Ab auf den Müll

In Berlin beginnt jetzt der große Abriss der Litfaßsäulen

Fast alle der 2500 Litfaßsäulen müssen weichen. Neue werden aufgestellt. Kritiker fürchten, damit gehe ein Stück Berlin verloren.

Eine Frau bemalt eine Litfaßsäule am Gendarmenmarkt.

Eine Frau bemalt eine Litfaßsäule am Gendarmenmarkt.

Foto: Moritz Dorn

Berlin.  Wie abgestorbene Baumstümpfe werden sie aus dem Boden gerissen, brechen Löcher in die gepflasterten Gehwege. Kranwagen heben Berlins Litfaßsäulen aus ihrem Fundament und schaffen sie weg. Fast alle der 2500 müssen weichen. Bis auf 50, die unter Denkmalschutz stehen.

Viele sind seit Wochen einfarbig plakatiert – rot, gelb oder blau. Seit sich der große Abriss herumgesprochen hat, trauern die Berliner um die Säule wie um einen alten Freund. „Rettet die Litfaßsäule“ steht auf der einen. „Diese Säule bleibt“, hat jemand auf eine andere gekritzelt. Ein Künstlerkollektiv klebt Sprüche auf die historischen Werbeträger, die sonst eher auf Grabsteinen stehen – „ach, den vergisst man nicht“. Dazu Geburts- und Sterbejahr der in Berlin erfundenen Annonciersäulen: 1854 - 2019. Berlin, Heimatstadt der Litfaßsäule, trägt Trauerflor. Ein Unbekannter hat wütend auf eine Säule gekritzelt: „Wer hatte die Schwachsinnsidee, die abzuschaffen?“ Ja, wie war das?

Ein anderer Betreiber errichtet neue Säulen

Es ist eine dieser Berliner Geschichten, die man der Familie aus Wanne-Eickel, aus Bad Oldesloe oder Rosenheim am Abend bei einem Bier erzählen kann. Und im besten Fall seufzt irgendwann jemand: „Ach, Berlin“. Im schlimmsten Fall sagt jemand: „Irrsinn, da funktioniert ja gar nichts!“

Man hätte an diesem Abend also Folgendes zu erzählen: Tatsächlich baut die Wall AG alle Werbesäulen in Berlin ab. Bis Ende Juni soll die letzte verschwunden sein. Das wird, heißt es in der Werbebranche, wohl einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Vor allem, weil einige der Säulen asbestbelastet sind, kostet die Entsorgung. Sie müssen aufwendig auf die Sondermülldeponie in Schöneiche gebracht und dort vernichtet werden. Auf dem Litfaßsäulenfriedhof.

Dann käme der typische Berliner Teil der Geschichte: Die Säulen werden von dem einem Unternehmen abgebaut, um von dem anderen sofort wieder aufgebaut zu werden – zumindest in weiten Teilen.

Ein neuer Betreiber, die ILG-Außenwerbung GmbH aus Stuttgart, will mindestens 1500 der 2500 Werbeträger wieder errichten. Einige Standorte wurden aussortiert – auf Hinterhöfen und in Sackgassen lässt sich mit Werbung kein Geld verdienen. Das schwäbische Unternehmen hatte die Neuausschreibung der Außenwerbung durch den Senat gegen die Wall AG gewonnen. Und weil sich die Unternehmen nicht einigen konnten – die Konkurrenz im Werbemarkt ist beinhart – wie und für wie viel Geld man die alten Säulen erhalten könnte, werden sie nun abgebaut. Denn, das hatte der Senat in den Verträgen mit der Wall AG festgeschrieben, läuft der Nutzungsvertrag aus, müssen die Litfaßsäulen verschwinden. Auch wenn sie schon über 70 Jahre im Kiez stehen.

1854 erhielt Ernst Theodor Amandus Litfaß die erste Konzession

So kann es passieren, dass montags ein Kranwagen der Wall AG die Straße hinauffährt, die Säulen mit Maschinenkraft herausreißt, der Boden von zwei Arbeitern versiegelt wird. Und dienstags ein Lastwagen der ILG-Außenwerber vorfährt, beladen mit einer neuen Säule, die zwei Mitarbeiter dort aufstellen. Oftmals sind die neuen Säulen beleuchtet, 2,5 Tonnen schwer, aus Beton. Freudlos schick.

Irrsinnig sei das, schimpft Volker Hobrack. Da werde mit einem Handstreich Berliner Stadtgeschichte liquidiert. Hobrack kann sich richtig darüber aufregen. Der Vorsitzende des Bürgervereins Luisenstadt in Kreuzberg, sagt: „Man kann doch niemandem erklären, dass ein weiteres Stück Berliner Geschichte abgebaut wird, weil zwei Unternehmen sich nicht einigen können, und die Politik die Augen verschließt.“

Viele der erhaltenen Berliner Säulen stammen aus der Zeit nach dem Krieg, sind Zeitzeugen. Doch seit dem 19. Jahrhundert prägen sie bereits das Berliner Stadtbild. In keiner Stadt stehen noch so viele. Immerhin wurden sie von einem Berliner erfunden: Ernst Theodor Amandus Litfaß hat 1854 die erste Konzession für den Aufbau von sogenannten „Annonciersäulen“ erhalten. Den Verleger ärgerte, dass die ganze Stadt mit Reklame-Zetteln zugekleistert war. Seine Werbesäulen wurden ein Welthit und Litfaß schwerreich. Heute ist er derjenige, dem die meisten Denkmäler überhaupt gewidmet sind. Etwa 50.000 Säulen sollen noch auf deutschen Straßen stehen, in Parkanlagen und Hinterhöfen. Doch ihre Zahl sinkt – nicht nur in Berlin.

„Die Litfaßsäule“, sagt Hobrack, „die ist Berlin!“ Genau wie die typischen Gaslaternen, ebenfalls bedroht, und die sogenannten Schweinbäuche – die einen Meter breiten Granitplatten bilden das Herzstück der Berliner Fußwege. Erhaltenswert findet Hobrack das alles. „Die Stadt wird zugenagelt mit Werbetafeln, und die historischen Säulen müssen gehen“, sagt er. „Mir geht da der Hut weg!“

Bemerkenswerte Ideenlosigkeit des Senats

Sein Verein hätte sich gern um den Erhalt einiger historischer Säulen gekümmert. Man hätte sie als Orte für Kunst nutzen können oder in ihrem ursprünglichen Sinne: Als Treffpunkte im Kiez, an denen Informationen ausgetauscht werden, wo geplaudert wird. Warum ginge nicht mit den Säulen, was mit den buntbemalten Berliner Bären in der Stadt funktioniert? „Das wäre doch eine schöne Überraschung gewesen für Touristen und Anwohner“, schildert er.

Hobrack diagnostiziert dem Berliner Senat eine bedenkliche Ideenarmut. Statt Schönes mit ihnen zu tun, würden die alten Litfaßsäulen nun beschmiert. Aber, sagt der Rentner, das passiere eben, wenn man die Berliner verärgere.

Menschen von außerhalb sind oft verwundert über die Berliner Schrulligkeiten. In der Hauptstadt-Niederlassung der ILG-Außenwerber, die die neuen Säulen betreiben, reiben sie sich seit Wochen die Augen. Man brauche eigentlich einen eigenen Pressesprecher, nur um zu erklären, was das mit den neuen Litfaßsäulen auf sich habe, heißt es. „So einen Aufstand wie hier in Berlin habe ich noch nie erlebt“, sagt Stefan Baumann, Leiter der Niederlassung. „Und ich mache das seit 35 Jahren.“ Baumann hat schon Außenwerbung in allen deutschen Millionenstädten aufgebaut. „Hamburg, München, Köln und jetzt Berlin“, sagt er.

Der Werber bemüht sich, einiges richtig zu stellen: Man sei ein schwäbischer Mittelständler, die 1500 neuen Säulen nur der Anfang. In drei bis fünf Jahren wolle man wieder bei 2500 Litfaßsäulen sein. Warum aber müssen die alten überhaupt verschwinden? „Viele der alten Säulen sind asbesthaltig“, das sei der Hauptgrund, erklärt Baumann. Auch unter den Säulen lauerten Überraschungen: Jede Säule sei anders, einige hätten tonnenschwere Betonfundamente.

In Berlin sind sie dünner als im Rest der Republik

Allerdings, das muss auch Baumann eingestehen, verschwindet eine Berliner Eigenheit für immer: Die Litfaßsäulen waren hier immer dünner als im Rest des Landes. In Berlin wurden sie nach dem Durchmesser der Abwasserrohre hergestellt. Der betrage 104 Zentimeter – die Säulen im Rest der Republik seien aber 118 Zentimeter dick.

Für Baumann eine logische Konsequenz. „Berlin ist jetzt skalierbar mit ganz Deutschland.“ Bislang gab es in der Hauptstadt eine werberische Extrawurst: für Berlins Litfaßsäulen wurden besondere Plakatgrößen angefertigt.

Alles durchdacht, alles frisch und alles neu also. Warum ist da trotzdem Wehmut? Warum hängen die Berliner so an ihren alten, ollen Säulen? Sie machen einen Aufstand, wie Hoffmann das nennt. Vielleicht ist es auch das: Berlin entwickelt und verändert sich rasant wie kaum eine andere europäische Großstadt. Die Nachbarn ziehen weg, die Lieblingskneipe schließt, der Supermarkt weicht einem Bio-Markt. Überall wird gebaut – nachverdichtet, heißt das.

Wenige Konstanten bleiben: Die Litfaßsäule ist so sehr Berlin wie das Brandenburger Tor, der Bär und die Currywurst. Dabei viel weniger aufdringlich. Sie ist ein Stück Identität – in einer Stadt, in der viele Menschen auf der Suche nach ein bisschen Beständigkeit sind. Bürgervereins-Chef Hobrack sagt: „So ein Alleinstellungsmerkmal darf man nicht leichtfertig herschenken.“

Trotzdem: Fast täglich sind die Kranwagen von Wall jetzt unterwegs. Der Zeitplan ist knapp. Etwa 700 Säulen hat die Firma erst abgebaut. Man wisse, dass sie einen „hohen Stellenwert“ für die Berliner haben, sagt eine Sprecherin. Aber „trotz aller Umstände“ sei das ja nicht das Ende der Litfaßsäule auf Berlins Straßen.