Classic Open Air

Wenn Sinfoniker und Rockmusiker aufeinandertreffen

Gerhard Kämpfe präsentiert Dieter „Maschine“ Birr und Katharine Mehrling als Stars beim „Classic Open Air“.

Pianist Sebastian Knauer (v.l.), Sopranistin Gunta Cese, Rockmusiker Dieter Birr, Festivalchef Gerhard Kämpfe, Sängerin Katharine Mehrling und Mario Hempel, Geschäftsführer von „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt

Pianist Sebastian Knauer (v.l.), Sopranistin Gunta Cese, Rockmusiker Dieter Birr, Festivalchef Gerhard Kämpfe, Sängerin Katharine Mehrling und Mario Hempel, Geschäftsführer von „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Dieter „Maschine“ Birr wartet am Eingang im Hilton am Gendarmenmarkt. Es sind noch einige Minuten Zeit, bis die Pressekonferenz zum „Classic Open Air“-Festival beginnt. Der frühere Puhdy ist in der „First Night“ am 5. Juli dabei. Der 74-jährige Gitarrist und Sänger gilt als deutsche Rocklegende, der mitsamt seiner 2016 in Berlin aufgelösten Band über 22 Millionen Tonträger verkauft und mehr als 4500 Konzerte gespielt hat. Und wenn man „Maschine“ mit seinem langen Zottelhaar und so durchtrainiert da stehen sieht, kann man schon darüber nachdenken, was Rockmusiker und Klassikdirigenten miteinander verbindet. Beide Berufsgruppen sind viel unterwegs und führen sicherlich kein besonders gesundes Leben. Umso auffälliger ist es, dass viele Rocker wie auch viele Dirigenten bis ins hohe Alter hinein fit und kreativ sind.

Der Rockmusiker wird später auf dem Podium auf sein Verhältnis zur klassischen Musik zu sprechen kommen. Die Orchestermusiker würden „jeden Fliegendreck vom Blatt spielen“, lobt Birr seine Klassikkollegen. Mit Fliegendreck meint er die vielen kleinen Noten in der Partitur. Er sei immer noch davon beeindruckt, fügt er in seiner coolen Schnoddrigkeit hinzu. Es gibt für ihn einen Anlass, darüber zu reden, denn die „First Night“ ist dem 100-jährigen Bestehen des Deutschen Filmorchesters Babelsberg gewidmet. Das Filmorchester tritt bereits von Anbeginn beim „Classic Open Air“ auf. Also seit 1992.

Bei einer Rocklegende reichen die Erinnerungen natürlich viel weiter, in Birrs Fall bis 1973 zurück. Damals entstand in Babelsberg mit „Die Legende von Paul und Paula“ einer der erfolgreichsten in der DDR gedrehten Spielfilme. Die dafür entstandenen Filmsongs „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ machten die Puhdys erst richtig populär. Birr erinnert sich noch, wie sie gezittert hätten vor der Einspielung mit dem Filmorchester. Es war ihr erstes Mal. Der Dirigent hob die Hände und gab den Einsatz, erinnert sich Birr, „und alle spielten außer den Puhdys“. Denn Bands werden eingezählt. Man überredete den Dirigenten, doch besser einzuzählen.

Das Feuerwerk gehörtzum Finale der „First Night“

Festivalchef Gerhard Kämpfe will Birrs Vorlage nutzen und den gegenseitigen Respekt von E- und U-Musikern betonen. Denn Klassikmusiker seien auch schwer beeindruckt, wenn Rockgitarristen ihre improvisierten Soli abliefern. Nach dem Statement schaut Kämpfe auf Klaus-Peter Beyer, den Intendanten des Filmorchesters. Der schweigt. Beyer schwärmt lieber von Katharine Mehrling, die neben ihm auf dem Podium sitzt und ebenfalls in der „First Night“ zu erleben sein wird. Erwartet werden als Solisten auch Peter Maffay, Cassandra Steen, Dagmar Manzel, Axel Prahl sowie Günther Fischer mit Tochter Laura. Am Ende der ersten Nacht gibt es wieder ein großes Feuerwerk.

Gerhard Kämpfe erinnert zu Beginn daran, dass es sich bereits um die 54. Pressekonferenz des Festivals seit 1992 handelt. Wie wichtig Pressekonferenzen sind, das hat ihm in der Anfangszeit die Primadonna Montserrat Caballé klar­gemacht. Als er die seinerzeit weltberühmte Sopranistin vom Flughafen abholte, traute er sich ihr kaum zu sagen, dass es gleich noch eine Pressekonferenz gäbe. Sie winkte aber gelassen ab: „Mein Talent habe ich vom lieben Gott, die Popularität durch die Medien.“

Das Schöne an Kämpfes Programmvorschauen ist, dass die anwesenden Künstler in eine Plauderstimmung geraten und Dinge preisgeben, nach denen man sie normalerweise nicht fragen würde. Pianist Sebastian Knauer, der am 8. Juli in „Vier Pianisten – Ein Konzert“ auftritt, schlägt auf Kämpfes Drängen hin ernsthaftere Töne an. Der Hamburger erzählt, in welchem Ausnahmezustand sich seine Heimatstadt beim G20-Gipfel im vergangenen Jahr befunden hat. Er erzählt von brennenden Autos der Nachbarn und von der eigenen Ängstlichkeit. Seine Schilderung mündet in ein Plädoyer gegen jede Gewalt und Zerstörung. Pianist Knauer hat gemeinsam mit dem „Hamburger Abendblatt“ spontan ein Gratiskonzert für die beteiligten Polizisten in der Elbphilharmonie organisiert. 1000 Polizisten mit Begleitung kamen, so Knauer, „es waren auch Berliner darunter“. Was ihn allerdings schockiert hatte, anschließend wurde er in sozialen Netzwerken beschimpft und massiv bedroht.