Bibliotheken

Wie "Shared Reading" Berliner zum Lesen zusammenbringt

Die Initiative „Shared Reading“ bringt Menschen zusammen, um gemeinsam Geschichten zu lesen und die Lust am Buch zu fördern.

 In der Amerika-Gedenkbibliothek v.li.: Carsten Sommerfeldt, Thomas Böhm und Stefanie Leimsner

In der Amerika-Gedenkbibliothek v.li.: Carsten Sommerfeldt, Thomas Böhm und Stefanie Leimsner

Foto: Marion / Marion Hunger

Irgendwann ist da dieser Moment. Wenn man sich anguckt, über die auf dem Holztisch verstreuten Blätter, und hier und da nur leises Zeitungsgeraschel zu hören ist. Manchmal auch ein scharrender Fuß auf dem Teppich, mal ein Räuspern. Ansonsten ist da nichts, nur die Bibliotheksgeräusche, die Blätter und eine Stimme, die ganz langsam daraus vorliest. Da ist es ein bisschen so wie früher, als Mama sich auf die Bettkante gesetzt und langsam vorgelesen hat. Heute sind Erwachsene in die Amerika–Gedenkbibliothek gekommen, um ein bisschen von diesem Gefühl, der Kindheitserinnerung, wiederzubeleben. Carsten Sommerfeldt und Thomas Böhm haben sich das ausgedacht. Die beiden Berliner nennen ihre Initiative, die Menschen wieder zum Vor-Lesen zusammenbringen will, "Shared Reading", also "geteiltes Lesen".

Zwei Mal in der Woche kann man in Berlin an einem der Treffen teilnehmen. Kostenlos und ohne Verpflichtung. Auch Literaturkenntnisse braucht man keine. Nur anderthalb Stunden Zeit und Lust an Geschichten, die sollte man schon mitbringen.

Angstfrei mit anderen über Literatur sprechen

Heute leitet Vorleserin Stefanie Leimsner (41) die Stunde. Sie hat den Text ausgewählt, dessen Kopien nun über den Tisch gereicht werden. Der ist einfach mit "Geschichte" betitelt. Einen Autorennamen sucht man darin vergebens. "Damit wir uns dem Text vorurteilsfrei nähern", sagt Leimsner. Nicht zu lang und nicht zu kompliziert sollte er sein. Und berühren auch. Momentan liest man verschiedene Kurzgeschichten, jede Woche von einem anderen Schriftsteller. Aber auf lange Sicht, wenn sich das Konzept etabliert habe, wenn jede Woche eine Stammleserschaft komme, dann wolle man gemeinsam einen Roman lesen, sagen Sommerfeldt und Böhm.

Im Frühjahr haben die beiden mit "shared reading" begonnen. Seit sie sich selbst haben vorlesen lassen, in Liverpool, wo es die Vorlesegruppen schon länger gibt, sind sie begeistert von dem Konzept. "Angstfrei und ohne Bildungsballast wie im Deutschunterricht über Literatur zu sprechen, das bringt die Menschen und das Lesen endlich wieder zusammen", sagen beide. Von Berlin aus wollen sie eine bundesweite Bewegung anstoßen, Gespräche mit Bibliotheken in Frankfurt, Hamburg und München sind angepeilt. Man wolle auch – so wie in Großbritannien – in Gefängnissen oder Psychiatrien lesen. Literatur kann da Therapie sein. Denn, das zeigen auch die Berliner Teilnehmerzahlen, der Lesezirkel kommt an. Heute sind neun Menschen gekommen, um sich vorlesen zu lassen.

Literatur als Therapie

In der heutigen Geschichte geht es um einen Papagei, der nicht altert, der erhaben ist über alles, was um ihn herum passiert. In den Lesepausen spricht der eine über den eigenen Papagei, der andere über Kindheitserinnerungen. Dazu gibt es Kamillentee aus der Thermoskanne und viel Gelächter. Immer mal wieder gucken die anderen Bibliotheksbesucher etwas irritiert über die Buchrücken. Dass man hier so angeregt über Literatur plaudert, das dürfte nicht so häufig vorkommen. Aus diesem Grund unterstützt die Amerika–Gedenkbibliothek Sommerfeldts und Böhms Lesevorhaben auch. Den Raum und den Tee gibt es gratis. Die Texte bringen die Vorleser mit.

Nach der Erzählung wird über ein Gedicht debattiert. Das gehört mit dazu, es soll die Stunde abrunden. Auch für diejenigen, die beim Wort "Lyrik" schon Schweißausbrüche bekommen, weil es die alte Deutschlehrerin mit den Heine-Interpretationen übertrieben hat, kann das durchaus reizvoll sein.

Am Ende der Runde sind alle Teilnehmer ergriffen

Denn: Beim Shared Reading man muss keine Reime auflösen, keine Silben analysieren. Man liest, so wie früher. Am Ende sind alle ergriffen davon. Das Gedicht stammt, man erfährt es später, von der Klagenfurter Literatin Ingeborg Bachmann. Ihre Depression, ihr Unglück, das alles ist hier konserviert. Gemeinsam spürt man dem nach, erklärt sich den Text, diskutiert darüber. "Für manche ist das hier der Luxus der Woche", sagt Vorleserin Leimsner. Was sie meint, das sind diese 90 Minuten, die man nur für sich hat und den Text, ohne Vorbereitung, ohne Stress, ohne Muss.

"Shared reading": Treffen immer montags, 18.30 Uhr in der Berliner Stadtbibliothek, Breite Straße 30–36; Mitte; mittwochs, 11 Uhr in der Amerika–Gedenkbibliothek, Blücherplatz 1, Kreuzberg

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