Stadtentwicklung

Die Europacity wird eine Stadt in der Stadt

Wohnen in Berlin: Die Stadt wächst jährlich um rund 40.000 Einwohner. Das verändert die Stadt vor allem da, wo es noch Platz gibt.

Das „Quartier Heidestraße“ in der Simulation: Es ist Teil der Europacity, im Vordergrund ist der Nordhafen zu sehen

Das „Quartier Heidestraße“ in der Simulation: Es ist Teil der Europacity, im Vordergrund ist der Nordhafen zu sehen

Foto: (C) Quatier Heidestraße GmbH

Trüb und einsam ist der Morgen auf dem Gelände weit hinter dem Hauptbahnhof, wo mit der geplanten Europacity schon bald eine Stadt in der Stadt in die Höhe wachsen soll. Hier ist Leben geplant: Kultur, Freizeit und Wohnen hinter modernen Glasfassaden. Neubauten werden sich an Neubauten reihen, wo jetzt nichts ist, als halb verfallene Industriebauten, Sandhaufen und Pfützen. Neben der ICE Trasse, die sich ihren Weg zum Hauptbahnhof gräbt, versiegeln riesige Betonplatten den Boden. Am Rand der Fläche rosten Lkw-Container auf hohen Stelzen vor sich hin und muten an wie langbeinige Insekten. Hier ist das Quartier Heidestraße als Teil der Europacity geplant.

Europacity, so ist das nördlich vom Hauptbahnhof entlang der Heidestraße bis hoch zur Perleberger Brücke entstehende Stadtquartier benannt. Das klingt urban, das klingt allerdings auch ein wenig beliebig, schließlich gibt es ein Quartier gleichen Namens auch in der Bankenmetropole Frankfurt.

Das neue Quartier, das da zwischen den Bahngleisen und dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal errichtet wird, ist mit seinen 40 Hektar Grundfläche in etwa so groß wie der Potsdamer Platz. Noch ist nicht viel zu sehen von dem lebendigen, bunt gemischten Stadtviertel, das dort nach dem Willen der Stadtplaner entstehen soll. Denn realisiert sind bislang vor allem Unternehmenszentralen und Hotels.

Richtung Wedding ist noch städtebauliche Wüste

In der Nähe des Hauptbahnhofs stehen etwa der Total Tower oder das PWC-Gebäude am Humboldthafen. Richtung Wedding hingegen, wo die Panke in den Nordhafen mündet, ist städtebauliche Wüste. Die wird schnurstracks von der neu ausgebauten Heidestraße durchschnitten. Die Straße ist Vorbote dafür, dass sich hier in Zukunft etwas ändert. Links und rechts mit jungen Bäumen versehen, der Mittelstreifen ordentlich bepflanzt mit Büschen voller schwarzer Beeren. Eine einzige Sonnenblume streckt sich mit ihren Blüten in den Nebel.

Wie eine Oase in der Einöde liegt eine Tankstelle in der Mitte des 40 Hektar großen Geländes an der Heidestraße. Drinnen ist es warm, durch das Fenster sieht man die Kräne in den grauen Himmel ragen. „Wake me up before you go, go“ dudelt aus dem Radio. In der Schlange stehen Bauarbeiter mit dicker Wetterkleidung und roten Gesichtern. Sie kaufen Zigaretten und Kaffee. Daneben kommen vor allem Pendler und Anzugträger.

Auch Holger Schwinge kommt öfters vorbei. Der IT-Berater ist in Berlin aufgewachsen und gerade auf dem Weg zu einem Kunden. „Ich kann mich erinnern, dass hier immer Brachland war“, erzählt er. „Und an den Zirkus, der hier jedes Jahr auf dem Gelände aufgebaut wurde.“ Generell sei die Erschließung des Geländes gut, sagt er. „Vor allem der Ausbau der Heidestraße als Verbindung nach Tegel.“

3000 Wohnungen, drei Kitas und eine Schule in der Europacity

Östlich der Heidestraße haben bereits die Bauarbeiten für die ersten Wohnungen begonnen, insgesamt sollen in den kommenden Jahren 3000 Wohnungen, drei Kitas und eine Schule entstehen. Westlich der Heidestraße ist man dagegen noch nicht so weit. Das Gelände zwischen Heidestraße und Bahntrasse mit insgesamt etwa 85.000 Quadratmeter Grundstücksfläche als Teil der innerstädtischen Europacity wird ab 2017 bebaut.

860 Wohneinheiten sind auf diesem Teilstück geplant, davon ein Viertel als geförderte Mietwohnungen. Entwickelt wird dieser Teilbereich von der Quartier Heidestraße GmbH. Neben Wohnungen sollen auch Einzelhandel, und Kultur sowie Gastronomie ihren Platz finden. Eine der geplanten neuen Kitas soll hier angesiedelt werden. Die Bebauung wird durch begrünte Innenhöfe, Freiflächen und einen Stadtplatz aufgelockert.

Das große Entwicklungsgebiet hat bereits weitere Investoren in die unmittelbare Nachbarschaft gelockt. Das Quartier Lehrter Straße, das die Berliner Groth-Gruppe entwickelt, ist bereits im Bau. Rund 250 Millionen Euro will das Unternehmen nach eigener Aussage investieren, der erste Bauabschnitt soll im Sommer 2018 fertig sein, das gesamte Quartier mit seinen mehr als 1000 Wohnungen Mitte 2019 komplett bezogen sein.

Mix aus Sozialwohnungen und frei finanzierten Miet- und Eigentumswohnungen

Das zwischen Lehrter Straße und dem „SportPark Poststadion“ gelegene Bauareal umfasst 3,7 Hektar, auf denen sich die Wohnungen in insgesamt 23 sechs- bis achtgeschossigen Stadthäusern mit einem Mix aus geförderten Sozialwohnungen, frei finanzierten Mietwohnungen sowie Eigentumswohnungen und Mikroapartments in einem 18-geschossigen Wohnturm verteilen soll. Eine Kita sowie Geschäfte am neuen Stadtplatz sind ebenfalls vorgesehen.

So viel Bautätigkeit weckt in der Nachbarschaft die Befürchtung, dass mit den neuen Wohnungen auch für die Mieter der angrenzenden Altbauquartiere die Mieten steigen. „Das Problem ist, dass die Mieten brutal in die Höhe gehen werden. Ich habe einen guten Freund, der hier wohnt und sich Sorgen macht“, sagt auch Holger Schwinge. Nicht ganz zu Unrecht: Immerhin 3844 Euro je Quadratmeter sollen die Eigentumswohnungen kosten.

Das ist zwar für einen Neubau im Bezirk Mitte ein vergleichsweise günstiger Preis. Aber in der Nachbarschaft von Alt-Moabit eben doch eine Preiskategorie, die sich die meisten Bewohner dort nicht leisten können. Immerhin: Die Mietpreise im geförderten Wohnungsbau – exakt 158 Wohnungen – sollen ab 6,50 Euro je Quadratmeter und Monat nettokalt angeboten werden. Die frei finanzierten Wohnungen starten bei 10,50 Euro je Quadratmeter und Monat.