Berlin

Gedenken mit Nelken, Glühwein und Karl Marx

Tausende rote Nelken sind an diesem Sonntag auf die Gedenksteine und Grabstätten in der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde verteilt. Sie liegen aufeinander gestapelt, sind gesteckt oder zu Sträußen an den Wänden dekoriert. Die alljährliche Demonstration zur Erinnerung an den Tod der Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht war zur DDR-Zeit ein Pflichtritual für Zehntausende. Auch an diesem Sonntag ist es ein Ereignis, zu dem sich nicht nur die Führungsspitze der Linken wie Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch einfindet.

Auf der Brücke am S-Bahnhof Lichtenberg stehen Busse aus Hessen, aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Mittags gegen 13 Uhr machen sich die Busse für die Rückfahrt bereit. Es sind junge Menschen, Anfang 20 vielleicht, die ihre Transparente und Fahnen einrollen und im Gepäckraum verstauen. Ein heftiger Regen beschleunigt den Aufbruch. Auf der Gudrunstraße, Adresse der Gedenkstätte auf dem Zentralfriedhof der Sozialisten, laufen Demonstranten zurück zum Bahnhof Lichtenberg, diskutierend und lachend. Dass das Gedenken zu einem Event geworden ist – dazu tragen die Stände und Zelte vor dem Zentralfriedhof bei. Es gibt Bier, Glühwein, auch mit Schuss, Kaffee und Bockwurst. Wer an den Gedenksteinen vorbei ist, steht hinterher mit anderen zusammen, isst und trinkt.

Büchertische mit altenund neuen Parteischriften

An einem Stand werden T-Shirts verkauft. Auf einem ist Karl Marx mit seinem Rauschebart zu sehen. Dazu der Spruch „Wer rasiert, verliert“. An Büchertischen kann man alte und neuere Parteischriften erstehen, etwas von Ernst Thälmann oder auch eine Broschüre über die bleibenden Erfolge des Sozialismus. Gegen 14 Uhr jedoch, der Regen dauert an, sind die meisten Zelte abgebaut. Nur Einzelne kommen noch. Eine Frau mit Baseballcap und Jeans schaut sich die Namen auf den Erinnerungstafeln an. Die Hellersdorferin, 52 Jahre alt, erzählt, dass sie jedes Jahr dabei ist. Eine Tradition, die sie von ihren Eltern kennt. Allerdings kommt sie nicht als Demonstrantin, sondern steht am Stand des Vereins „Solidarität international“. Die 52-Jährige legt eine Nelke ab und läuft schnell zurück. Kurze Zeit später ist der Platz vor der Gedenkstätte fast leer. Zurück bleiben Tausende roter Nelken. Ihnen tut der Regen gut.