Job-Tandem

Warum Arbeitslose und Flüchtlinge sich in Berlin Jobs teilen

An einem Lichtenberger Krankenhaus arbeiten Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge zusammen. Das Modell bringt Vorteile für beide Seiten.

Waldemar Reimann (l.) und Karsten Friese arbeiten als Job-Tandem in der Krankenhausgärtnerei

Waldemar Reimann (l.) und Karsten Friese arbeiten als Job-Tandem in der Krankenhausgärtnerei

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Jens Ortmann ist sehr zufrieden. 15 Jahre lang war der Binnenschifffahrt-Matrose arbeitslos, musste sich mit kleinen Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser halten. Seit Februar dieses Jahres ist er im Hol- und Bringedienst des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge (KEH) in Lichtenberg beschäftigt. Endlich wieder eine richtige Arbeit – Vollzeit, sozialversicherungspflichtig. Das Besondere an seiner neuen Tätigkeit: Ortmann ist Teil eines Job-Tandems. Sein Partner ist ein Flüchtling, Ali Tamo Hassan aus dem Irak.

Die Arbeitsagentur fördert diese Tandems über das Jobcenter Lichtenberg als bundesweites Pilotprojekt. Es ist zunächst begrenzt auf 20 Arbeitsplätze für jeweils zehn Langzeitarbeitslose und zehn Geflüchtete. Beide erhalten dabei im untrennbaren Duo den gleichen vollen Lohn. Unternehmen, die solche Doppelarbeitsplätze einrichten, werden ein Jahr lang drei Viertel der Lohnkosten als Fördergeld über das Jobcenter erstattet. Den Anstoß zu diesem Projekt gab der Lichtenberger CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Pätzold.

Jens Ortmann ist kein Mensch, der viel Aufhebens um sich macht. Aber wenn er von seiner neuen Tätigkeit spricht, merkt man schnell, wie gut sie ihm tut. Die Arbeit gefalle ihm, die Kollegen seien toll, erzählt er. Der 46-Jährige ist nun zuständig für die Abfallentsorgung in mehreren Häusern des Krankenhauskomplexes, er holt Medikamente aus dem Apothekenlager im Keller und bringt sie auf die Stationen. Ende vergangenen Jahres bekam er das Angebot vom Jobcenter und griff sofort zu. In einer Schulung wurde er sechs Wochen lang auf den Job vorbereitet, dann ging's los.

Manchmal geht es nicht ohne Dolmetscher

Mit seinem Tandem-Kollegen versteht Ortmann sich gut, auch wenn die Kommunikation weitgehend ohne Worte auskommen muss. Ali Tamo Hassan stammt aus dem Irak, flüchtete 2010 nach Deutschland und lebt seitdem mit seiner Frau und seinem Sohn in Berlin. Er spricht bislang wenig Deutsch. Im Arbeitsalltag ist das nicht allzu schwierig. Gibt es doch mal ein Problem, wird die Schwägerin angerufen, sie kann dann dolmetschen.

Die beiden Tandem-Partner sind vor allem immer dann ein Team, wenn Transporte oder Umräumarbeiten anstehen, sie arbeiten nicht ständig zusammen. Darauf komme es auch gar nicht an, sagt Martin Pätzold. Wichtig sei, dass sie immer wieder zusammenkommen, und dass es die Möglichkeit gibt, voneinander zu lernen und aneinander zu wachsen.

Dieses Konzept gehe auf, betont Ina Franke, Personalleiterin am KEH. Ali Tamo Hassan sei ausnehmend höflich und mit seinem ausgeprägten sozialen Verhalten eine Bereicherung für das Team. Beide Kollegen seien sehr engagiert und zuverlässig. Das Krankenhaus Elisabeth Herzberge war so überzeugt von dem Grundgedanken des Pilotprojekts, dass es seit 1. Februar gleich zwei Tandems, zunächst für zwei Jahre, beschäftigt.

Das andere Duo, Waldemar Reimann und Karsten Friese, arbeitet in der Gärtnerei. Friese, gelernter Gebäudereiniger, konnte in seinem Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten, hatte in den vergangenen Jahren vor allem Ein-Euro-Jobs. Da war das Angebot des Jobcenters ein Segen. "Man will ja auch mal mehr haben", sagt er. Waldemar Reimann kommt aus Kasachstan, lebt schon seit 20 Jahren in Deutschland und spricht recht gut Deutsch. Der Fliesenleger war ebenfalls lange arbeitslos, hat ein kaputtes Knie, typische Berufskrankheit in seinem Metier. Nun also Gärtner.

Die Arbeit mache Spaß, versichern beide. In den ersten Wochen ging es darum, Hecken zu säubern, Streugut wegzufegen, Laub zu kehren, Äste einzusammeln und Bäume zu beschneiden. Die Gartenarbeit war schwierig, weil es so oft geregnet hat. Nun aber können sie durchstarten und auch Blumenbeete bepflanzen. Insgesamt arbeiten in der Gärtnerei zehn Beschäftigte, hinzu kommen fünf Ein-Euro-Kräfte. Sie haben alle gut zu tun, das Krankenhaus verfügt über eine ausgedehnte Parkanlage, in die auch viel Geld investiert wird.

18 Beschäftigte nehmen teil - und es sollen mehr werden

Auch hier hört man über das Job-Tandem nur Gutes, von den Beteiligten selbst und von den Chefs. Die beiden hätten sich sehr gut eingefügt, auch menschlich. "Sie sind absolut pünktlich und zuverlässig und machen sauber ihre Arbeit", konstatiert Klaus Dieter Rowlin, stellvertretender Leiter der Garten- und Landschaftspflege am Krankenhaus Elisabeth Herzberge.

18 Beschäftigte nähmen an dem Pilotprojekt teil, weitere Tandems würden derzeit vorbereitet, erläutert Martin Pätzold. An dem Programm nähmen unter anderem das Abacus Tierpark-Hotel, das Projekt "Kiezküchen", Sicherheitsunternehmen sowie die BVG-Werkstätten teil. Die vier Arbeitsplätze im KEH seien über den Stellenplan hinaus neu geschaffen worden, betont Personalchefin Franke.

Das Krankenhaus hat 1150 Mitarbeiter, darunter 80 Azubis und ist einer der größten Arbeitgeber in Lichtenberg. Wichtig für das Gelingen des Tandem-Programms sei zunächst, dass das Jobcenter geeignete Bewerber aussucht, erklärt Ina Franke. "Aber auch ohne das Engagement und Interesse der Mitarbeiter im Unternehmen wäre es undenkbar", sagt sie. Die Einarbeitung sei intensiver, aber es komme auch viel zurück. "Die Menschen werden so genommen, wie sie sind. Sie werden gebraucht, und das spüren sie auch."

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