der größte Unterschied zu Köln ist jedoch ein anderer. In Berlin gibt es keinen Sperrbezirk, sagt die Staatssekretärin „und die Einrichtung eines Sperrbezirkes ist auch nicht vorgesehen“. Dieser sperre Menschen weg, löse aber keine Probleme.

Nur Verrichtungsboxen sind den Anwohnern nicht zuzumuten

Ganz anderer Auffassung ist seit langem Mittes Bezirksbürgermeister von Dassel. „Nur Verrichtungsboxen zu machen und sonst nix, funktioniert nicht. Das ist den Anwohnern ansonsten nicht zuzumuten.“ Warum, fragt der Bezirksbürgermeister, solle ein Freier, der mit dem Auto kommt, in eine Verrichtungsbox gehen, wenn er den Sex auch überall rundrum haben könne. Seine Forderung: Rund um die Boxen muss ein Sperrbezirk her.

Das oft von Gegnern eines Sperrbezirks angeführte Argument, ein Straßenstrich mitten in der Stadt schütze die Frauen, weil die Anwesenheit der vielen Anwohner Angriffe auf die Prostituierten verhindern würde, lässt von Dassel nicht gelten. „Der Strich in der Innenstadt schützt die Frauen nicht, soziale Kontrolle findet damit nicht statt.“ Das zeigten Fälle, die regelmäßig in der Gewaltschutzambulanz der Charité in Moabit ankämen.

Charité spricht von schweren Gewaltvorfällen am Straßenstrich Kurfürstenstraße

Saskia Etzold, stellvertretende ärztliche Leiterin der Gewaltschutzambulanz, stützt diese Sicht. „Wir haben regelmäßig Fälle, wo Frauen von Freiern Gewalt erfahren, oder vergewaltigt werden.“ Immer wieder würden Frauen vom Kurfürstenstrich mit Mittelgesichtsbrüchen oder Würgemalen zu ihnen gebracht.

Die von Staatssekretärin König auch auf der Anwohnerveranstaltung vertretene Sicht, es handele sich bei den Prostituierten zu großem Teil um selbstbestimmte Sexarbeiterinnen, hält Etzold für eine Mär. All die Gewalt, der die Frauen ausgesetzt seien, das sehe für die Ärztin nicht selbstbestimmt aus. „Die Fälle vom Kurfürstenstrich sind nicht die freiwilligen Sexarbeiterinnen.“ Ein Problem, sei zudem, dass es schwer falle, für die Frauen geschützte Unterkünfte zu finden, so Etzold. Da viele keine Papiere hätten, könnten sie nicht in Frauenhäusern untergebracht werden.

Anwohner im Kurfürstenkiez gegen Verrichtungsboxen

Auch deshalb sieht Taylan Kurt, sozialpolitischer Sprecher der Grünen in der Bezirksfraktion Mitte, Handlungsbedarf. Bisherige Projekte griffen oft zu kurz, da die Frauen teils nach kurzer Zeit systematisch in andere Städte gebracht würden. „Dadurch, dass die Frauen alle drei Monate die Stadt wechseln, kommt Sozialarbeit an ihre Grenze“, sagt Kurt. „Wir brauchen für diese Frauen ein Ausstiegsprogramm, wo wir damit umgehen, dass die Frauen keine Papiere haben.“ Dabei müssten Wohnungslosenhilfe, Suchthilfe, ein Zugang zu sozialversicherungspflichtiger Arbeit sowie die Möglichkeit einer Meldeadresse mitgedacht werden.

Die Angriffe, die kennt auch Anwohnerin Adelheid Pohlmann. Nachts wache sie auf, weil wieder jemand verprügelt werde. Dazu müssten sie ständig Prostituierten und Freiern beim Sex zuschauen. „Den Leuten, die hier wohnen, geht das ziemlich auf die Nerven.“ Dennoch ist das Stadtteilforum Tiergarten-Süd, für das Pohlmann spricht, im Umgang mit dem Strich uneins. „Wir sind da sehr gespalten.“ Sie persönlich ist klar gegen Verrichtungsboxen. „Wir richten jetzt nicht unseren Kiez zu, sodass es für die Freier angenehm ist, das ist nicht Sinn der Sache.“ Die Freier, glaubt sie, würden da bei lediglich zwei bis drei Boxen Schlange stehen.

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