Umzug am Sonntag

Mit Stalin und Mao durch Berlin

Bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration pflegen viele Teilnehmer einen bizarren Kult um kommunistische Gewaltherrscher.

Gedenken mit Stalin und Mao: Die "LL-Demo"

Gedenken mit Stalin und Mao: Die "LL-Demo"

Wer am zweiten Januarwochenende einen Spaziergang durch Ost-Berlin macht, kann den Eindruck gewinnen, eine Zeitreise in die Sechzigerjahre unternommen zu haben. Tausende Menschen ziehen vom Frankfurter Tor zum Friedhof der Sozialisten nach Friedrichsfelde - stets unter den gestrengen Blicken von Lenin, Stalin, Ho-Chi-Minh und Mao.

Neben Transparenten und Schildern mit den Konterfeis der kommunistischen Führer tragen Teilnehmer auch DDR- und FDJ-Fahnen mit sich, und selbst Nordkorea hat regelmäßig einen stolz beflaggten Fanblock. So zogen die Berufsrevolutionäre auf der traditionellen „Luxemburg-Liebknecht-Demonstration“ stets durch die Hauptstadt. Nichts deutet darauf hin, dass es in diesem Jahr anders werden wird.

In verschiedenen Blöcken ziehen diverse K-Grüppchen mit Kürzeln wie RSB, MLKP und SOL zu den Gräbern der ermordeten KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, um dort rote Nelken abzulegen. Der Gedenkmarsch wurde bereits in der Weimarer Republik abgehalten und wurde ab 1949 in der DDR als staatliche Propaganda-Veranstaltung fortgesetzt. Vorneweg lief stets das gesamte Politbüro der SED.

Linke gedenkt der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht

Doch nicht nur orthodoxe Traditionslinke, die außerhalb dieses alljährlichen Gipfeltreffens politisch kaum eine Rolle spielen, sind vertreten: Auch viele Politiker und Mitglieder der Partei „Die Linke“ marschieren mit. Zu den Unterzeichnern des Aufrufes gehören auch in diesem Jahr Bundestagsabgeordnete wie Anette Groth, Inge Höger und Diether Dehm.

Zu einem Gesinnungstest avancierte in den vergangenen Jahren auch der Umgang mit den Opfern des Stalinismus. Im Jahr 2006 weihte der Förderverein „Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung“ mit Unterstützung des Linkspartei-Vorgängers PDS einen entsprechenden Gedenkstein in der Nähe der Gräber von Luxemburg und Liebknecht ein. Dieser wurde seitdem regelmäßig auch von der Führung der Linkspartei besucht.

Radikalere Demonstrationsteilnehmer lehnen dies hingegen ab, und auch die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, hält nicht viel davon. Als der Stein 2006 aufgestellt wurde, sprach sie von einer „Provokation für viele Sozialisten und Kommunisten“ und machte einen Bogen um ihn.

Der Berliner Landesverband der Linken gilt indes als gemäßigt. Mit einer ideologischen Nähe zu Stalin und Mao sind die Hauptstadt-Genossen bisher nicht aufgefallen. Allerdings gerät die Partei derzeit vor allem wegen der Debatte um die Stasi-Vergangenheit des Baustaatssekretärs Andrej Holm in Erklärungsnot. Dieser hatte falsche Angaben zu seiner Laufbahn in dem DDR-Geheimdienst gemacht und sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Auf Anfrage teilt die Linke mit, sowohl der Bundes- als auch der Landesvorstand der Partei werden zumindest am stillen Gedenken um 9.30 Uhr teilnehmen, also vor dem eigentlichen Demonstrationsbeginn. Der Landesvorstand unterstütze zwar auch den Umzug um 10 Uhr, werde daran wohl aber nicht teilnehmen. Der ehemalige Berliner Parteichef Klaus Lederer, der heute Kultursenator ist, nannte den Umzug im vergangenen Jahr einen „obskuren Sektenfasching“.

Wegen des Stalin- und Maokults – und wohl auch als Reaktion auf körperliche Angriffe auf linke Gegendemonstranten – bildete sich 2012 ein moderateres Gegenbündnis, an dem unter anderem auch Verbände der SPD-Jugendorganisation teilnahmen. Nach einigen mäßig gut besuchten Veranstaltungen wurde das Bündnis allerdings wieder eingestampft.

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