Immer mehr öffnet sich der Himmel, wenn man die Heerstraße hinter sich lässt und weiter in Richtung Nauen fährt. In einem kleinen Dorf, unweit von hier, lebt seit rund zehn Jahren Juli Zeh. Sie hat sich aber mit uns in Groß Behnitz an einem schönen See verabredet, denn gerade nach dem Erfolg ihres Romans „Unterleuten“ versucht sie, ihr Umfeld geheimzuhalten. In einer bunt gemusterten Jeans, dunklem Shirt und Lederjacke gekleidet kommt sie uns auf die Minute pünktlich entgegen.

Wo ist für Sie Heimat?

Juli Zeh: Seit Neuestem hier. Für mich war Heimat früher eher so ein Hassbegriff. Mit meiner tatsächlichen Heimatstadt habe ich wenig Angenehmes verbunden.

Mit Bonn.

Ja. Ich habe mich nie so wohlgefühlt in der Stadt. Ich kann das aber nicht konkret an irgendwas festmachen. Letztlich habe ich es aufs Klima geschoben, weil ich immer unter Kopfschmerzen gelitten habe. Naja, es war auch eine komische Stadt, so ein Hybrid aus rheinischer Provinz und großer politischer Welt. Das hat immer eine leicht künstliche Atmosphäre erzeugt. Vor 20, 30 Jahren war der Zeitgeist aber auch noch so, dass man Heimat nicht brauchte. Man hielt sich für mobil, globalisiert, überall zu Hause. Im Zweifel konnte man auch aus dem Koffer leben, das habe ich auch eine Zeit lang gemacht ...

Und hier empfinden Sie jetzt Heimat?

Natürlich ist das nichts, was sofort passiert, sondern etwas, das wächst. Es ist für mich schon was anderes als für die Menschen, die von hier stammen. Aber ich glaube trotzdem, dass ich den Begriff Heimat verwenden kann. Weil es einfach ein Ort ist, an dem ich mich zu Hause fühle. Ganz schlicht. Und wo ich auch nicht weg möchte.

Können Sie das konkret sagen?

Die Landschaft und die Leute. Ich mag einfach diese eigentlich nicht vorhandene Landschaft hier, ich bin nicht so ein Fan von pompösen Bergen, idyllischen Hügeln. Ich mag dieses Kahle.

Sie haben in Krakau, Bonn, New York, Leipzig gelebt. Vermissen Sie die Stadt nicht auf dem Dorf?

Nee. Ich habe schon in den letzten Jahren, die ich in Leipzig verbracht habe, der Stadt nicht mehr so viel abgewinnen können. Wir wollten ja dann eigentlich nach Berlin, weil wir uns immer noch als Stadtmenschen verstanden haben. Es hat auch eine Weile gedauert, bis wir wirklich zugegeben haben, dass wir auf dem Land leben. Wir hatten immer noch eine Mietwohnung in der Stadt. Irgendwann haben wir aufgehört so zu tun, als wäre das hier ein Wochenendhaus. Weil es eindeutig der Lebensmittelpunkt geworden ist. Und ich vermisse nichts außer Infrastruktur. Die Möglichkeit zu sagen, ich gehe jetzt mal Brötchen holen.

Kino und Theater gibt’s ja auch nicht.

Theater vermisse ich tatsächlich am ehesten. Kino nicht. Ich bin so ein Serienjunkie geworden, dass ich es schwierig finde, noch einen normalen Spielfilm zu sehen.

Hat das Land Sie verändert?

Sehr. Ich arbeite viel weniger als früher. Als wir hier angekommen waren, ist mir klar geworden, dass ich früher in der Stadt auch aus Langeweile gearbeitet habe. Weil ich nichts so richtig mit mir anzufangen wusste. Als Freiberufler kann man ja theoretisch auch mal einen Tag nichts machen. Aber was tut man dann? Um 14 Uhr in Leipzig im Café rumsitzen? Das habe ich vom 16. bis zum 26. Lebensjahr schon so exzessiv gemacht, dass es mir dann später nicht mehr so viel gegeben hat. Also habe ich halt gearbeitet, das haben die anderen ja auch alle getan.

Und was machen Sie jetzt um 14 Uhr?

Ich bin die ganze Zeit draußen. Im Garten, bei den Pferden, spazieren, mit dem Fahrrad unterwegs. Ich langweile mich nicht. Und dann hat sich durch die Kinder, sie sind ein und vier Jahre alt, der Tagesrhythmus stark verändert.

Und die Menschen in der Stadt, vermissen Sie die nicht?

Ich habe es als Erleichterung empfunden, raus zu sein aus dieser Filterbubble – immer nur die Leute kennenzulernen, die dasselbe machen wie man selbst. Akademiker, Literaten, wie auch immer. Je älter man wird, desto extremer wird das ja. Eigentlich trifft man sich immer selber. Das hört auf, wenn man Nachbarn hat.

Gibt es Akademiker in Ihrem Dorf?

Ja, aber ich muss schon nachdenken. Weil es nicht so eine Rolle spielt. Weil es auch nicht die überwiegende Mehrheit ist. Was es aber zum Beispiel gar nicht gibt, ist irgendein Geisteswissenschaftler. Eher mal ein Arzt ist auf dem Land anzutreffen.

Und haben Ihre Nachbarn Ihr Buch gelesen?

Überwiegend nein. Weil das Buch erstens teuer ist. Ich würde es auch gern verschenken, aber der zweite Punkt ist, dass die meisten Leute hier in der Gegend nicht lesen. Schon gar nicht so dicke Bücher. Vielleicht mal die Zeitung ein bisschen. Lesen ist einfach nicht der Mainstream.

Aber es gab schon Reaktionen aus Ihrem Umfeld auf dieses Buch? Sein Erfolg ist ja auch eine Nachricht, unabhängig davon, ob man das Buch gelesen hat. Der „Spiegel“ hat eine große Geschichte über Sie gemacht.

Niemand hier liest den „Spiegel“. Außer mir, ich sammele ihn jetzt wegen der Bestsellerliste. Auf Artikel gibt es kaum Reaktionen. Am ehesten noch ganz am Anfang, als die ersten Fotos erschienen. Ich hatte ja mit mir ausgemacht, dass ich mit Journalisten nicht in mein Heimatdorf gehe. Ich habe sie in den umliegenden Dörfern getroffen, mal hier, mal dort, auch für die Fotos. Und was die Leute in meinem Dorf brennend interessiert hat, waren die Häuser im Hintergrund auf den Bildern. Zum Beispiel, was das für ein Fachwerkhaus hinten in der Ecke ist, wurde ich gefragt. Aber nichts sonst. Darüber bin ich auch sehr froh.

Vielleicht hätte sich ja auch der eine oder andere von Ihnen dargestellt gefühlt.

Das hätte passieren können, ohne dass ich jetzt sagen will, da sind Leute tatsächlich abgebildet. Sowas passiert auch, wenn man niemanden abbildet. Das habe ich in der Vergangenheit schon erlebt. Bei „Unterleuten“ aber bislang nicht. Ein paar Zugezogene haben es gelesen, auch aus den umliegenden Dörfern bin ich zum Teil darauf angesprochen worden. Aber jetzt nicht so, von wegen: Das bin ja ich. Es war eher so, dass die Leute hier beim Lesen viel gelacht haben, vielleicht mehr als ein Leser aus München, weil sie viel stärker den humoristischen und satirischen Gehalt erkennen. Sie haben den Abgleich ja direkt vor der Tür.

Es ist schon ungewöhnlich, dass ein Buch dieses Umfangs und in dieser Preisklasse einen so nachhaltigen Erfolg hat. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es gibt eine ziemlich simple Erklärung, die ein bisschen nach Eigenlob klingt. Das Buch liest sich einfach gut. Das klingt vielleicht wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. Gerade bei der deutschen Gegenwartsliteratur ist es ja meist so: entweder es liest sich gut oder es ist Literatur. Und Bücher, die einen literarischen Anspruch haben, aber trotzdem unterhalten, gibt es nicht so häufig. Diese Bücher kommen eher aus den USA.

Ihr Buch ist das erfolgreichste einer deutschsprachigen Autorin in diesem Jahr. Aber Sie sind auf keiner Shortlist für einen Preis aufgetaucht. Ärgert Sie das?

Mich ärgert es gar nicht so sehr in Bezug auf „Unterleuten“, mich ärgert es grundsätzlich. Ich glaube, ich bin noch nie in die Shortlist eines Buchpreises hinein genommen worden. Da frage ich manchmal schon: Gibt es bestimmte Kriterien, die mich ungeeignet machen?

Eine These wäre: Sie exponieren sich ja im Unterschied zu vielen anderen Autoren auch politisch sehr stark. Sie sind auch als essayistische, meinungsstarke Stimme im öffentlichen Raum wahrnehmbar. Möglicherweise fremdelt der Literaturbetrieb und die Literaturkritik mit solchen Autoren.

Ist vielleicht ein bisschen so. Zumal, wenn sie weiblich sind. Das fände ich dann aber total verheuchelt. In jedem Jahr bringt doch die Literaturkritik im Sommerloch planmäßig die Frage auf: Wo sind denn die politisch engagierten Autoren? Das ist verlogen, wenn man dann die Leute, die es machen, schlecht behandelt. Dann braucht man auch nicht fragen, warum die anderen keine Lust haben.

Kann Ihr politisches Engagement einmal stärker werden als Ihre literarische Arbeit?

Ich glaube nicht, ich bin eigentlich ein Schreibtischtäter. Wenn ich zu viel von dem Engagement mache, fühle ich mich irgendwann nicht mehr wohl. Das muss immer ausbalanciert sein.

Gerade wird jemand für das Amt des Bundespräsidenten gesucht. Viele Deutsche wünschen sich wieder jemanden, der von außen kommt. Können Sie sich vorstellen, aus dem Dorf ins Schloss Bellevue einzuziehen?

Ich glaube sogar, dass ich den Job gut machen könnte. Aber nach drei, vier Tagen hätte ich den Monster-Burnout. Also höchstens eine Woche, aber nicht jahrelang. Ich glaube, dafür habe ich nicht die Nerven. Ich bewundere Politiker, auch den Präsidenten, für ihr Durchhaltevermögen.

Sie haben sich ja sehr aussichtsreich zur Juristin ausbilden lassen, aber noch während Sie an der Promotion saßen, haben Sie sozusagen im vollen Ritt die Pferde gewechselt. Wurde Ihnen da klar, dass ein Anwalts- oder Richterjob nichts für Sie ist?

Richter – das wäre was für mich gewesen. Das war auch keine leichte Entscheidung. Ich habe mich nach dem Zweiten Staatsexamen, als ich die Zulassung hatte und in den Job hätte gehen können, dagegen entschieden. Mit einem knappen Gefühl. Ich habe Listen gemacht mit pro und contra. Ich hatte damals schon drei Bücher veröffentlicht, es zeichnete sich ab, das Schreiben könnte eine Existenzgrundlage sein. Mit allen Leiden und Freuden des künstlerischen Freiberuflertums. Auf der anderen Seite der Richterberuf, eine sehr gesicherte Stellung mit einer Materie, die mich interessiert hat. Ich glaube, ich wäre auch ganz glücklich geworden im Jura-Job. Es mag bescheuert klingen, aber ausschlaggebend waren dann doch so Sachen wie Lange-Schlafen-Können, Keinen-Chef-Haben. Meinen Lebtag hatte ich Schwierigkeiten, mich unterzuordnen oder auch nur einzuordnen. Ich bin oft angeeckt, und das waren dann so Überlegungen, warum ich gedacht habe, wenn du jetzt die Chance hast als Ich-AG, dann machst du es auch besser.

Und Bürgermeister in Ihrem Dorf – wäre das nicht ein interessanter Job? Welcher Partei gehört denn der jetzige Bürgermeister an?

Parteien spielen bei uns nicht so eine Rolle. Unser Bürgermeister ist in keiner Partei. Wir sind mit unserem Dorf so klein, dass es wirklich nur um Sachthemen geht. Nichts was sich in irgendeiner Weise in links oder rechts einsortieren könnte. Es ist ein winziges Budget zu verteilen. Und völlig verarmte Gemeinden sind infrastrukturell sozusagen vor dem Ersaufen zu erretten. Das ist halt die Aufgabe. Da könnte ich mir vorstellen, eines Tages tätig zu werden. Das ist kommunale Selbstverwaltung wie sie ursprünglich gedacht war. Im Sinne von: die Leute, die da leben, kümmern sich um ihren eigenen Scheiß.

In „Unterleuten“ wird der Dorffrieden durch den Bau von Windrädern empfindlich gestört. Wie finden Sie Windräder?

Gruselig, bedrückend. Bei uns sind sie Gott sei Dank nicht in Sichtweite. Ich glaube nicht, dass das die Technologie der Zukunft ist. Wenn ich pro­gnostizieren müsste, würde ich sagen, in 20 Jahren werden die rückgebaut.

Wenn ich jetzt in Ihr Dorf ziehen würde, als Berliner, und Ihr Nachbar werden würde – auf was müsste ich mich einstellen?

Ein sehr herzliches Willkommen von der gesamten Mannschaft. Das kann ich, glaube ich, garantieren. Was sich allerdings an dem Tag schlagartig ändern würde, wenn Sie in irgendeiner Weise Hochnäsigkeit an den Tag legen würden. Das ist eigentlich das Einzige, das einem verübelt wird. Was aber viele Berliner mitbringen. Sie merken das manchmal selber nicht, sie denken, sie sind was Besseres. Ich habe schon erlebt, wie jemand , der zum Tomatenanbau raus zieht, versucht, jemanden, der das seit 60 Jahren für seinen Lebensunterhalt macht, zu erklären, wie man eine Biotomate anbaut. Das finden die Leute dann doof. Und sind weniger herzlich.

Es gibt ja einen berühmten Autor in der Uckermark, der es sich mit seinen Nachbarn verscherzt hat.

Und der es sehr lustig erzählen kann. Ich habe auch viele Sachen gemacht, die Verscherzungspotenzial haben. Zum Beispiel habe ich am Anfang versucht, Leute für Hilfeleistungen zu bezahlen. Das ist mir was Selbstverständliches gewesen. Wenn jemand einen Nachmittag lang auf seinem Traktor sitzt und mir eine zwei Hektar große Koppel schlegelt, versuche ich, dem hinterher einfach was zu geben. Weil mir das auch sonst peinlich ist. Das ist aber eigentlich eine Beleidigung.

In einer Stadt ist das undenkbar.

Man kommt da in eine andere Kultur. Ich kannte das so nicht. Auch mal ein paar Stunden übrig zu haben für jemanden. Man selber ist es gewöhnt, sich da freizukaufen. Man gibt Geld und hat ein reines Gewissen. Das ist ja auch unsere globale Haltung: Wir bezahlen alles und brauchen uns dann nicht schämen. Das muss man sich bei uns auf dem Dorf aber abschminken.

Das klingt aber alles viel netter als im Buch. Da treffen doch die Interessen sehr hart aufeinander und die Unterschiede zwischen den Menschen führen zu Katastrophen.

Über die netten Seiten zu schreiben wäre langweilig gewesen. Dafür gibt es ja die „Landlust“. Aber das ist nicht mein Ding.

Können die Städter etwas lernen von den brandenburgischen Dorfbewohnern?

Abregen, mal grundsätzlich. Was ich in Städten angefangen habe mentalitätsmäßig zu hassen und weswegen ich auch aus Leipzig unbedingt weg wollte, ist so eine Überempfindlichkeit im Umgang. Dass Leute sich von allem immer gestört fühlen. Egal ob es ein Radfahrer ist, der falsch abbiegt, oder eine Kneipe, wo um 23 Uhr noch Leute draußen sitzen, oder ein Kind, das Lärm macht – egal was es ist, die Leute fühlen sich gestört und dann gibt es auch schnell den Impuls, die Polizei zu holen und Anzeige zu erstatten. Ich kriege schon während ich das erzähle Blutdruck. Was man von den Leuten hier draußen lernen kann, ist, es erst mal einfach gut sein zu lassen.

Das klingt ein bisschen nach Ihrer alten Heimat, rheinländisch.

Vielleicht trifft sich da wirklich was. Ich habe mal gehört, dass hier tatsächlich viele Rheinländer angesiedelt worden sind, als man Bevölkerung brauchte, um trockengelegte Ländereien zu bestellen. Vielleicht wurde da mentalitätsmäßig so ein Kern gelegt was den Umgangston betrifft. Denn auch dieses Schnippische, womit ich sehr gut kann, was aber manche Leute gerade aus Süddeutschland stark verärgert, kenne ich auch aus dem Rheinland. Dass die Leute einem geradeheraus sagen, was sie in dem Moment denken, immer mit so einem Stachel dabei. Entweder versteht man, dass das ein kleiner Fehdehandschuh ist und dann schießt man zurück. Oder man versteht es nicht und schnappt ein. In dem Fall wird das aber nicht so eine gute Freundschaft.

Werden Sie eigentlich auf dem Land bleiben?

Ja.

Niemals wieder in die Stadt zurück?

Irgendwann, vielleicht. Zumal das Dorf kein guter Ort ist, um alt zu werden. Wenn man die Mobilität verliert. Vielleicht kehrt man mit 70 doch lieber in die Stadt zurück, macht wieder mehr Kultur als Natur, geht jeden Tag ins Theater, verstärkt den Silbersee, der da eh sitzt. Aber geplant ist das nicht.