Prozess in Berlin

Junge Frau an Bahndamm erwürgt – Angeklagter schweigt

Neun Monate nach dem Mord an Melanie R. in Pankow hat am Montag der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen.

Der wegen Mordes und versuchter Vergewaltigung Angeklagte sitzt am Montagvormittag im Kriminalgereicht in Moabit.

Der wegen Mordes und versuchter Vergewaltigung Angeklagte sitzt am Montagvormittag im Kriminalgereicht in Moabit.

Foto: dpa/Annette Riedl

Berlin. Am 25. Mai vergangenen Jahres wurde Melanie R. aus Pankow Opfer eines brutalen Verbrechens. Gegen den Versuch des Täters, sie zu vergewaltigen, konnte sich die 30-Jährige noch zur Wehr setzen, gegen ihre anschließende Ermordung nicht mehr. Der Mann, der nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft die Tat begangen hat, muss sich seit Montag vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Moabit verantworten. Er wurde im Juli 2018 von spanischen Polizisten festgenommen.

Der angeklagte Stoyan A. wirkt alles andere als furchteinflößend, der schmächtige Bulgare verschwindet fast hinter der Holzumrandung der Anklagebank. Angesichts der vielen vor Verhandlungsbeginn auf ihn gerichteten TV-Kameras und des Blitzlichtgewitters der Fotografen sackt der 39-Jährige noch mehr in sich zusammen. Das Medieninteresse ist groß, fast zu groß für den relativ kleinen Verhandlungssaal 701 im Gerichtsgebäude an der Turmstraße.

Angeklagter blickt starr zu Boden

Ein, zwei Worte, länger sind die von einem Dolmetscher übersetzten Antworten von A. auf die Fragen zu seiner Person nicht. Dazu richtet er sich kurz auf, gleich danach sinkt er wieder in sich zusammen und richtet den Blick starr auf den Boden vor ihm. Ihm gegenüber sitzen die beiden Anwältinnen, die den Vater und den Bruder des Opfers als Nebenkläger vertreten.

Die Eltern selbst sind nicht erschienen, sie wollen Gerechtigkeit für ihre Tochter, aber sie bringen es nicht über sich, dem mutmaßlichen Mörder Auge in Auge gegenüberzusitzen. Zum Prozessauftakt am Monat schwieg A., der zum Tatzeitpunkt ohne festen Wohnsitz in Berlin lebte. Damit war der erste Verhandlungstag nach einer halben Stunde bereits wieder zu Ende. Die Fernsehteams packten ihre Kameras und Mi­krofone zusammen, Stoyan A. wurde zurückgebracht in seine Zelle in der Untersuchungshaftanstalt.

Die Social-Media-Beraterin Melanie R. liebt es, ihre Arbeitspausen bei schönem Wetter auf einer kleinen, lang gestreckten Wiese am Rande der Dolomitenstraße in Pankow zu verbringen. Eingerahmt wird das beschauliche Fleckchen auf der einen Seite von S-Bahngleisen, auf der anderen Seite von einer Kleingartenkolonie. Am späten Nachmittag des 25. Mai 2018, einem milden und sonnigen Tag, hielt sich die 30-Jährige mal wieder dort auf, versorgt mit einer Decke und einem Buch.

Gegen 16.10 Uhr, so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft, näherte sich ihr plötzlich der Angeklagte und soll versucht haben, sie zu vergewaltigen. Melanie R. muss sich heftig gewehrt haben, das ergaben die Spuren am Tatort und die rechtsmedizinische Untersuchung ihrer Leiche. Nachdem es beim Versuch der Vergewaltigung geblieben war, soll A. die junge Frau erwürgt haben, aus Angst, sie könne ihn wegen des Vergewaltigungsversuches anzeigen, so die Darstellung in der Anklage. Ein Mord, um eine andere vorangegangene Tat zu verdecken, nennen das die Juristen.

Festnahme erfolgte nach europaweiter Großfahndung

Zwei Tage lang galt Melanie R. als vermisst, dann entdeckte ein Flaschensammler zufällig ihre Leiche in einem Gebüsch am Rande der Dolomitenstraße. Der Zustand der Leiche sowie der Kleidung der Frau ergaben deutliche Hinweise auf eine Vergewaltigung vor ihrer Ermordung. Viel wichtiger für die Ermittler der Mordkommission waren aber Hautpartikel unter den Findernägeln von Melanie R. Sie muss sich heftig gewehrt und dem Täter Kratzspuren beigebracht haben.

Das DNA-Material wurde mit der Datei des Bundeskriminalamtes abgeglichen und ergab einen Treffer. Die Spuren waren eindeutig Stoyan A. zuzuordnen, der bereits polizeilich auffällig geworden und dadurch in der BKA-Datei erfasst war. Mit einem europäischen Haftbefehl wurde eine internationale Großfahndung ausgelöst. Sechs Wochen später konnten Zielfahnder den Bulgaren im spanischen Burgos festnehmen. Weitere sechs Wochen später wurde er nach Berlin überstellt, nachdem er sich zuvor heftig gegen seine Auslieferung gewehrt hatte.

In Berlin sorgte die Festnahme des Tatverdächtigen für große Erleichterung, nicht nur weil ein Verbrechen vor der Aufklärung stand. Die Umgebung des Tatortes wird häufig von Spaziergängern genutzt, auch die Bewohner der Kleingartenanlage kommen dort häufig vorbei. Solange der Täter verschwunden blieb, ging bei ihnen allen die Angst um, ein Serientäter könne für den Mord an Melanie R. verantwortlich sein und jederzeit wieder zuschlagen.

Zum Prozessauftakt bekräftigte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, dem Mord an der jungen Frau sei ein Vergewaltigungsversuch vorangegangen. Theoretisch möglich sei allerdings auch ein versuchter Raub, Genaueres muss die weitere Verhandlung ergeben. Der Prozess wird mit ersten Zeugenaussagen am Donnerstag fortgesetzt.

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