Prenzlauer Berg

Skurrile Souvenirs: Berlin zum Verschenken

Oliver Fabel kreiert Souvenirs aus nahezu allen Dingen, die die Hauptstadt zu bieten hat. Sein Verkaufsschlager ist eine Krippe.

Oliver Fabel macht Skurriles zum Verschenken

Oliver Fabel macht Skurriles zum Verschenken

Foto: Maurizio Gambarini

Es ist eine Berliner Eigenheit, die er von nirgendwo anders kennt: „Halbkaputte Technik, Schrott und abgenutztes Zeug am Straßenrand, an das die Besitzer den Hinweis heften: ‚Zu verschenken‘. Das gibt es nur hier“, sagt Oliver Fabel amüsiert. Der Künstler aus Prenzlauer Berg hat ein Auge für die vielen Wunderlichkeiten, denen er täglich begegnet. Aus seiner eigenen Sicht auf die Stadt hat er skurrile Souvenirs, Gebrauchsgegenstände und ein Stück Weihnachtsdekoration geschaffen, das er in diesen Tagen hundertfach in alle Welt verkauft.

Seit 2001 lebt er in Berlin. Aufgewachsen im hessischen Kassel, ausgebildet an der Bauhaus-Universität in Weimar, bringt der 46-Jährige für seine Produkte gemütliche, gutbürgerliche Traditionen wie das gesellige Kartenspielen und gut gelaunte urbane Kreativität zusammen. Etwa, als er anfing, mit dem Smartphone kleine Sperrmüllszenen am Straßenrand zu fotografieren. Bald hatte er eine beachtliche Zahl von Motiven beisammen. Ein Hingucker ist auch der silberfarbene Stereo-Kassettenplayer, ein portables Stück Lärmbelästigung, für das man als Jugendlicher sein Geschwisterlein verkauft hätte. In Fabels Fotografie hat der großzügige Spender auf dem obligatorischen „Zu verschenken“-Zettel allerdings einschränkend die Notiz hinterlassen: „Radio funktioniert noch“. Die Sammlung verarbeitete er zu einem Quartettspiel. Zum Preis von zwölf Euro ist da große Heiterkeit garantiert. Denn wo beim Autoquartett Größen wie PS und Hubraum zählen, hat Oliver Fabel neue Kriterien erdacht, etwa den wahrscheinlichen Geldwert des Abgebildeten beim Trödelhändler.

"Ich wollte etwas machen, das mit mir und der Stadt zu tun hat"

Fabels intensive Beschäftigung mit Berlin steht für einen Trend. Galt Lokalpatriotismus und die Auseinandersetzung mit seinem Kiez lange als piefiger Zeitvertreib von Altberlinern, sind die Galerien und Buchgeschäfte inzwischen voller Arbeiten jüngerer Hauptstädter mit Berlin-Motiv. Etwa Alexander Steffens „Vanishing Berlin“, sein selbstfinanzierter Bildband, der heillos unmoderne Geschäfte und vergessene Freigelände zeigt. Das Buch ist nach kaum einem halben Jahr fast ausverkauft.

Über sein eigenes Interesse daran, aus Berlin Kunst herzustellen, sagt Oliver Fabel: „Ich wollte etwas machen, das mit mir und der Stadt zu tun hat. Es sollte aus den Dingen entstehen, die ich täglich sehe.“ Dazu zählt unverkennbar der Fernsehturm. „Ich finde ihn wunderbar“, sagt Fabel. „Von überall in der Stadt ist er zu sehen, mal im Nebel, mal glasklar vor stahlblauem Himmel.“ Also hat er 27 Zentimeter lange Fernsehtürme aus Perlen geknüpft, die an einem Metallständer hängen, und bei ihm in irgendwie ostigem Jargon „Ganzjahreskugel“ heißen. 14 Euro kostet so etwas. Derlei erdenkt Fabel in seinem Büro an der Choriner Straße in Prenzlauer Berg. Eine Hälfte davon nutzt ein Musikproduzent, die Toilette ist in der Nachbarwohnung, im Hausflur stehen vier Kinderwagen. Auf einem Arbeitstisch liegen Fabels Zeichnungen des Fernsehturms als Leuchtturm. Persönliche Gegenstände, Fotos, oder dergleichen, hat er aus dem Raum verbannt. „Das ist hier eine Gegend“, sagt er in bedachtem Ton, in dem noch minimale Dialektspuren anklingen, „wo die Menschen interessiert, was hier geschieht, woran hier wieder jemand herumschraubt“. Im Sommer kommen einfach Leute hinein, die ihn fragen: „Und? Was machst Du hier so?“

Der Verkaufsschlager ist eine minimalistische Krippe

Viel Zeit verbringt Fabel in der Vorweihnachtszeit auf der Post. Von „unvorstellbaren Schlangen“, berichtet er. Dennoch ist das Christfest für ihn ein Segen, schließlich wird dann sein alljährlicher Verkaufsrenner geordert. Seine Weihnachtskrippe. Schnörkellos, wie man es von einem ehemaligen Studenten der Bauhaus-Universität erwartet, sind in seinem Bausatz Jesuskind, Maria, Josef und das übliche Weihnachtspersonal nicht putzige Figuren, sondern schlicht beschriftete Bauklötze, auf denen eben nur Hirte, Schaf, König oder Esel steht. In ganz Deutschland, in der Schweiz und Österreich bestellt man jetzt Fabels Krippe. Es gibt eine Auflage auf Englisch und Norwegisch. Ein Italiener orderte ein Unikat. Auf die in einer Blindenwerkstatt hergestellten Blöcke wurden in seinem Auftrag die Worte auf Italienisch gedruckt.

Für Oliver Fabel selbst geht es zu Weihnachten wie immer nach Hause. Er feiere mit den Eltern und Schwestern. Das geschehe sehr hingebungsvoll, sehr intensiv, denn „gegen das Ritual, die Tradition gibt es nichts einzuwenden“, sagt er. „Nur gegen den Kitsch.“

Nun muss er aber zum Postamt. In der Toreinfahrt neben dem Schaufenster seines Büros steht ein mächtiger silbergrauer Röhrenfernseher. Die Fernbedienung liegt darauf. Und ein Zettel mit der Aufschrift: „Funktioniert 100 %“

Galerie und Onlineshop unter oliverfabel.de